Interview
Die grossen Pläne von Sportradar: Ein Alarmsystem gegen Spielmanipulation für den gesamten Weltsport

Die in St. Gallen domizilierte Technologiefirma Sportradar will sein System zur Erkennung von Wettbetrug künftig allen Sportverbänden zur Verfügung stellen. Andreas Krannich, Geschäftsführer von Sportradar Integrity Services, spricht von der grössten Herausforderung in der Geschichte des Unternehmens.

Rainer Sommerhalder
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Ein Übel des Sports: Von der Wettmafia gesteuerte Spielmanipulationen.

Ein Übel des Sports: Von der Wettmafia gesteuerte Spielmanipulationen.

Jals

Welchen Einfluss hatte Corona auf das Geschäft der Sportwetten?

Andreas Krannich: Das Geschäft der Sportwetten war massiv betroffen. Beim ersten globalen Shutdown wurde schnell klar: Wenn kein Sport stattfindet, kann auch nicht gewettet werden.

Die Reaktion war eine Verlagerung auf andere Disziplinen?

Ja. Es wurde viel mehr im E-sports oder Sportarten wie Tischtennis, gewettet, die noch stattfanden . Und angeboten wurden auch virtuelle Wetten. Hier wettet man zum Beispiel auf softwarebasierte Fussballspiele. Diese müssen von den Regulierungsbehörden abgenommen werden, damit nicht manipuliert werden kann. Ich persönlich hätte nie gedacht, dass solche Sportwetten auf so grosses Interesse stossen.

Andreas Krannich, Geschäftsführer von Sportradar Integrity Services.

Andreas Krannich, Geschäftsführer von Sportradar Integrity Services.

ZVG

Veränderte sich auch das Muster der Manipulationen?

Absolut. Die Kriminellen haben in zwei verschiedenen Weisen darauf reagiert. Erstens haben auch sie stark diversifiziert und sich auf Sportveranstaltungen fokussiert, die bisher nicht im Fokus von Matchfixing standen. Zweitens sind durch Corona viele Akteure des Sports wirtschaftlich unter grossen Druck geraten: Spieler, Funktionäre, Schiedsrichter, Klubs. Die Wettmafia macht sich genau diese finanziellen Schwierigkeiten zu Nutzen und geht gezielt auf Personen zu, die durch Corona anfälliger für Manipulationen geworden sind. In einer stark digitalisierten Welt müssen sie dafür nicht einmal an der Tür der Betroffenen klingeln, sondern können anonym mit ihnen in Kontakt treten.

Nun will Sportradar seine Überwachungstätigkeiten von möglichen Manipulationen auf dem Wettmarkt durch das neue Universial Fraud Detection System (UFDS) massiv ausbauen. Verraten Sie uns Ihre Pläne?

Spielmanipulationen sind ein Krebsgeschwür des Sports, das derzeit mit so starken Ablegern wuchert wie noch nie. Das ist einer der Gründe, wieso sich Sportradar dazu entschlossen hat, den Kern seines erfolgreichen und vom CAS in Urteilen bestätigten Fraud Detection System (FDS) ab dem 1. Oktober 2021 kostenfrei sämtlichen Sportverbänden und Ligen weltweit zur Verfügung zu stellen. Wenn ein Spiel manipuliert wird, dann gibt es stets drei Verlierer: die Integrität des Sports, die Fans und die Buchmacher. Wir haben in der Vergangenheit gesehen und das hat sich durch Corona verstärkt, dass viele Sportverbände die wirtschaftlichen Ressourcen nicht haben, um ihre Wettbewerbe gegen sportwettenbezogene Manipulation zu schützen.

Wieso also die Überwachung nicht ab sofort ausbauen?

Das ist die grösste Herausforderung für Sportradar, die wir jemals hatten. Trotz dieses immensen Ausbaus unseres Systems muss der bisherige Qualitätsstandard weiter garantiert werden. Wir brauchen die Zeit, um dies technisch und personell vorzubereiten. Sie müssen sich das Fraud Detection System wie eine gute Alarmanlage in ihrem Haus vorstellen. Sie können damit nicht verhindern, dass eingebrochen wird. Aber sie werden genau im Augenblick, wo es passiert, alarmiert. Wir müssen neue Spezialisten für Wettmärkte und Sportwetten einstellen. Wir müssen das System weiterentwickeln. Wir wissen auch noch nicht, ob zwei oder zweihundert Verbände Interesse haben.

Firma Sportradar

Datenlieferant in 26 Sportarten

Das Hauptgeschäft der St. Galler Firma Sportradar mit ihren weltweit rund 2200 Mitarbeitenden ist die Bereitstellung von Sportdaten und damit verbundenen technischen Lösungen. Sportradar verkauft seine Dienstleistungen an Wettanbieter, Medienunternehmen und Sportorganisationen.

Ein weiterer wichtiger, nach Aussage von Sportradar finanziell defizitärer Geschäftszweig, sind die sogenannten Integrity Services. Dabei geht es um verschiedene Dienstleistungen zur Bekämpfung sportwettbezogner Manipulationen (Überwachung, Prävention und Ermittlungen). Über 110  IT-Experten, Wettmarktanalysten und Ermittler arbeiten für diesen Bereich. Zu den Kunden zählen mehr als 80 Organisationen aus 26 Sportarten - unter ihnen die Uefa, die Fifa, die NHL oder die NBA. Man pflegt auch eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden, wie Interpol und Europol.

Seit 2005 bietet Sportradar das Fraud Detections System zur Aufdeckung sportwettbezogener Manipulation an. Mit einer eigenen, auf Algorithmen basierenden Software sowie einer umfassenden Datenbank die mehr als 7 Milliarden Wettquoten pro Tag erfasst und verarbeitet, werden die Quotenänderungen von über 600 internationalen Wettanbietern überwacht und mit Unterstützung von über 50 Sportwettexperten auf wettbezogene Manipulationen untersucht. Im Jahr 2020 wurden so weltweit mehr als 600 000 Spiele in den 26 Sportarten analysiert. Seit 2013 hat Sportradar eine eigene Ermittlungsabteilung aufgebaut, die mittlerweile über 30 Mitarbeiter umfasst. Diese ermittelt im Auftrag von Sportorganisationen und staatlichen Strafverfolgungsbehörden bei Spielmanipulationen. Die Ermittlungen von Sportradar haben bis heute zu 441 sportlichen Sanktionen geführt. Das Internationale Sportgericht in Lausanne hat in sechs Urteilen die Relevanz der Informationen durch Sportradar gestützt. (rs)

Was versprechen Sie sich davon?

Es ist unser Commitment, dass wir ohne jegliches wirtschaftliches Interesse unseren Beitrag leisten, um sportwettenbezogene Manipulation zu bekämpfen. Sie können mir das glauben oder nicht. Das geht stark zurück auf Carsten Koerl, den Gründer von Sportradar, der bereits 2005 bei der Aufarbeitung des größten Sportwettskandal in der Geschichte des deutschen Fußballs, den Deutschen Fußball Bund unterstütz hat. Sportradar ist ein stark wachsendes, finanziell sehr gesundes Unternehmen. Wir geben mit den Integrity Services etwas zurück. Und wir schützen damit auch unser und das Kerngeschäft unserer Kunden.

Dennoch! Sportradar ist ein gewinnorientiertes Unternehmen: Wie refinanzieren Sie dieses kostenlose Angebot?

Sportradar gibt derzeit ungefähr 5,5 Millionen Euro jährlich für Integritätsarbeit aus. Wir sind in diesem Bereich defizitär. Denn wir investieren jeden Euro, den wir hier verdienen, in die Ausweitung unseres Systems. Mit dem UFDS jetzt noch einmal ca. 1 Millionen Euro.Wir sind ganz bewusst Non-Profit.

Ich gehe davon aus, dass Sie vermehrt mit Aufträgen für Ihre Intelligence and Investigation Services rechnen?

Wir hoffen das. Aber nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Es geht darum, dieses sich ausweitende Krebsgeschwür zu bekämpfen. Das funktioniert nur, wenn die Sportverbände und Ligen, die von uns über Manipulationen informiert werden, auch dagegen vorgehen. Ich persönlich würde ihnen ohnehin raten, für Ermittlungen die staatlichen Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Unser Ermittlerteam unterstützt dessen Arbeit gerne.

Im Zusammenhang mit Sportwetten und Manipulation wird immer wieder der unwirksame Rechtsrahmen betont. Gehen viele Betrüger durch die Lappen, weil man einfach keine Handhabe gegen sie hat?

Ja, das ist einigen Ländern immer noch ein Problem. Einerseits kann man feststellen, dass die strafrechtlichen Möglichkeiten in vielen Ländern in den letzten Jahren klar verbessert wurden. Ich erkläre Ihnen die Problematik anhand eines fiktiven Beispiels: Ein Tennismatch am US Open mit einem Spieler aus Europa, einem Spieler aus Nordamerika und einem Schiedsrichter aus Australien wird durch eine Organisation von irgendwo in Südamerika manipuliert. Wo liegt die Zuständigkeit der Ermittler? Ist es das Tatortprinzip? Ist es dort, wo der Kriminelle physisch sitzt? Ist es dort, wo der fehlbare Spieler oder Schiedsrichter herkommt? Oder ist es dort, wo der betrogene Wettanbieter sitzt? Solche Diskussionen haben wir in der Realität so oft mitgekriegt. Als Quintessenz blieben solche Fälle oft liegen. Auch deshalb ist wichtig, dass zumindest die Sportverbände die fehlbaren Sportler und Funktionäre sanktionieren. Aber natürlich können sie die kriminellen Personen im Hintergrund nicht zur Rechenschaft ziehen.

In einer Untersuchung im Tennis wurde Sportradar als Teil des Problems dargestellt, weil die Firma mit dem Anbieten von Wettdaten auf unteren Niveaustufen den Betrug in diesem sensiblen Bereich erst ermöglicht.

Es ist der Vorwurf, Sportradar stelle die Sportdaten Wettunternehmen zur Verfügung und überwache nachher die Sportevents auf Manipulation. Das ist richtig. Wetten is so alt wie der Sport selbst. Prohibition funktioniert nicht und fördert nur Schwarzmärkte und kriminelle Strukturen. Wenn Sportradar und alle Mitbewerber morgen die Geschäftstätigkeit einstellen, verändert sich das Wettangebot nicht. Dann produzieren die Wettunternehmen, wie in der Vergangenheit, die Sportdaten selber, denn die Nachfrage bleibt. Aber dann wird es auch wieder Betrug über falsche Sportdaten geben. Über unsere garantiert richtigen Daten, schützen wir den Markt vor Manipulation und den Kunden vor Verlusten. Ein reguliertes Wettangebot ist die beste Heilung gegen Schwarzmärkte sowie kriminelle Aktivitäten wie Spielmanipulationen.

Trotzdem findet Manipulation vor allem in den Turnierklassen statt, deren Daten von Sportradar geliefert werden?

Das ist richtig. Aber es besteht kein kausaler Zusammenhang. Es ist so, dass Sportradar einen Teil seines Geldes damit verdient, dass wir mit Sportorganisationen wie zum Beispiel dem Internationalen Tennisverband Vereinbarungen abschliessen, dass wir ihre Veranstaltungen für Wettanbieter aufbereiten. Das ist mittlerweile ein gängiges Geschäftsmodell, was von sehr vielen Sportverbänden und -ligen genutzt wird. Wir stellen alle notwendigen Informationen und Daten zu diesen Spielen oder Wettkämpfen zur Verfügung – aber lediglich an lizenzierte Buchmacher. Zuvor haben die Wettanbieter die Daten selber erhoben Der grosse Nachteil dabei ist, dass diese Leute – anders als die Mitarbeiter von Sportradar - unbekannt sind. Durch diese Transparenz und unsere Qualität lassen sich Manipulationen durch die Datenübermittlung nahezu ausschliessen. Wir hatten noch nie einen Fall von Datenmanipulation.