Leichtathletik
Bringt der Blues den Rücktritt von Sprint-As Amaru Schenkel?

An den Europameisterschaften im Vorlauf ausgeschieden und mit der Staffel den geradezu verhassten vierten Platz belegt: Amaru Schenkel blickt mit Bitterkeit auf die vergangenen Wochen zurück, die die laufende Saison prägten.

Raphael Biermayr
Merken
Drucken
Teilen
Hängt in der Luft: Amaru Schenkel (hier im Training in Widen) weiss noch nicht, wie seine Zukunft aussieht.bier

Hängt in der Luft: Amaru Schenkel (hier im Training in Widen) weiss noch nicht, wie seine Zukunft aussieht.bier

Raphael Biermayr

Auf die Euphorie folgt die Leere. Dieser Gefühlswechsel eint erfolgreiche und enttäuschte Athleten. Während Erstere dank des Ruhms und der Schulterklopfer gut damit umgehen können, müssen Letztere sich meistens allein zurechtfinden. Amaru Schenkel gehört zur zweiten Kategorie. Der Sprinter aus Dietikon erlebte am Höhepunkt seines Sportlerlebens Niederschläge. Als Einzelstarter verpasste er über 100 Meter den Einzug in den Halbfinal. Und dem an sich überraschenden Abschneiden der Staffel (Schweizer Rekord im Vorlauf und Finalqualifikation) konnte er nichts Versöhnliches abgewinnen. Schon im Vorfeld der Europameisterschaften hatte er gesagt, dass er lieber Fünfter werden würde, denn als Vierter über Verpasstes zu hadern. Doch genau das traf ein. Nach einem missglückten letzten Wechsel waren alle Träume dahin. «Den Schweizer Rekord hätten wir sicher verbessert, vielleicht wäre eine Medaille dringelegen», blickt Schenkel zurück.

Geld wird knapp

Was bedeutet das EM-Scheitern für den schillernden 26-Jährigen? Einerseits fehlen ihm Perspektiven und – zumindest gegenwärtig – das Feuer. Die Leichtathletik wartet zwar mit einer beinahe inflationären Dichte an Grossereignissen auf, doch auf der Weltbühne figurieren die Schweizer in der Regel nur unter ferner liefen. Für einen erfahrenen Athleten wie Schenkel übt der reine Erfahrungswert keinen Reiz mehr aus, wie er offen einräumt: «Ich war schon überall. Wenn ich heute Olympische Spiele höre, sage ich nicht mehr: Judihui, ich kann da mitmachen.» Andererseits wird das Geld knapp. Schenkel sagt, er sei schon vor zwei, drei Jahren mit dem Privatkonkurs konfrontiert gewesen wegen des Sports. Jetzt findet er sich in einer ähnlichen Situation wieder. «Die Sponsoren rennen mir nicht gerade die Türen ein», erklärt er. Die konzentrieren sich auf die Gesichter der EM, zu denen Schenkel nicht gehörte.

Ein Gesicht ist natürlich Langhürden-Europameister Kariem Hussein. «Er hat das zweifellos toll gemacht», sagt Schenkel, «aber er hatte auch das Glück, dass im richtigen Moment alles stimmte für einen Exploit. Das Schicksal hat ihm etwas auf dem Silbertablett serviert und er hat zugegriffen.» Schenkel hingegen sei auch das Glück nicht hold gewesen. Dass es Staffelkollege Pascal Mancini im Einzelstarter mit 10,43 Sekunden direkt in den Halbfinal schaffte, der Limmattaler in einer anderen Serie mit 10,44 Sekunden aber ausschied, hat er bis heute nicht verdaut. Er sagt denn auch selbst, dass er noch im Verarbeitungsprozess steckt. Oder anders ausgedrückt: Schenkel hat den Blues. Dass er seinen Start im 100-m-Rennen jüngst bei Weltklasse Zürich verletzungsbedingt absagen musste, macht es nicht leichter für ihn.

Chancen stehen 50 zu 50

Schenkel wird vor Augen geführt, dass die jahrelangen Entbehrungen nicht den gewünschten Ertrag brachten. Schenkels Gleichung dazu lautet: «In der Leichtathletik muss man schon dankbar sein, wenn 1 plus 1 am Ende 1,5 ergibt. Bei mir ist es weniger.» Wer dem Athleten der LV Winterthur zuhört, dem geistert unweigerlich das Wort «Rücktritt» durch den Kopf. Wars das, Amaru Schenkel? Der Lautsprecher sagt kleinlaut: «Ich bin schon lange dabei, irgendwann hat alles ein Ende. Im Moment stehen die Chancen 50 zu 50.»