Leichtathletik

Hürdenläufer Kariem Hussein: «Ich sage ‹Nein›, wenn es mir nicht passt»

Hürdensprinter Kariem Hussein: «Vergangenes Jahr habe ich gemerkt, wie wichtig die Erholung ist.»

Kariem Hussein spricht nach einer langen Verletzungspause über Motivationsprobleme, unerfüllte Träume und Veränderungen. Während der Pause hat er sein Studium beendet und setzt der Hürdenläufer nun voll auf die Karte Sport. In den Niederlanden hat er dafür einen neuen Trainings- und Wohnort gefunden.

Kariem Hussein ist zurzeit viel unterwegs. Erst war er in Südafrika im Trainingslager, danach bereitete er sich in den Niederlanden auf die Saison vor. Dort, in Papendal, ist seine neue Basis. Gleich beim Olympiastützpunkt lebt er jeweils für mehrere Wochen und trainiert unter Laurent Meuwly. Nun ist der 30-Jährige für ein paar Tage in der Schweiz, wo er Wettkämpfe bestreitet. Beispielsweise am Samstag die Schweizer Vereinsmeisterschaften in Lausanne.

Wie gut sprechen Sie Holländisch?

Kariem Hussein: Verstehen geht erstaunlich gut, sprechen kann ich aber noch nicht. Ich bin jedoch aufmerksam, wenn Holländisch gesprochen wird. Aus Respekt den Menschen gegenüber möchte ich die Sprache lernen. Wenn ich schon dort bin, will ich auch etwas mitnehmen.

Wussten Sie sofort, dass Sie Ihrem Trainer Laurent Meuwly in die Niederlande folgen werden?

Für mich war das sofort klar. Die Frage war jedoch, ob er uns Schweizer überhaupt weiter betreuen kann als Trainer der Niederländer. Ich wollte schon lange im Ausland trainieren. Da ich im vergangenen Sommer das Studium beendete, war es nun auch möglich.

Haben Sie schon Pläne, wie es beruflich weitergeht?

Nein, momentan nicht. Für den Facharzttitel muss man mindestens fünfzig Prozent arbeiten. Das kann ich zurzeit nicht. Es gibt zwar immer Lösungen, aber wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig machen.

Vorher gab es immer diese Doppelbelastung. Was tun Sie mit der gewonnenen Zeit?

Wenn ich in der Schweiz bin, habe ich immer noch viele Verpflichtungen. Wenn ich aber in die Niederlande gehe, dann bin ich nur Leichtathlet. Trainiere ich nicht, gehe ich auch einmal auf den Golfplatz oder fahre in die Stadt.

Besteht die Gefahr, zu viel zu trainieren, weil man plötzlich mehr Zeit hat?

Nein, nicht mehr. Früher habe ich versucht, immer mehr zu machen. In dieser Phase ist es aber einfach zu heikel. Ich habe auch gelernt, an meinem Plan festzuhalten und dem Körper Ruhe zu geben.

Hat das auch mit dem vergangenen Jahr zu tun?

Nicht nur, das ist schon seit zwei, drei Jahren so. Aber vergangenes Jahr habe ich gemerkt, wie wichtig die Erholung ist. Ich weiss nicht, ob es auch an den Jahren lag, in denen ich parallel zum Sport studierte, aber 2018 hat sehr an den Kräften gezehrt.

Vergangene Saison war viel Unsicherheit da. Sie hatten Schmerzen, wussten jedoch nicht, was Sie dagegen tun können.

Wir dachten lange, es sei nur ein Muskelfaserriss. Das war es auch, aber beim Sehnenansatz beim Sitzbein. Also dort, wo etwa die hinteren Oberschenkelmuskeln oder die Adduktoren ansetzen. Sie alle haben Schaden genommen. Und dann rissen beim Diamond-League-Meeting in Doha auch noch die Hüftstabilisatoren ab. Es war eine heftige Verletzung, die ich bis vor zwei Monaten gemerkt habe. So richtig rennen kann ich erst seit März.

Was hat in dieser Zeit geholfen?

Mit Leuten reden. Ich bin ein sehr positiver Mensch. Wenn du aber am Morgen aufstehst und Schmerzen hast, wenn du sprinten willst, aber es nicht geht, dann nützt das nichts. Dann braucht es Menschen um einen. Am Ende ist es jedoch erstaunlich gut gegangen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Geduld aufbringen konnte.

Half auch die Abwechslung durch das Studium?

Das ist der grösste Trugschluss überhaupt. Wenn es gut läuft, dann pushen sich diese beiden Bereiche gegenseitig. Wenn es jedoch schlecht läuft, dann funktioniert gar nichts mehr. Viele sagten, da ich nun verletzt sei, hätte ich ja Zeit, um zu lernen. Aber das war nicht so. Man trainiert ja weiter, einfach alternativ, und geht viel mehr zu Ärzten und zu Physiotherapeuten. Und dann zerbricht man sich auch noch den Kopf, fragt sich, was man machen soll, wie es weitergeht.

Lange glaubten Sie, doch noch an der EM in Berlin starten zu können.

Für mich war das grosse Ziel, das Studium am gleichen Tag zu beenden, an dem ich an der EM im Final laufe. Das wäre eine unglaubliche Geschichte gewesen. Ich hätte sie im Leben nicht toppen können. Ich wusste, es ist erst vorbei, wenn die EM angefangen hat. Deshalb bin ich jeden Tag in den Letzigrund gegangen. Ich konnte zwar keinen Schritt machen, aber ich konnte nicht anders. Heute muss ich mir nicht vorwerfen, dass ich es nicht bis zum Schluss versucht habe.

Sind Sie danach in ein Loch gefallen?

Nein, das passierte vor den Abschlussprüfungen. Nach der schriftlichen Prüfung hatte ich einen Monat Zeit, um für die mündliche Prüfung zu lernen. Aber ich habe es nicht geschafft. Dass ich keine Motivation verspüre, kannte ich gar nicht. Ich meine, das war die Abschlussprüfung. Da stand viel auf dem Spiel. Aber es ging einfach nicht. Ich hätte wahrscheinlich zehn Stunden lang lesen können, und ich hätte nichts aufgenommen, weil es mich nicht interessiert hat. Also fuhr ich in die Ferien. Erst fünf Tage vor der Prüfung habe ich einen Studienkollegen getroffen und mit ihm ein paar Fälle durchgemacht. So konnte ich mich zwingen, doch noch zu lernen.

Die Prüfung haben Sie dennoch bestanden. Wie ist es mit den Schmerzen?

Seit sechs Wochen sind sie weg und ich kann wieder alles trainieren. Aber ich bin noch lange nicht dort, wo ich normalerweise Ende Mai wäre. Die Saison wird in diesem Jahr eineinhalb Monate länger dauern. Es ist also okay.

Im ersten Rennen liefen Sie 51,05 Sekunden. Waren Sie enttäuscht?

Zum ersten Mal habe ich nicht mit einer Zeit gerechnet. Logisch, ich will einen guten Saisonstart. Aber vor einem halben Jahr wusste ich nicht, ob ich überhaupt wieder rennen kann. Und jetzt bin ich über 400 m Hürden gelaufen.

Passen Sie die Zielsetzung für dieses Jahr an?

Irgendwie schon. Aber es fällt mir dann schwer, mich zu motivieren. Momentan sehe ich die Wettkämpfe als Training. Aufgrund der Verletzung konnte ich noch keine schnellen Läufe absolvieren. Das tue ich nun im Rennen. Ich will mich jedoch immer verbessern. Es ist zwar utopisch, davon zu sprechen, dass ich Weltmeister werden will. Vor allem, wenn man die Zeiten der Konkurrenz anschaut. Aber wenn ich an der WM bin und ich es in den Final schaffe, will ich gewinnen.

Hat das vergangene Jahr Sie als Mensch verändert?

Ja, vielleicht in manchen Punkten. Ich übernehme mehr Verantwortung und entscheide und kommuniziere deutlicher.

Wie meinen Sie das?

Wenn mir eine Situation früher nicht gefallen hat, habe ich sie oft trotzdem akzeptiert. Heute sage ich Nein, wenn es mir nicht passt. Für mich ist Authentizität wichtig. Ich will das machen, was mir gefällt. Weil ich dann auch dahinter stehen kann.

Haben Sie ein Beispiel?

Zeit ist das höchste Gut für mich. Wenn ich eine Anfrage habe für ein Referat und am gleichen Tag ein Familienfest stattfindet, muss ich abwägen. Was ist mir mehr wert? Und vielleicht ist es manchmal das Referat, aber vielleicht ist es auch die Familie. Und dann muss ich das klar äussern. Das ist nicht immer einfach. Doch es ist das Beste, was man im Leben machen kann.

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