Rolf Malcolm Fongué, wie bewerten Sie die Aussage von Ex-Sprinter Stefan Burkart, dass Ihr Konkurrent Amaru Schenkel hundert Meter unter zehn Sekunden laufen kann?

Rolf Malcolm Fongué: Das Potenzial ist sicher da. Wie es sich anhört, ist das Ganze gut geplant. Mal schauen, ob es klappt.

Vertrauen Sie darauf, was Ihr Umfeld Ihnen zutraut?

Ich vertraue meinem Trainer Junaid Azmuth nicht nur in sportlichen, sondern auch in privaten Angelegenheiten.

Sie können sich selbst offensichtlich richtig einschätzen. Letztes Jahr sagten Sie vor der Freiluftsaison, Sie seien so stark wie nie. Und es ging aufwärts, bis heute.

Es brauchte viel, um den Körper sozusagen zu entgiften von all den schlechten Erlebnissen der acht Jahre zuvor. Die Leistungen in dieser Zeit waren zwar nicht immer schlecht, aber immer mit Schmerzen verbunden. Man muss sich Zeit geben, das fiel mir nicht immer leicht. Denn mit mir bin ich nicht so geduldig wie mit andern.

Sie meinen, es ist kein Zufall, dass Sie früher so oft verletzt waren?

Auf jeden Fall. Seit ich das erste Training bei Junaid machte, war ich nicht mehr verletzt. Er zeigte mir Phase für Phase, was passiert. Jetzt bin ich entgiftet, deshalb sollte ich dieses Jahr nochmals einen grossen Fortschritt machen. Jetzt geht es um das Finetuning.

Hören Sie auch auf andere?

Es muss nur zwischen Athlet und Trainer stimmen, das ist der Fall. Ich will nicht zurückblicken müssen und feststellen, dass ich etwas bereue.

Nach Ihrem Lauf zum kürzlich gewonnenen Hallenmeistertitel über 60 Meter ist Ihnen Ihr Kumpel Steven Gugerli um den Hals gefallen, im Glauben, er hätte es geschafft. Dachten Sie das auch?

Ja, ich hatte auch das Gefühl. Ich spürte ihn dicht neben mir, dachte, er wäre näher dran als acht Hundertstelsekunden. Schliesslich hat es knapp nicht gereicht. Ich weiss, wie das ist: 2010 fehlten mir zwei Hundertstelsekunden für die Freiluft-EM. Solche Momente gehören halt auch dazu.

Sie gewannen letztes Jahr Bronze an der SM über 200 Meter. Verfolgen Sie diese Disziplin weiter?

Ich kenne die Planung noch nicht im Detail, aber ich will über 200 Meter einen Schritt weiterkommen – einen sehr grossen sogar, nimmt man den Vergleich mit einhundert Metern. Denn meine Bestzeit (21,42 Sekunden, Anm. d. Red.) ist im Vergleich zu der über 100 Meter irgendwie nicht logisch.

Warum sind Sie in der Halle nicht zum 200-Meter-Rennen angetreten?

Es war Horror auf dieser Bahn in Magglingen! Die ist nur 187 Meter lang. Wegen des kleineren Radius bin ich fast aus der Kurve geflogen, musste auf einem Bein korrigieren. Doch so komisch das klingen mag: Die Zeit, die ich trotz dieser widrigen Umstände gelaufen bin, hat mich zuversichtlich gestimmt.

Kann man etwas von Ihren guten Leistungen in der Halle für die Freiluftsaison ableiten?

Auf jeden Fall. Für meinen Trainer ist es wichtig, zu sehen, wo ich in den verschiedenen Rennphasen stehe, das kann er anhand der Zeiten in der Halle. Was er alles sieht, kann ich nicht genau sagen – ich bin ja nur der Läufer, er ist der Coach (lacht).

Was ist bis auf die Distanz der Unterschied zwischen einem 100-Meter-Lauf und einem 60-Meter-Lauf?

Über 60 Meter darfst du dir keine Fehler erlauben, musst aufmerksamer sein als über 100. Du musst extrem angespannt sein, aber nicht verspannt, der Start muss dir gelingen.

Sie sagten einmal, Sie wollen sich von Zeiten und Rängen lösen. Wie siehts diesbezüglich für die EM aus?

Die EM ist ein Grossanlass, ein Championship. Ich gehe in jedes Rennen mit dem Ziel, zu gewinnen, das pusht mich. Eine Zeit im Kopf zu haben, macht mich nervös, das ist schwer zu kontrollieren. Du musst versuchen, im Moment zu bleiben. Die Zeit ist eine Nebensache, eine schöne Nebensache, natürlich.

Wie oft ist Ihnen das gelungen?

Diese Saison klappt das ganz gut. Ich kann die Rennen geniessen, ohne mir im Vorfeld einen allzu grossen Druck zu machen. Wie letztes Jahr, als ich 10,25 Sekunden lief.

Wenn man Fotos aus Ihrer Karriere durchsieht, fällt auf, dass Sie sich im Vergleich zu andern kaum in Posen werfen. Bauen Sie damit ein Image auf?

Nicht bewusst. Ich bin ein selbstkritischer Mensch, der den Sport in erster Linie für sich selbst macht.

Es gibt ein Bild, das Sie mit der Staffel am letztjährigen Weltklasse-Meeting zeigt. Während die andern Faxen machen, halten Sie sich leicht im Hintergrund. Entspricht das Ihrem Typ?

(Überlegt und lacht dann) Damals bin ich gestürzt, vielleicht hatte ich noch Schmerzen – ich weiss es nicht mehr.

Ihr Kumpel Steven Gugerli ist ein extrovertierter Typ.

Es gibt viele verschiedene Persönlichkeiten. Ich bin im Privaten eher introvertiert, schätze die Ruhe. Auf dem Wettkampflatz hingegen will ich natürlich im Fokus stehen.

Wenn man Fotos von Ihnen betrachtet, stechen einem ausserdem Ihre verschiedenen Gesichtshaar-Moden ins Auge. Aktuell tragen Sie Bart.

Der Grund dafür sind Fotos vom letzten Jahr, auf denen ich für meine Verhältnisse extrem bleich bin – das geht gar nicht! Im Sommer kommen die wieder weg.

Apropos Sommer: Fliegen Sie nächstens wieder nach Südafrika zur Vorbereitung?

Das Trainingslager fand bereits statt. Ich hätte dadurch die Hallensaison verpasst, das wollte ich nicht. Ausserdem ist das nicht gut für mich zu diesem frühen Zeitpunkt. Letztes Jahr war ich danach krank, mein Trainer meint, weil der Temperaturunterschied zu gross war. Ich fahre deshalb zur Vorbereitung nach Italien.

Für die WM?

Natürlich ist es ein Ziel von mir, am Saisonhöhepunkt dabei zu sein. Über einhundert Meter und je nachdem auch über zweihundert. Mit der Staffel (4 x 100 Meter) sind wir ja schon qualifiziert.

In der Staffel haben Sie einen Platz auf sicher. Konkurrenz ist kaum da: Mit Aron Beyene und Cédric
Nabe sind zwei Athleten zurückgetreten, Pascal Mancini ist gesperrt. Sind Sie froh darüber?

Ich sehe das eher mit einem weinenden Auge. Konkurrenz spornt mich an, ein geschenkter Platz in der Staffel ist nichts wert. Ausserdem kann eine Staffel nichts erreichen, wenn die Abstände zwischen den einzelnen Läufern zu gross sind.

Auch in der Hallensaison fehlt die Konkurrenz. Trotzdem sind Sie persönliche Bestzeit gelaufen.

Die SM ist etwas ganz Besonderes für mich. Da habe ich eine ganz eigene Energie in mir, ich kenne meine Konkurrenten in- und auswendig, weiss, wer welche Zeit laufen kann. In den Vorläufen konnte ich sozusagen joggen und dabei Selbstbewusstsein tanken. An einer EM oder WM hingegen sind alle auf demselben Niveau, von Anfang an gehts um alles. Es ist gut, dass Göteborg «nur» ein europäischer Vergleich ist. Mit Blick auf die WM vom nächsten Jahr möchte ich mich vorn etablieren und dann Schritt für Schritt weitergehen.

Wie sieht die Sponsorenlage bei
Ihnen aus?

Ich merke, dass es in der Schweiz schwierig ist, jemanden von einem Investment zu überzeugen, das risikobehaftet ist. Erst, wenn man schon jemand ist, wird man unterstützt – doch dann braucht man das ja nicht mehr dringend. Als Mannschaftssportler hätte ich grössere Chancen, wurde mir mitgeteilt. Ich hoffe, dass sich daran etwas ändert, wenn ich noch bessere Leistungen erziele.

Arbeiten Sie weiterhin als Personal Trainer?

Ja, das läuft okay. Ich habe ein, zwei Kunden mehr. Über Mittag kann ich mit ihnen arbeiten, wenn ich selbst kein Training habe. Ich komme über die Runden.