Die Etikette muss stimmen. Als es in einer Wohnung in der Fahrweid um die Aufnahme eines Fotos geht, setzt bei Marcel Hirzel der Wettkampfmodus ein: Rasieren ist Pflicht, dazu das Wettkampfhemd und die Bundfaltenhose.

Ja, Darts ist ein Gentleman-Sport, ungeachtet des zweifelhaften Rufs, der dem ursprünglichen Pub-Zeitvertreib anhaftet. Zwischen Weihnachten und Neujahr rückt Darts hierzulande in einen grösseren Fokus, wenn in England der eine der zwei dominierenden Verbände die Weltmeisterschaft durchführt, die im deutschen Fernsehen übertragen wird. Die Bilder, die sich einprägen: Kolossale Männer mit riesigen Händen werfen filigrane Pfeile präzis auf ein rundes Brett (Board), während sich Schweissperlen auf der Stirn bilden. Im Scheinwerferlicht kann es bis zu 50 Grad heiss werden. Wer dreimal die Dreifach-20 trifft, also 180 Punkte in einer Serie schafft, wird frenetisch bejubelt. Wobei: Gejubelt wird eigentlich immer im Meer von tausenden feiernden Zuschauern, von denen viele verkleidet sind.

«Es gibt Leute, die nur wegen des Events dort sind, und Leute, die sich wirklich für das Spiel interessieren und mit ihrem Liebling mitfiebern», erklärt Marcel Hirzel das irre anmutende Treiben. Alkohol wurde bis vor wenigen Jahren auch von Topspielern während Turnieren offen konsumiert, mittlerweile ist das nicht mehr geduldet. «Darts immer mit 0,0 Promille», lautet die persönliche Devise von Hirzel. Der 34-jährige Vater einer Tochter braucht einen klaren Kopf, will er seinen 2013 gefassten «Fünf-Jahres-Plan» in die Tat umsetzen: Er will wenigstens einmal zwischen Weihnachten und Neujahr am TV als Dartsspieler zu sehen sein.

Marcel Hirzel wirft eine Serie und gibt Tipps für Anfänger

Marcel Hirzel wirft eine Serie und gibt Tipps für Anfänger

Glaubenskrieg: Plastik gegen Stahlpfeile

Seit 2008 spielt der Limmattaler in organisiertem Rahmen E-Darts, also mit Plastikpfeilen an den bekannten elektronischen Kästen. Die Stars aus dem Fernsehen spielen hingegen Steel Darts. Zwischen den beiden Spielarten herrscht eine Art Glaubenskrieg. E-Darter werden von ihren stählernen Kollegen als
«Gummidarter» verspottet, sagt Hirzel. Zwist wegen unterschiedlicher Ideologien sind untrennbar mit dem Dartssport verbunden. Das gilt auch für die Schweiz, wo es – der jeweiligen Ausrichtung nach England entsprechend – ebenfalls verschiedene Verbände gibt. Mitunter werden Spieler lange Zeit für Turniere anderer Verbände gesperrt, wenn sie an einem des Konkurrenzverbands teilgenommen haben. Diesbezüglich habe gemäss Hirzel aber eine Lockerung eingesetzt. Ein Einzelspieler bleibt aber ein Jünger des jeweiligen Verbands von der «Insel». Für den Limmattaler ist es die PDC, also eben der Verband, dessen WM zwischen Weihnachten und Neujahr im TV zu sehen ist.

Bruder wurde Fussballer

Als Fussballer wusste Hirzel bald, dass es nicht für eine grössere Bühne reichen würde. Im Gegensatz zu dessen Bruder Andreas, der beim Super-League-Klub Vaduz unter Vertrag steht. Bis 2006 spielte Marcel Hirzel im FC Urdorf. Nach einer weiteren Operation beendete er seine Laufbahn als Kicker. Im Keller des Elternhauses hing eine Dartscheibe, wo sich der zweitälteste der vier Brüder immer länger aufhielt und den Kampf gegen sich selbst annahm. Dank des Trainingsfleisses und der riesigen Anzahl an möglichen Partien über alle Verbände hinweg kommt er auf bis zu zwölf Stunden wöchentlich am Board. Selbst im Büro hat der gelernte Polygraf eine Scheibe hängen. «Darts ist Sport für mich, nicht Hobby. Nur wer übt, übt und übt kommt weiter», stellt er klar.

Preisgelder decken Spesen

Heute ist Hirzel 11-facher Schweizer Meister (Einzel, Doppel und Mannschaft) und mehrfacher Teilnehmer an internationalen Turnieren. Seit zwei Jahren gewinne er mehr als dass er aufwende für Reisen, Hotels und Startgelder. Alles in allem habe er bislang etwa 12 000 Franken gewonnen. Auch eine Nationalmannschaft gibt es – in jedem Verband. Der trägt die Kosten für Einsätze der Auswahl, finanziert nicht zuletzt durch den sogenannten Einwurf: Bei E-Darts-Turnieren müssen die Spieler – wie im privaten Rahmen im Lokal – die Automaten mit Ein- oder Zwei-Franken-Stücken füttern. Mit etwas Glück sponsert künftig Fachhändler Hirzel die Darts, deren Spitzen und vor allem deren Enden Verbrauchsmaterial darstellen. Abnützung erfährt auch Hirzel selbst: Das Kreuz und die Schulter schmerzen. So wird ihm schmerzlich bewusst: Mit seinen 34 Jahren gehört er an internationalen Turnieren zu den Älteren. Die Jungen, unbeschwerten Spieler drängen nach.

Zurück in der Fahrweid. Marcel Hirzel hat sich umgezogen und steht exakt 2,37 Meter vom Board entfernt. Er wirft ein paar Serien, der Pfeil saust vorbei an einem zweistöckigen Regal, auf dem glänzende Pokale thronen. Das ist nur eine Auswahl, der Rest steht auf dem Estrich. «Um ehrlich zu sein», sagt Hirzel, «ich steh auf Pokale.» Damit bringt er etwas Wichtiges mit für einen Star: Dartsspieler sind in aller Regel Showmen und die internationalen Grössen Marken mit eigenen Wettkampfnamen – nicht selten verliehen vom Verband selbst: Phil «The Power» Taylor zum Beispiel, der wohl bekannteste Spieler überhaupt.

Hirzel hat sich zwar in der Schweiz einen Namen gemacht, für einen Markennamen reicht es noch nicht. Und wenn er selbst einen wählen könnte? «Etwas wie Kühlschrank», sagt Hirzel, der als nervenstarker Spieler mit Finisherqualitäten gilt. Seine Ruhe konnte er im letzten Jahr unter Beweis stellen: An den Mannschaftseuropameisterschaften im vergangenen Jahr stand Hirzel zum Werfen bereit, als die Russen Protest gegen einen Schweizer Spieler einlegten – weil dieser in einem ärmellosen Shirt spielte. «Wir hatten das im Vorfeld abgeklärt und grünes Licht erhalten. Trotzdem dauerte es eine ewige Viertelstunde, bis ich endlich spielen konnte», schildert der Limmattaler. Er gewann die Partie schliesslich.

Psychospielchen seien verbreiteter als man denke. Verbale Provokation unter den Spielern sei auch auf Profiniveau häufig. Hirzel verzichte auf derlei Mätzchen. «Wobei: Es kann vorkommen, dass ich die Pfeilabgabe etwas verlangsame, wenn mein Gegner sehr schnell wirft. Aber das bewegt sich im Rahmen der Fairness.» Die Etikette muss stimmen.