Hoher Druck

Kletter-Olympiahoffnung Petra Klingler: «Ich bin mir selbst im Weg gestanden»

Petra Klingler während des Trainings in der Kletterhalle Gaswerk in Schlieren.

Petra Klingler während des Trainings in der Kletterhalle Gaswerk in Schlieren.

Einst nach dem Weltmeistertitel gehypet, dann kurzzeitig von der Bildfläche verschwunden. Kletterin Petra Klingler hat an den Olympischen Spielen Grosses vor.

Selbst sind die Kletterer. So sind die Geräusche der Akkuschrauber in der Kletterhalle Gaswerk in Schlieren zu erklären. Drei Sportler werken morgens um neun Uhr an der Wand, kreieren neue Routen. Petra Klingler stört das nicht. Sie klettert nebenan in einer beeindruckenden Leichtigkeit. Der Fotoapparat rattert, Klingler ist konzentriert. Eine Stunde später sind die Bilder im Kasten.

Dass sich die 27-Jährige wohlfühlt, ist sofort spürbar. Überall trifft sie auf bekannte Gesichter. Auf Menschen, die sie lang nicht mehr gesehen hat. Weil sie normalerweise im nationalen Leistungszentrum in Biel trainiert, war Klingler mehrere Monate nicht mehr in ihrer «Heimhalle». Für das Shooting und das Gespräch ist sie an den Ort zurückgekehrt, wo sie mit dem Klettern angefangen hat.

Olympiaqualifikation inmitten von Enttäuschungen

Als sie 2016 Weltmeisterin im Bouldern, ihre Paradedisziplin, wird, bricht ein Hype um sie aus. Die Sport-Schweiz lernt Petra Klingler kennen. Mittlerweile ist die Zürcherin medial weniger beachtet, und das, obwohl sie im August das Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gelöst hat und an den World Beach Games in Doha in der vergangenen Woche die Silbermedaille gewann.

Zufrieden ist sie mit dem Jahr 2019 trotzdem nur bedingt. «Es ist nicht so verlaufen, wie ich mir das vorgestellt habe», sagt Klingler. An keinem Weltcup-Event schaffte sie es auf das Podest. Der Druck und die Erwartungen seien hoch gewesen, sie selbst habe wohl am meisten von sich erwartet. «Ich bin mir immer wieder selbst im Weg gestanden.» Mit Enttäuschungen kommt sie aber gut zurecht. Zumindest, wenn sie einen Grund findet, wieso etwas nicht geklappt hat. «Schwierig wird es, wenn ich nicht herausfinde, warum. Dann wurmt es mich länger.»

Den grössten Erfolg der Saison feierte Klingler inmitten einer Phase der Enttäuschung. An der WM im japanischen Hachioji lief es ihr in den einzelnen Disziplinen nicht nach Wunsch. Nach Rang 10 im Bouldern, Rang 29 im Speed und Rang 37 im Lead löste sie aber eine Woche später dank Rang 8 im Kombi-Wettkampf das Olympiaticket. Die Freude über die Qualifikation überdeckt die zuvor erlebten Enttäuschungen.

Das Adrenalin steht nicht im Vordergrund

An den Sommerspielen wird ebenfalls ein Kombinationswettkampf ausgetragen. Die kompletteste Athletin wird gewinnen. Kann das Petra Klingler sein? «Ich habe sicher Chancen, weil ich immer alle Disziplinen trainiert habe.» Das Ziel ist demnach Olympiagold? «Wenn ich nicht gewinnen wollte, ginge ich nicht nach Tokio.»

Das Adrenalin steht bei ihr beim Klettern nicht im Vordergrund. Sie holt sich keinen Kick durch Risiko und sieht sich als eher ängstlichen Menschen. «Alles Ungesicherte würde ich nicht machen.» Auf einer Wanderung könne es zwar schon vorkommen, dass sie irgendwo «hinaufkraxle» und als Kind sei sie schon auch auf Bäume geklettert. «Aber nicht im gefährlichen Mass. So wie das andere Kinder auch taten.»

Eine Arbeiterin – in der Kletterhalle und im Büro

Szenenwechsel: 18. September 2016, Paris. WM-Wettkampf im Bouldern. Klingler atmet tief durch und zieht sich mit einem letzten Kraftakt nach oben zum Griff mit dem Schriftzug «Top». Keine Konkurrentin schafft dieses Kunststück ebenfalls und deshalb wird die damals 24-Jährige Weltmeisterin. Der Jubel ist ausgelassen, Freudentränen fliessen. «Der WM-Titel hat mich extrem viel gelehrt», sagt sie heute, drei Jahre danach. «Vor allem hat er mir aufgezeigt, was durch jahrelange Arbeit möglich ist und dass es sich gelohnt hat, nie aufzugeben.»

Der Titel hat ihr Türen geöffnet, zum Beispiel zu einem professionellen Sportlerleben. Sie könnte sich sogar ein Dasein als Vollprofi leisten, arbeitet aber nebenher. Ab dem 4. November wird sie dank eines Athleten-Angebots bei der Fluggesellschaft Swiss im Marketing tätig sein – in einem 50-Prozent-Pensum.

Doch wieso tut sie sich das neben den über 20 Stunden pro Woche in der Kletterhalle und zusätzlichen Einheiten im Kraftraum an? «Ich arbeite wirklich gerne. Für mich ist das Arbeiten der Ausgleich zum Training.» Und den Job sieht sie ebenso als Challenge wie die Aufgaben, die ihr eine Kletterwand stellen kann.

Zurück zum Druck, den sie immer wieder verspürt. In Tokio werde dieser wohl nicht grösser, glaubt Petra Klingler. «Nur schon als eine von 20 Athletinnen dabei zu sein, ist unglaublich.» Deshalb wolle sie mit einer gewissen Lockerheit an den Start gehen und sich nicht stören lassen. Genau so, wie an diesem Morgen in der Kletterhalle in Schlieren.

Autor

Alessandro Crippa

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