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Gaby Andersen-Schiess' unvergessener Zieleinlauf in Los Angeles

Gaby Andersen-Schiess schleppt sich bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles mit letzter Kraft ins Ziel

Gaby Andersen-Schiess schleppt sich bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles mit letzter Kraft ins Ziel

Es gibt Momente für die Ewigkeit. Dazu gehört sicherlich der Zieleinlauf von Gaby Andersen-Schiess im Marathon an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles.

Es sind unvergessene Bilder, die sich ereigneten, nachdem die in Zürich geborene Andersen-Schiess aus dem Eingangstunnel des Coliseums auf der Laufbahn erschienen war. Im Normalfall wären die letzten Meter vor den 77'000 Zuschauern im Stadion eine Belohnung für die vorangegangenen Strapazen gewesen, für die Amerika-Schweizerin wurden sie aber zur Tortur. Andersen-Schiess war zu diesem Zeitpunkt völlig dehydriert und am Ende der Kräfte - doch von Anfang an.

Es war das erste Mal überhaupt, dass Frauen an Olympischen Spielen einen Marathon bestritten - zuvor hatten sie an diesem Event maximal über 1500 m laufen dürfen. "Das machte es noch spezieller", erinnert sich Andersen-Schiess in einem Interview auf dem "Olympic Channel". Als hätte es sie geahnt, bereiteten ihr vor dem Rennen die klimatischen Bedingungen Sorgen. Die Temperaturen waren mit 25 bis 30 Grad verhältnismässig hoch, das grössere Problem bildete aber die Luftfeuchtigkeit, die beinahe 95 Prozent betrug. Trinkmöglichkeiten gab es jedoch nur an fünf Stationen.

"Nach etwa 20 Meilen (32 Kilometer) begann ich richtig, die Hitze zu spüren und wurde etwas langsamer, mir ging es aber immer noch gut. Dann verpasste ich die letzte Wasserstation, was definitiv einen Einfluss auf die letzten paar Meilen hatte", erzählt Andersen-Schiess. Der Flüssigkeitsmangel führte zu Krämpfen, wogegen der Kopf noch funktionierte. Sie wusste genau, wo die Ziellinie ist. "Ich sagte zu mir: 'Versuche weiterzulaufen, versuche aufrecht zu bleiben'".

Das Problem war aber, dass die Muskeln nicht mehr wie gewünscht reagierten. Also taumelte und torkelte sie nur noch. Sie benötigte für die Runde im Stadion 5:44 Minuten, im Ziel, das sie als 37. erreichte, brach sie zusammen. Ihre Körpertemperatur betrug 41,2 Grad! Andersen-Schiess wurde mit einem Wasserschlauch abgespritzt, in nasse Tücher gewickelt und mit Eis gekühlt. "Die letzte Runde und die erste Stunde danach waren schmerzhaft. Nach zwei Stunden ging es mir aber bereits wieder gut." Knapp drei Monate später belegte sie am Marathon in New York den beachtlichen 11. Platz.

Nichtsdestotrotz führte das Drama zu kritischen Stimmen, dass es unverantwortlich gewesen sei, sie nicht aus dem Rennen zu nehmen. Es war aber nicht so, dass sie einfach ihrem Schicksal überlassen wurde. Ein Arzt folgte ihr und beobachtete sie genau. Weil sie allerdings wusste, wohin sie lief und sie noch Anzeichen von Schwitzen zeigte, liess er sie im Rennen. Derweil war Andersen-Schiess klar, dass sie es nicht bis zum Ende schaffen würde, wenn sie auch nur einen Augenblick anhalten würde. "Ich war entschlossen, es bis zur Ziellinie zu schaffen. Alles zu geben, um das geht es an den Olympischen Spielen."

Andersen-Schiess betonte, dass es nicht ungewöhnlich sei, in einem solch langen Wettkampf Probleme zu bekommen, das sei auch bei anderen der Fall gewesen, die dann früher im Rennen aufgehört hätten. "Bei mir war es anders, da ich es so weit gebracht hatte. Jeder andere hätte da auch versucht, ins Ziel zu kommen." Alles andere war ihr zu diesem Zeitpunkt egal.

Ausserdem war sie am 5. August 1984 bereits 39 Jahre alt, weshalb sie wusste, dass sie kaum noch einmal bei Olympia dabei sein würde. "Wenn es ein anderer Marathon gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich aufgehört", sagt Andersen-Schiess, die schon in den Siebzigerjahren in die Rocky Mountains ausgewandert ist und am 20. Mai ihren 75. Geburtstag feierte. Zudem gaben ihr die Zuschauer Energie. "Der Lärm war unglaublich. Ich hatte so etwas nicht erwartet. Das hat mich wahrscheinlich ebenfalls am Laufen gehalten."

Überhaupt erhielt sie grossen Zuspruch. Dabei war ihr das Ganze zunächst peinlich. "Ich dachte, dass ich all die Aufmerksamkeit nicht verdient habe und fühlte mich wirklich schuldig." Andere Athletinnen und Athleten sorgten dann aber dafür, dass sie sich doch noch gut fühlte. "Sie waren so unterstützend. Das ist eine der grosse Erinnerungen, die ich an die Spiele habe."

Andersen-Schiess wurde 1984 in Los Angeles widerwillig zur Legende. Zwar hätte sie es gerne anders gehabt, mittlerweile "sehe ich aber, dass sich die Leute mit mir identifizierten, weil sie erkannten, dass man viele Hindernisse überwinden kann, wenn man wirklich entschlossen ist."

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