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In der Form seines Lebens: Ridge Munsy ist der Torjäger des FC Thun – beim FC Luzern hat man sein Potenzial übersehen

Thun-Stürmer Ridge Munsy, jubelnd und dankbar.

Thun-Stürmer Ridge Munsy, jubelnd und dankbar.

Ridge Munsy vom FC Thun schiesst Tore wie am Fliessband. Beflügelt von der Geburt seines ersten Kindes.

Dass Ridge Munsy den Interviewtermin am Morgen nach dem grossen Spiel verschwitzt, sagt zweierlei aus: Zum einen ist es während des Auslauftrainings in der Stockhorn-Arena brütend heiss gewesen, zum andern scheint es ihm kein grosses Anliegen zu sein, von den Medien abgefeiert zu werden.

Als ihn der Kommunikationschef des FC Thun dann aber telefonisch im Media Markt vis-à-vis aufspürt, ist der Stürmer alsbald zurück im Stadion und spricht über aufregende Wochen und Monate – nicht nur im Fussball. Der Verdacht, Munsy habe sich drüben einen gigantischen TV-Apparat angeschaut, um seine Tore künftig noch mehr geniessen zu können, erweist sich indes als haltlos.

Nach seinen zwei wunderbaren Treffern beim 5:1 gegen Servette hat Muncy Nachrichten, Fotos und Glückwünsche erhalten. Erst zum zweiten Mal in seiner Karriere ist ihm in der Super League ein Doppelpack gelungen. Gefeiert hat er ihn auf den Knien und mit nach oben ausgestreckten Armen. «Mit dieser Geste habe ich Gott dafür gedankt, dass er mir die Tore ermöglicht hat», sagt Munsy. Dass er davor eine hundertprozentige Kopfballchance vergeben und damit schliesslich seinen ersten Hattrick verpasst hatte, wurmte ihn allerdings schon.

Zehn Tore in den letzten zwölf Einsätzen

Im fünften Heimspiel seit dem Restart haben die Thuner nun zum fünften Mal gewonnen. In der ganzen Vorrunde hatte es nicht zu einem einzigen Heimsieg gereicht. Was gewiss auch ein wenig mit Munsy zusammenhängt, der nach seiner Rückkehr zum FC Thun im letzten Sommer vielleicht den einen oder anderen Zuschauer auf der Tribüne traf, nicht aber das Tor. Wobei man ihm zugutehalten muss, dass er oft auch verletzungsbedingt gefehlt hat. Aus dem Thuner Umfeld ist indes zu vernehmen, dass er mit seiner positiven Art auch dann für den Teamgeist wertvoll war, wenn er nicht spielte. «Ich habe eben immer gewusst, dass meine Zeit dank Gott noch kommt», so Munsy.

Und überhaupt: Bereits bei seinem ersten Engagement im Berner Oberland nach seinem Wechsel vom damaligen Erstligisten SC Kriens im Januar 2015 hatte er ein halbes Jahr lang keinen Treffer erzielt. Um dann in der folgenden Saison elf Tore zu schiessen und von den Grasshoppers für 750000 Franken gekauft zu werden. 32 Partien hatte er damals für die elf Treffer gebraucht, jetzt hat er in seinen letzten zwölf Einsätzen zehnmal für die Thuner getroffen und einen grossen Anteil daran, dass die Chancen auf den Klassenerhalt deutlich gestiegen sind. «Noch haben wir unser Ziel nicht erreicht», sagt Munsy. Ein Sieg heute in Sion wäre jedoch die halbe Miete.

Im Kopfballspiel gibt’s noch Verbesserungspotenzial

«Als es im Winter wirklich schlecht aussah, hat der Trainer die richtigen Worte gefunden», sagt der Torjäger. Auch ihm hatte Marc Schneider Vertrauen geschenkt. Nun zahlt ihm Munsy dies mit Speed und Toren zurück. Einige Male ist er nach Treffern aus Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung niedergekniet. «Ich wollte dazu beitragen, dass der Kampf gegen Rassismus weitergeht», sagt Munsy. Eine Serie von sechs Toren in sechs Spielen gab ihm Selbstvertrauen und sorgte für eine Eigendynamik. Man fragt sich, wohin das führen würde, sollte er damit beginnen, auch noch Kopfballtore zu erzielen. «Mit meiner Postur müsste ich mehr herausholen», gibt sich der 1,88-Meter-Hüne selbstkritisch.

Was auch auffällt, ist seine geringe Zahl an Assists. In dieser Saison: null. In 367 Pflichtspielen hat er zwar stattliche 113 Tore erzielt, aber nur 18 direkt vorbereitet. «Vielleicht bin ich ein zu grosser Egoist; oder es liegt daran, dass die Teamkollegen meine super Zuspiele nicht verwerten», lacht Munsy. War ja auch nur ein Scherz.

Und noch etwas aus dem Statistikbereich sticht ins Auge: Es fehlen Penaltytore. Obgleich ein sicherer Schütze – alle sechs Elfmeter, zu denen er bisher angelaufen ist, hat er verwandelt – sind vier Jahre seit seinem letzten Penaltytreffer vergangen. «Ich müsste mich mehr vordrängen», schmunzelt der 31-Jährige.

In Luzern hat man seine Qualitäten übersehen

Wie bei seinen Innerschweizer Kumpels Dejan Sorgic und Chris Kablan trifft das alte Sprichwort, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, auch auf ihn zu. In Luzern geboren, in Küssnacht am Rigi aufgewachsen und beim FC Luzern ausgebildet, stand er für das Fanionteam des FC Luzern nur sieben Mal in der Super League auf dem Platz. Der FC Thun aber lässt ihn wie Sorgic und Kablan aufblühen.

21 Erstligatore für den SC Kriens im Herbst 2014 hatten ein erstes Mal dafür gesorgt, dass er vom FC Thun einen Vertrag erhielt. Bei GC, Erzgebirge Aue und Erzurumspor in der Türkei lief es zwar nicht immer optimal, doch in Deutschland und in Ostanatolien hat er erlebt, welchen Stellenwert der Fussball in der Bevölkerung haben kann. Munsy möchte die Abstecher ins Ausland nicht missen.

Gegen Ende des Gesprächs wird er dann plötzlich ernst, rückt seine Erfolgssträhne in den Hintergrund. «Ich vermisse meine Familie», sagt Munsy. Die Geburt seiner Tochter anfang Juni habe ihm auch auf dem Rasen Flügel verliehen, sagt Munsy. Doch nach dem Spiel des FC Thun vor zwei Wochen gegen Xamax – die Neuenburger hatten einen Coronafall gemeldet – beschloss er zusammen mit seiner Frau, kein Risiko einzugehen. So sind Frau und Kind vorübergehend nach Zürich zu den Grosseltern gezogen. «Es ist hart, sie nicht um mich zu haben», sagt Munsy. «Aber erst, wenn ich getestet worden binund sicher sein kann, nicht angesteckt zu sein, werden wir wieder zusammenkommen.»

Letzte Frage: Was hat es mit dem mächtigen Bart auf sich? «Er lässt mich wie ein Mann aussehen», sagt Munsy und lacht laut. Seine Fröhlichkeit ist zurück. «Es war der Wunsch meiner Frau.»

Autor

Markus Brütsch

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