Boccia
Auch beim Bocciaclub Dietikon gehen langsam die Lichter aus

Natale Rapaglia und Giuseppe Cinicola holten an den Schweizer Meisterschaften für den Boccia Club Dietikon eine weitere Medaille. Es könnte bald die letzte gewesen sein, denn die Sportart scheint in der Schweiz auszusterben.

Daniel Weissenbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Auf den Punkt gebracht: Natale Rapaglia (links) und Giuseppe Cinicola sind die erfolgreichsten Dietiker Bocciaspieler. Sie wissen auch um die bedrohte Existenz der Sportart. dws

Auf den Punkt gebracht: Natale Rapaglia (links) und Giuseppe Cinicola sind die erfolgreichsten Dietiker Bocciaspieler. Sie wissen auch um die bedrohte Existenz der Sportart. dws

Daniel Weissenbrunner

Auf den drei Bahnen im Bocciaheim des BC Dietikon herrscht Hochbetrieb. Die Kugeln werden präpariert, es wird Mass genommen, man ist konzentriert, es wird gelacht. Das Vereinsleben floriert. Doch der Schein trügt. Wo auf den ersten Blick eine sorgenfreie Welt vermittelt wird, ist in Tat und Wahrheit eine kleine, erodierende Insel von Glückseligen. Der Patient liegt auf der Intensivstation. Gianni Rapaglia gibt dem Bocciasport in der Schweiz noch zehn Jahre. Er sagt es ungerne. Der Präsident des BC Dietikon lebt für das Spiel, das Gefühl, Geschick und Strategie perfekt vereint. Die Zahlen geben Rapagalia indes Recht: In den letzten gut 20 Jahren hat sich die Zahl der aktiven Spieler in der Schweiz praktisch halbiert. Aktuell sind es noch rund 2300.

Nur noch 37 lizenzierte Spieler

Den Niedergang spüren die Dietiker in den eigenen Reihen. Momentan sind es noch 37 lizenzierte Spieler, davon nur vier Frauen. Schlimmer als die Zahl ist die demografische Entwicklung. «Es fehlt am Nachwuchs. Ein Vierzigjähriger gehört bei uns zum jungen Eisen», sagt Gianni Rapaglia. Für den Verein wäre eine Juniorenabteilung auch finanziell evident, damit er Fördergelder vom Kanton beantragen kann. Rapaglia liess nichts unversucht, um junge Leute für das Boccia zu begeistern. «Wir haben Schulklassen angefragt und eingeladen.» Die Resonanz war ernüchternd, weil gleich null. Und bei eigenen Mitgliedern herrscht ebenfalls Funkstille.

Natale Rapaglia und Giuseppe Cinicola, die an den Schweizer Meisterschaften vor kurzem in Bern die Bronzemedaille im Doppel gewonnen haben, sind Väter zweier Kinder. «Sie haben kein Interesse», sagt Cinicola desillusioniert. Er sieht den Tatsachen ins Auge. Der zweifache Schweizermeister war selbst schon öfters daran, die 920 Gramm schweren Kugeln in den Schrank zu schliessen. Bis jetzt ist es beim Versuch geblieben. Cinicola gehört mit seinen 59 Jahren nach wie vor zu den Besten des Landes. Obwohl es ihn öfters im Rücken zwickt, bestreitet er gegen 70 Turniere jährlich.

Andere Spielregeln im Tessin

Einen vergleichbaren Aufwand betreibt sein jüngerer Teamkollege Natale Rapaglia. Der 51-Jährige ist neben seiner Tätigkeit im Club noch im Zürcher Bocciaverband als Coach tätig und bekommt dort die Grabenkämpfe innerhalb der Sportart hautnah mit. Die Mitglieder sind übersichtlich in drei Regionen aufgeteilt. Zentral, West und Süd. «Das Problem liegt darin, dass jeder für sich schaut, anstatt die Kräfte zu bündeln», bemängelt Rapaglia. Das führt zu grotesken Situationen: Die Tessiner wenden beispielsweise andere Spielregeln an als die Deutschschweizer. «Für das Ansehen und die Aussichten sind das alles andere als ideale Voraussetzungen», sagt Natale Rapaglia leicht resigniert und mit einer Spur Galgenhumor. Er und seine Dietiker Kollegen werden Boccia so oder so weiterspielen – vermutlich bis über die letzte Kugel hinaus.