Leichtathletik
Mujinga Kambundji muss sich neu orientieren, weil sie zu gut geworden ist

Einiges fühlt sich surreal an in der Welt der schnellsten Schweizer Sprinterin. Wie passen die beste Mujinga Kambundji aller Zeiten und ein Empfinden von grosser Enttäuschung zusammen? Wie gehen WM-Medaille und Schweizer Rekord mit andauernder Improvisation bei der Betreuung einher?

Rainer Sommerhalder
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Mujinga Kambundji ist zufrieden mit der ersten Trainingswoche unter Coach Steve Fudge: «Die Trainings waren echt cool.»

Mujinga Kambundji ist zufrieden mit der ersten Trainingswoche unter Coach Steve Fudge: «Die Trainings waren echt cool.»

KEYSTONE/WALTER BIERI

Die Saison 2018 war nicht nur die erfolgreichste in der bisherigen Karriere der 26-jährigen Bernerin. Sie war auch enorm aufwühlend. Zuerst der Mut, sich nach vier Jahren Zusammenarbeit vom deutschen Trainer Valerij Bauer zu emanzipieren und einen neuen Weg zu wagen. Dann die Turbulenzen im Winter mit zwei Trainerwechseln innert zweier Monate.

Schliesslich die kurzfristigen Planänderungen in der Kooperation mit ihrem neuen Coach Rana Reider. Dazwischen immer wieder Erfolgsmeldungen auf der Bahn: historische Bronzemedaille an der Hallen-WM über 60 m, Durchbrechen der Schallmauer über 100 m mit einer internationalen Topzeit von 10,95 sec.

Mujinga Kambundji hatte in der Saison 2018 viel Grund zur Freude.   

Mujinga Kambundji hatte in der Saison 2018 viel Grund zur Freude.   

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Zu gefährlich für Niederländer

Das eine hat mit dem andern zu tun. Und es fordert jetzt abermals Konsequenzen für Mujinga Kambundji. Da Rana Reider hauptsächlich für den niederländischen Verband arbeitet und dort 200-m-Weltmeisterin Dafne Schippers begleitet, war Kambundji im Stützpunkt nicht mehr willkommen. Denn in den letzten Monaten hat sich die Bernerin mit Wurzeln im Kongo aus Sicht von Schippers von der Mitläuferin zur Konkurrentin entwickelt.

Für Kambundji war deshalb bereits im Sommer klar, dass sie sich nach der Saison punkto Trainer abermals neu orientieren muss. «Ich habe schon länger die Olympischen Spiele 2020 in Tokio im Kopf. Deshalb suchte ich eine längerfristige Lösung», erklärt die 26-Jährige.

Für die Niederländerin Dafne Schippers ist Mujinga Kambundji zu einer ernsthaften Konkurrentin geworden.   

Für die Niederländerin Dafne Schippers ist Mujinga Kambundji zu einer ernsthaften Konkurrentin geworden.   

MARTIN MEISSNER

Neuer Trainer aus Schottland

Ob sie ihr Glück mit dem Schotten Steve Fudge gefunden hat, ist nach der ersten Trainingswoche in dessen Camp in London noch nicht zu beantworten. Kambundji hat ein gutes Gefühl: «Neben den Fähigkeiten als Trainer ist mir das Zwischenmenschliche sehr wichtig. Und hier ist der erste Eindruck sehr positiv.» Überhaupt nehme sie ganz viele neue Eindrücke vom ersten London-Trip mit. «Die Trainings waren echt cool.»

Fudge stand bei der Schweizer Sprinterin schon länger auf der Liste der Kandidaten. Dass sie sich jetzt für ihn entschied, hat auch mit dessen Unabhängigkeit von irgendwelchen Landesverbänden zu tun. Fünf Sprinter und drei Sprinterinnen umfasst Fudges Gruppe. Nachdem Mujinga Kambundji seit April mehrheitlich alleine trainiert hat, steigt jetzt der Spassfaktor wieder – zumindest zeitweise.

Die Schweizerin plant, jeweils für zwei Wochen nach London zu reisen und dazwischen kurze Phasen zu Hause in Bern zu trainieren. «Ich bin überzeugt, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgereizt habe», sagt sie. «Das Gefühl sagt mir, dass ich über alle Distanzen schneller laufen kann. An Zielen fehlt es mir also nicht.»

Mujinga Kambundji, EM-Rennen (Halbfinal und Final)
10 Bilder
...schliesslich verpasste Mujinga Kambundji die Medaillenränge um 6 Hundertstel.
2016 hatten der Bernerin in Amsterdam noch 11,25 Sekunden zur EM-Bronze gereicht.
Europameisterin über 100m ist die Britin Dina Asher-Smith
Die Deutsche Gina Lückenkemper wird vor dem Heimpublikum zweite.
Mujinga Kambundji (rechts) gewann ihren Halbfinal in 11,14 Sekunden. Wenn sie im Final eine Medaille holen möchte, muss sie sich noch deutlich steigern.
Schnell unterwegs im Halbfinal: Mujinga Kambundji.
Mujinga Kambundji (vorne) legte vor allem auf den zweiten 50 Metern zu und sicherte sich mit dem Halbfinal-Sieg den Einzug in den Final.
Die Niederländerin Dafne Schippers wird im Final ein Wörtchen um den Sieg mitreden wollen. Sie qualifizierte sich in 11,05 Sekunden für den Final.
Dina Asher-Smith (links) und Gina Lückenkemper waren zwei der schnellsten Athletinnen im Halbfinal. Sie qualifizierten sich in 10,93 respektive 10,98 Sekunden für den Final.

Mujinga Kambundji, EM-Rennen (Halbfinal und Final)

WALTER BIERI

Für das Rote Kreuz in Vietnam

Mit den drei vierten Rängen an der EM in Berlin hat Kambundji inzwischen ihren Frieden gefunden. «In Berlin selber war ich brutal enttäuscht. Die Leistungen boten jedoch keinen Grund, enttäuscht zu sein. Sie waren ausnahmslos gut. Die 11,05 über 100 m hätten fast immer für eine Medaille gereicht. Nur eben diesmal nicht.»

Zumindest blieb ihr nicht viel Zeit, um Trübsal zu blasen. Unmittelbar nach der Saison reiste Mujinga Kambundji nach Vietnam. Seit September 2015 ist sie Botschafterin des Roten Kreuzes. Nun hatte sie erstmals die Gelegenheit, sich Hilfsprojekte vor Ort anzusehen. «Eindrücklich» nennt sie die Erfahrung.