Edwin «Ed» Moses ist eine Legende. Das Letzigrundstadion bebte, als der elegante amerikanische Hürdenläufer in den Siebziger- und Achtzigerjahren bei Weltklasse Zürich seine Gegner in Grund und Boden lief. Der 63-Jährige hält in der Leichtathletik nach wie vor eine beeindruckende Bestmarke. In 122 Rennen in Folge blieb der Physiker und MBA zwischen 1975 und 1987 über die 400 m Hürden ungeschlagen.

Nach seinem Rücktritt trat Moses als engagierter Kämpfer gegen Doping auf. Heute ist er Vorstands-Vorsitzender der amerikanischen Anti-Doping-Agentur und gleichzeitig bei der Welt-Anti-Doping-Agentur verantwortlich für Ausbildung und Prävention. Er vertritt auch gegenüber Sportorganisationen dezidiert eigene Meinungen. Der Sohn eines Lehrer-Ehepaars war zudem Gründungsmitglied und während mehr als zehn Jahren Vorsitzender der Laureus World Sports Academy, eine Stiftung von Sportlern aus der ganzen Welt, welche benachteiligten Kindern zugutekommt.

Edwin Moses, was bleibt von Ihrer aussergewöhnlichen Karriere am stärksten in Erinnerung?

Ed Moses: Ich erinnere mich vor allem an das harte Training, das es während Jahren an jedem einzelnen Tag brauchte, um es an die Spitze zu schaffen und dort zu bleiben.

Und die grossen Erfolge?

Die Rennen waren jeweils so schnell vorbei. Sobald der Startschuss fiel, ging es nur noch um die möglichst perfekte Ausführung. An die Rennen habe ich viel weniger Erinnerungen als an den Entwicklungsprozess im Training. Diesen Prozess genoss ich auch am meisten: ein besserer Sportler zu werden. Tag für Tag den eigenen Schweinehund zu überwinden. Ich weiss, es schaute so einfach aus, wenn man mir im Rennen zuschaute. Aber der Weg dorthin war alles andere als einfach.

122 Rennen in Serie ungeschlagen. Was machte Sie so viel besser als den Rest?

Mein täglicher Fleiss. Jeder Tag in meinem Training war besser als der Tag zuvor. Ich blickte in meiner Karriere nie zurück. Andere sagten sich: «Ich war ziemlich gut am Samstag, ich kann es deshalb am Montag etwas leichter nehmen.» Ich dachte anders. Jeder Tag war da, um etwas aufzubauen. Meine Karriere war auf unzähligen dieser Bausteine aufgebaut.

Das tönt nach unglaublicher Disziplin. Woher haben Sie diese?

Meine Eltern waren beide Lehrer und Ausbildner. Sie waren die erste Akademiker-Generation in unserer Familie. Mein Grossvater war Landwirt und er schickte all seine sechs Kinder auf die Universität. Alle haben ihr Studium mit einem Master abgeschlossen. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Ausbildner bei den Tuskegee Airmen. Wissen Sie, was das ist?

Erklären Sie es mir.

Das war die erste Fliegerstaffel mit schwarzen Piloten. Sie kämpften sehr erfolgreich in Afrika gegen Nazi-Deutschland. Mein Vater war Instruktor. Ich wuchs in einer Familie auf, die viel Wert auf Disziplin legte (lacht).

Das hat Sie auch als Sportler geprägt?

Absolut. Und auch die Systematik im Training habe ich von ihnen gelernt.

Wieso entschieden Sie sich für die 400 Meter Hürden?

Im Universitäts-Sport schickten sie einige Athleten gezielt auf die Hürdenstrecke. Dort war die Konkurrenz nicht so gross, es gab für die Uni-Meisterschaften viele Punkte zu gewinnen. Es existierten damals weltweit erst sehr wenige richtige Spezialisten über die Langhürden. Bevor ich mich auf diese Strecke konzentrierte, lief ich die 110 Meter Hürden in 13,6 Sekunden. Ich galt damals als grosses Talent über die kurze Hürdendistanz. Aber auch über 400 m flach verbesserte ich meine Bestzeit innerhalb von drei Jahren von 52 auf 45 Sekunden.

Ein Lob an den Trainer!

Ich hatte niemanden, der mich das Hürdenlaufen lehrte. Ich habe es mir selber beigebracht. Ich war am Anfang noch nicht der Schnellste, aber hatte eine aussergewöhnlich gute Technik.

Sie waren der erste Athlet, der zwischen den Hürden nur 13 Schritte benötigte. Damals eine Sensation!

Die 13 Schritte über die ganze Bahnrunde durchzuziehen, war reine Konditionsarbeit. Ich hatte einen grossen Schritt und aussergewöhnliche Kraft in den Beinen. Das rührte vom vielen Querfeldein-Rennen her, das ich von Beginn an in mein Training einbaute. Ich rannte auch dann unzählige Hügel hinauf, wenn meine Konkurrenten im Oktober und November längst ihre Trainingspausen machten.

Sie engagieren sich heute stark für den Kampf gegen Doping. Wieweit waren Sie auch während der Karriere mit Doping konfrontiert?

Es war ein grosses Problem. Viele der bekannten Dopingsubstanzen wie Testosteron oder Wachstumshormone konnten damals noch nicht nachgewiesen werden. In den späten Achtzigerjahren kam Epo dazu. Jeder wusste, dass gedopt wird. Die Athleten diskutierten ständig darüber. Man glaubte zu wissen, wer was einnahm. Ich ging immer davon aus, dass 80 Prozent meiner damaligen Konkurrenten nichts mit Doping zu tun hatten und der Rest rund 20 Prozent ausmachte. Aber mit der Zeit musste man annehmen, dass das Verhältnis vielleicht gerade umgekehrt war. Doping war immer verbreitet im Sport. In den USA und überall sonst in der Welt. Doping ist nicht nur ein russisches Problem.

Sie kämpften früh für sauberen Sport?

Ich war direkt im Anschluss an meine Karriere als gelernter Physiker in den Kampf gegen Doping involviert. Wir entwickelten eine Möglichkeit, um unerlaubte Mittel zu entdecken. Aber dafür wären rund 15 Millionen Dollar Forschungsgelder notwendig gewesen. Doch das war dem olympischen Verband der USA damals zu teuer. Ich wünschte mir, man hätte damals anders entschieden. Dann wären einige Substanzen nie zu einem solch grossen Problem geworden.

Nach der Karriere gerieten Sie in eine persönliche Krise …

... wer behauptet das?

Es steht im Wikipedia-Eintrag zu Ihrer Person!

Wirklich? Ich habe das nicht geschrieben. Ich trat 1988 mit 33 Jahren zurück und war danach acht Jahre lang als Chef für Dopingtests beim olympischen Komitee der USA unterwegs. Direkt im Anschluss an den Fall von Ben Johnson starteten wir mit den ersten Tests ausserhalb von Wettkämpfen.

Das tönt nicht nach Krise?

Nein (lacht). Zudem begann ich 1988 mit einem Betriebswirtschaftsstudium. Nach dem Studium arbeitete ich ab 1994 für eine Investmentbank in Atlanta. Es war das Gegenteil einer Krise. Nach 1995 hatte ich rund 15 Jahre praktisch nichts mit Sport zu tun. Ich hatte meine eigene Geschäftskarriere, ich heiratete, wurde Vater.

Sie kennen das IOC als Gründungsmitglied der Athletenkommission bestens. Wieso wird das IOC Ihrer Meinung nach so oft kritisiert?

Das IOC ist wie eine Firma, die «too big to fail» ist. Es ist so gross und so isoliert. Eine einzigartige Organisation, die viel Macht und ein grosses Vermögen hat. Der Präsident bewegt sich in der politischen Welt wie ein Staatsmann. Das IOC macht aber auch viele grossartige Sachen. Ich stünde ohne die Zeit beim IOC heute nicht da, wo ich bin. Ich kam 1991 zusammen mit dem aktuellen IOC-Präsidenten Thomas Bach in die damals neu gegründete Athletenkommission. Damals stand das IOC kurz vor dem finanziellen Ruin.

Das hat sich ziemlich geändert.

Heute unterscheidet sich die Welt des IOC grundlegend von den Zeiten seines Gründers Pierre de Coubertin. Die grossen TV-Verträge haben viel verändert. Das IOC ist eine komplett andere Organisation als noch 1991.

1987 wird Moses (rechts) über 400 Meter Hürden in Rom Weltmeister. Er verteidigt damit seinen Titel.

1987 wird Moses (rechts) über 400 Meter Hürden in Rom Weltmeister. Er verteidigt damit seinen Titel.

Es muss zu denken geben, wenn in demokratischen Ländern neunmal in Folge Olympische Spiele bei Abstimmungen abgelehnt werden.

Olympische Spiele kosten viel Geld und bringen grosse Pflichten mit sich. Wer einen Veranstaltervertrag unterschreibt, bleibt für acht Jahre am Haken. Man ist in dieser Zeit ständig auf der Suche nach mehr Geld. Das ist es, was die Bevölkerung ablehnt.

Sie sind dem Sport verbunden geblieben. Sie sind Vorsitzender der amerikanischen Anti-Doping-Agenturund bei der Welt-Anti-Doping-Agentur verantwortlich für Prävention und Ausbildung. Wieso ein Engagement gerade in diesem Bereich?

Zustände wie vor kurzem noch beim Internationalen Leichtathletik-Verband, als man positive Dopingtests gegen Bezahlung zum Verschwinden bringen konnte und die Korruption rauf bis zum Präsidenten reichte, sind unglaublich. Als 2014 alles rauskam – die Korruption bei der Fifa, der Dopingskandal der Russen in Sotschi, der Betrug in der Leichtathletik –, sass ich mit dem Chef der amerikanischen Dopingbehörde zusammen. Wir diskutierten darüber, was eigentlich unsere Mission ist.

Und das Ergebnis?

Wir kamen zum Schluss, den Sport vor sich selber schützen zu müssen. Wir glauben daran, dass dies gelingen kann. Diesen Weg gehen wir konsequent, unabhängig davon, was andere tun. Ich will nicht, dass unsere Kinder einen Sport betreiben, in welchem das Motto von Lance Armstrong vorherrscht: «Ich dope, weil es alle anderen auch tun.» Das ist eine fundamental falsche Ansicht.

Sie haben zuletzt mutig auch die eigene Organisation, die Wada, kritisiert. Das kommt wohl nicht überall gut an?

Es ist egal, wie kritisch und wie laut man manchmal sein muss. Es ist wichtig, dass man sich dagegen wehrt, wenn der Sport sich in eine falsche Richtung entwickelt – unter dem Einfluss von Geld, TV-Verträgen, Politik und was auch immer. Jemand muss aufstehen und sich wehren für all die vielen fairen Athleten auf dieser Welt. So simpel ist das.

Müssen die aktiven Sportler in den grossen weltweiten Sportorganisationen eine stärkere Stimme erhalten, so wie Sie es derzeit vehement fordern?

Unbedingt. Sie tun das Richtige. Die Funktionäre im Sport sind sehr gut organisiert. Die Athleten haben zwar eine gewichtige Stimme, sind aber nicht so gut organisiert, wie sie sein müssten. Denn es gibt auf ihrer Seite keine Organisation, die mit den Sportverbänden an einen Tisch sitzt und harte Verhandlungen führen kann – speziell im olympischen Sport. Bei den professionellen US-Sportverbänden gibt es Spielergewerkschaften, die grossen Einfluss haben. Ich bin aber sehr glücklich darüber, dass die Athleten jetzt in grosser Zahl aufstehen und die Dinge offen ansprechen. Es gibt aber nach wie vor noch nicht genügend Sportler, die den Mut aufbringen, ihren Kopf wirklich weit zum Fenster hinauszulehnen. So wie ich das bereits vor 30 Jahren tat, indem ich beim Namen nannte, was unnötig und unfair ist.

Sie weilen in der Schweiz als Mitglied der Akademie von Laureus. Sie engagieren sich seit dem Entstehen für diese Organisation. Was motiviert Sie dazu?

Ich wurde unverhofft zum Vorsitzenden gewählt. Wir hatten damals keine Ahnung, wohin die Reise führen wird. Wir hatten beim Start zwei Spenden über je 500 000 Dollar. Wir hatten keine Infrastruktur und keine wirklichen Pläne. Und wir ahnten nicht, dass diese Vision eines Tages so gross werden würde. Aber es war etwas, das für mich zu einer wirklichen Leidenschaft wurde. Egal, wie viel es zu tun gab, es fühlte sich nie wie Arbeit an.

Und das Resultat lässt sich sehen?

Wir hatten nach einem Jahr vier Projekte in sechs Ländern. Ein Jahr später waren es bereits deren acht. Laureus wuchs und wuchs weiter. Ich lernte in meinem Betriebswirtschafts-Studium, wie man die einzelnen Teile zusammenführt, um eine Organisation zum Laufen zu bringen. Und ich arbeitete bereits vorher mit mehreren Stiftungen zusammen. Ich war in der Lage, den Schwung beizubehal- ten. Heute betreut Laureus über 100 Projekte in 35 Ländern. Wir dürfen wirklich stolz sein auf das, was wir erreicht haben.

Wieso sollen sich gerade Sportler für soziale Projekte engagieren?

Weil sie es wollen. Es machen so viele Topathleten von überall auf der Welt mit. Ihr Engagement kommt von Herzen. Sie wollen Kindern etwas zurückgeben. Und gerade in der heutigen Zeit mit der Macht der sozialen Medien haben die Sportler die Möglichkeit, viele Leute zu erreichen und zum Mitspenden zu animieren. Sportler sind heute richtige Marken.

IOC, Fifa, Wada, vor wenigen Jahren auch die Leichtathletik. Es gibt sehr viele Negativschlagzeilen aus dem Sport. Taugt der heutige Sport denn überhaupt noch als Vorbild?

Auf jeden Fall. Viele Sportfans interessieren sich gar nicht für das ganze Theater. Sie gehen an das Spiel ihres Lieblingsteams, kaufen sich ein Fan-Shirt, haben eine gute Zeit. Sie lesen zwar all die Schlagzeilen unter der Woche, aber am Samstag sind sie zurück am Spielfeld (lacht). So sieht die Realität aus. Der Sport ist für viele Menschen noch immer ein Vorbild mit grossem Wert.