Wie lange darf man Träumer sein? Eric Fongué lächelt etwas müde. Seit der 2. Klasse währt sein Traum von der amerikanischen Profibasketballliga NBA. «Meine Lehrerin sagte damals, sie würde das toll finden.» In der 5. Klasse beschied man ihm, er solle aufhören zu träumen. In der Oberstufe und der Fachmittelschule nahm man ihn schliesslich nicht mehr ernst.

Am 16. September macht sich der 21-jährige Dietiker auf in die USA. Zum zweiten Mal nach letztem Jahr. Er ist seinem Traum so nah wie nie – wenigstens geografisch. Im nordöstlichsten Staat Washington spielt Fongué auf Collegestufe. In der vergangenen Saison war er an der Western Washington.

Weil er in der kommenden Saison acht Seniors – Spieler, die danach von der Schule abgehen und danach auf einen Verein angewiesen sind – vor sich hat, sind die Chancen auf Einsatzzeit gering. Das habe ihm der Coach auch so mitgeteilt. Fongué entschied sich daraufhin für einen Wechsel an das nahegelegene öffentliche College. Ein Rückschritt wahrscheinlich, mit Sicherheit aber eine Enttäuschung für den U18- und U20-Nationalspieler (zwei EM-Teilnahmen). Bei weitem nicht die erste.

Inernational einer unter vielen

Er selbst sagt dazu ohne Bitterkeit: «Wenn man oft enttäuscht wird, hat man irgendwann kein Problem mehr, damit umzugehen.» Fongués Weg ist ein steiniger, die Schuld dafür hat er zunächst bei anderen gesucht und schliesslich bei sich selbst gefunden. 12 Monate ab Sommer 2009 in einem Camp auf Gran Canaria hätten ihm die Augen geöffnet. Viermal täglich Training und ein Minimum an Komfort verdeutlichten ihm: Er ist keine grosse Nummer, nicht nur wegen seiner im internationalen Vergleich geringen Körperlänge von 1,98 Metern. Er ist einer unter vielen, die der Erfüllung seines Traums nacheifern.

In der Schweiz hatte er anders gedacht. «Ich habe den Sport ernster genommen als die meisten meiner Mitspieler», sagt er. Das heisst im Umkehrschluss: Er hat seine Mitspieler nicht ernst genommen. Der Dietiker sah sich als Einzelkämpfer. GC-Trainer Riet Lareida liess ihn spüren, dass das nicht zu einer Teamsportart passt. Er liess ihn in der NLA mehrheitlich auf der Bank schmoren. Der Limmattaler sah den Grund nicht dafür – bis sein Bruder Rolf Malcolm, der Spitzensprinter, einst ein Match der GC Wildcats besuchte. «Er sagte mir, dass ich arrogant rüberkomme, sobald ich das Feld betrete, nach dem Motto ‹Ich gegen die ganze Welt.›»

Hinten angestellt

Der jüngere seiner zwei älteren Brüder ist eine wichtige Bezugsperson für Eric Fongué. Beide sind der Auffassung, dass es «für alles einen Grund gibt». Dass er nach der Rückkehr von Gran Canaria und einem Abstecher nach Göttingen ein zweites Mal bei den Wildcats anheuerte, sei die Chance gewesen, Ressentiments aus seiner ersten Zeit auszuräumen. Er stellte sich hinten an. Über das 1.-Liga-Team fand der Center oder Power Forward 2010 in die NLA zurück, bevor er sich nach Übersee aufmachte.

In den USA geht er auch zur Schule. Die zwei Semester in Allgemeinbildung an der Western Washington werden ihm nach seinem Wechsel angerechnet. Nach zwei weiteren hat er den Junior-College-Abschluss in der Tasche. «Die Schule mache ich meinen Eltern zuliebe», sagt er offen, Gehenlassen durfte er sich im Unterricht nicht, wegen des Stipendiums, aber auch aus Selbstantrieb. Sein Notendurchschnitt würde in der Schweiz 5,25 entsprechen. Die nächsten 12 Monate gibt er sich Zeit, um ein Engagement in einem Profiverein zu erlangen. «Auf der Stufe, auf der ich jetzt spiele, sind viele Scouts», macht sich Fongué Hoffnung.

Wie lange darf man denn nun Träumer sein? Der Limmattaler hat keine Antwort. Nach dem letzten Jahr habe er sich erstmals gefragt, «Was wäre, wenn?». Das Vertrauen in seine Fähigkeiten ist indes nicht geschwunden. «Ich weiss, wo ich im Moment stehe – es gibt nichts, das ich nicht kann.» Ob das auch für das Erreichen der am höchsten hängenden Trauben gilt? Fongué jedenfalls glaubt daran.