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«Im Ausland bin ich Patriot ­geworden»: Biel-Goalie Jonas Hiller im Interview zu seinem Rücktritt

Jonas Hiller: «Ich will mehr und wenn es gut ist, will ich noch besser ­werden.»

Jonas Hiller: «Ich will mehr und wenn es gut ist, will ich noch besser ­werden.»

Biels 37-jähriger Goalie Jonas Hiller hat auf Ende Saison seinen Rücktritt ange­kündigt. Der Rückblick auf eine grosse Karriere und ein Ausblick auf das Leben nach dem Hockey.

Ist diese Saison wirklich Ihre letzte Gelegenheit, noch einmal Meister zu werden?

Jonas Hiller: Auch wenn mir die Frage, ob es denn wirklich die letzte Saison ist, immer wieder gestellt wird und Martin Steinegger (Biels Sportchef – die Red.) ab und zu nachfragt: Ja, so ist es nach wie vor geplant. Aber es ist das Ziel, dass diese letzte Saison möglichst lange dauern wird.

Es ist aber Ihre bisher beste Saison.

Ich kann nicht beurteilen, ob es meine beste Saison ist. Ich spiele auf gutem Niveau und es war schon immer mein Ziel, auf gutem Niveau aufzuhören und nicht, wenn ich schon auf dem ab­steigenden Ast bin. Aber dieses Niveau zu halten, die Bereitschaft, an die ­Grenzen zu gehen, wird jedes Jahr schwieriger und anstrengender und kostet mich immer mehr Überwindung. Ich bin kein Typ, der mit 90 Prozent zufrieden ist.

Sind Sie irgendwann aufgestanden und wussten: So, das war's, ich werde im Frühjahr 2020 zurück­treten?

Ich habe mir schon länger Gedanken über meinen Rücktritt gemacht. Bereits im vergangenen Frühling bei der Verlängerung um ein weiteres Jahr habe ich Martin Steinegger offen gesagt, dass das wohl meine letzte sein wird. Es war nicht so, dass zu viel gegen eine weitere Saison sprechen würde. Es gibt für mich einfach nicht mehr genug Gründe dafür.

Dass es eben doch nicht Ihre letzte Saison sein könnte, hängt halt nach wie vor in der Luft.

Im Idealfall ist es die letzte Saison. Wenn mir dann in einem Jahr das ­Hockey fehlt, kann ich ja immer noch versuchen, den Rücktritt vom Rücktritt zu geben.

Wirkt es befreiend, wenn man weiss, dass danach Schluss ist?

Nicht unbedingt. Vielleicht denkt man beim Sommertraining mal daran, dass es ja das letzte ist und beisst sich durch. Auf dem Eis spielt es keine Rolle. Ich überlege mir höchstens mal vor einem Spiel, wie es wohl sein könnte, wenn es das letzte ist.

Wie kommt es eigentlich, dass Sie nach Ihrer Rückkehr aus der NHL in Biel gelandet sind?

Schon während meiner letzten Saison in Calgary habe ich mir Gedanken über eine Rückkehr in die Schweiz gemacht. Ich hatte von den vielen Reisen, der Zeit in den Hotels und der Ungewissheit genug. Ich war daran, in der Nähe von Bern ein Haus zu bauen und für mich war klar: Wenn ich in die Schweiz zurückkehre, dann will ich die Chance nutzen, Wurzeln wachsen zu lassen und es würde keinen Sinn machen, mit ­meiner Familie in der Nähe von Bern zu wohnen und etwa in Lugano zu spielen. Die Bieler haben mich früh kontaktiert und ich hatte das gute Gefühl, dass ich in Biel etwas bewirken kann. Nun kann ich rückblickend sagen: Es ist toll, was wir in den letzten drei Jahren erreicht haben und ich bin stolz darauf, dass ich dazu etwas beitragen konnte.

Was hat sich in Biel seit Ihrer Ankunft geändert?

Als ich kam, bin ich fast ein wenig erschrocken, wie viele Leute es in der Kabine gab, die so schnell zufrieden waren und bereits nach zwei Siegen glaubten, alles sei gut. Ich versuchte eine andere Einstellung hineinzu­bringen: Dass zwei Siege nicht gut genug sind, dass es drei, vier und immer mehr Siege braucht. Die, die nicht auf diesen Zug aufspringen wollten, sind heute nicht mehr dabei. Die Ansprüche sind heute in Biel viel höher.

Haben Sie diese Einstellung aus Nordamerika mitgebracht?

Nein. Ich glaube zwar, dass es möglich ist, diese Einstellung zu lernen. Aber es ist einfacher, wenn man sie bereits in sich trägt. Ich will noch mehr und wenn es gut ist, dann will ich noch besser ­werden. Das war schon immer meine Art.

Ohne diese Einstellung wären Sie ja gar nicht erst in die NHL ge­kommen.

Nicht einmal in die National League. Mit 18 wusste ich noch gar nicht, ob ich überhaupt einmal mit Eishockey meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich war nicht mal in einer Juniorennationalmannschaft. Mir standen stets andere vor der Sonne und ich musste noch härter arbeiten, um an ihnen vorbeizukommen.

Waren Sie zu wenig talentiert?

Bei Goalies ist es halt oft ein wenig ­Ansichtssache, ob einer Talent hat. Wenn einer spektakulär spielt, gilt er schnell einmal als gut. Es gab in meiner Generation viele grosse Talente: Marco Wegmüller, Matthias Schoder, Tobias Stephan, oder Daniel Manzato. Bis ich mich schliesslich in Davos etabliert ­hatte, wusste ich gar nicht, ob ich für die höchste Liga gut genug bin. Im Training war ich das zwar. Aber es blieb offen, ob ich die mentale Belastung im Spiel aushalten konnte.

Welche Rolle spielt der Torhütertrainer Marcel Kull in Ihrer ­Karriere?

Ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Er war schon in Herisau bei den Junioren mein Trainer und dank ihm bin ich überhaupt erst nach Davos gekommen. Arno Del Curto wollte ihn als Torhütertrainer und er wiederum sagte, dass er mich gleich mitnehme. So konnte ich mit der ersten Mannschaft trainieren noch bevor ich spielen durfte, und er stand in Davos immer hinter mir. Im Nachhinein weiss ich nicht, wie es ohne ihn gekommen wäre.

Und Arno Del Curto?

Er war der einzige, der verrückt genug war, gleich zwei jungen Torhütern eine ­Chance zu geben (Jonas Hiller und ­Thomas Bäumle – die Red.). Du kannst ja nur alles tun, um bereit zu sein, wenn die Chance heute, morgen oder auch erst übermorgen kommt. Es lag an mir, sie zu packen.

Ein Torhüter braucht also noch mehr als ein Feldspieler jemanden, der ihm eine Chance gibt?

Es gibt ja nur eine Goalieposition. In der Schweiz bekommt man immerhin eine zweite und vielleicht sogar noch eine dritte Chance. In Nordamerika ist es extremer. Warum kam Andres Ambühl nie in die NHL? Weil ihm niemand eine Chance gegeben hat. Du brauchst jemanden, der auf dich setzt. Manchmal ist es der Coach, manchmal der Goalietrainer.

Das war bei Ihnen so?

In Sommer-Trainingslagern in Verbier habe ich François Allaire (einer der bekanntesten Torhütertrainer Amerikas – die Red.) kennen gelernt. Er hielt viel von mir. Als später die NHL für mich ein Thema wurde, hatten mehrere Teams Interesse. Man sagte mir nach, ich sei dann wegen des Wetters nach Anaheim gegangen. Aber es war etwas anderes: Dort war François Allaire ­Goaliecoach und er hat sich für mich eingesetzt. Ich wusste, dass ich je­manden hatte, der an mich glaubt und der mir viel helfen kann. Es ist viel einfacher, wenn ein Coach viel von dir hält und nicht darauf wartet, dass du den nächsten Fehler machst und ihm den Grund lieferst, dass er dich nicht mehr einsetzen muss.

Sie haben die beste und wichtigste Liga der Welt verlassen, um die Karriere in der Schweiz fortzu­setzen. Das ist eigentlich ein Abstieg. War es ein schmerzlicher Abschied?

In der letzten Saison in Calgary traten für mich die negativen Seiten in den Vordergrund: Es läuft nicht mit dem Coach und dann spürt man die vielen Reisen, die viele Zeit in Hotels und man wird nachdenklich. Ich war nicht mehr bereit, alles noch einmal in Kauf zu nehmen, womöglich mit einem Zweiwegvertrag und Spielen in den Farmteams. Das war es mir nicht mehr wert. Neun Saisons in der NHL – das hätte ich mir vorher nie erträumt. Es war gut so und Zeit für mich heimzukehren.

Vom Lebensstil her müsste Ihnen eigentlich Nordamerika sehr zu­sagen: Sie mögen bekanntlich Autos und das Meer.

Im Ausland bin ich Patriot geworden. Natürlich ist das Leben in Nordamerika cool. Aber ich habe Dinge schätzen gelernt, die bei uns selbstverständlich sind: beispielsweise das Schul- und Gesundheitssystem oder die Verlässlichkeit der Handwerker. Die USA sind ja nicht gerade ein Drittweltland, aber wir leben hier vergleichsweise schon auf einem sehr hohen Niveau. Ich gehe ­gerne in die USA, um Ferien zu machen. Aber ich möchte nicht mein ganzes ­Leben dort verbringen. Ich habe es sehr genossen, ich hatte in Kalifornien sogar ein Haus am Meer. Aber es war für mich immer klar, dass ich in die Schweiz zurückkehren werde.

Gibt es einen grossen Unterschied zwischen dem Jonas Hiller, der 2007 das Abenteuer NHL gewagt hat und dem Jonas Hiller, der nun in Biel wieder in der Schweiz spielt?

Mein Hang zum Perfektionismus ist noch derselbe, den Unterschied macht die Erfahrung. Ich bin ja nicht zurückgekommen, um noch ein bisschen zu spielen und die Karriere ausklingen zu lassen. Das geht nicht. Entweder ist man hundertprozentig dabei oder nicht. Ich habe den Ehrgeiz, der beste Goalie zu sein und zu zeigen, was ich drüben gelernt habe.

Welche Pläne haben Sie nach dem Hockey? Mit Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung könnten Sie beispielsweise Sportchef ­werden.

Ich habe dem Hockey extrem viel zu verdanken. Aber ich habe in den letzten 30 Jahren so viel Zeit in Eisstadien ­verbracht, dass ich mich auf neue Erfahrungen freue. Zum Beispiel aufs ­Skifahren und Reisen. Die Möglichkeit zu einer Rückkehr ins Hockey kommt schon noch früh genug. Ich muss jetzt nicht gleich als Goalietrainer anfangen.

Was werden Sie nach Ihrem Rücktritt tun?

Ich habe jetzt schon viele Engagements. Um die kann ich mich nach meinem Rücktritt intensiver kümmern und auch operativ stärker tätig werden.

Betreiben Sie eine Goalieschule?

Nein, nein. Ich bin an der Firma GIN Kiteboarding beteiligt. Wir stellen in La Neuveville Kites her und mit «Kite Fun» in Luzern bieten wir Kite­board-Schulungen und Kiteboard-Reisen an. Ich bin ausserdem Mitinhaber von Algrano, einer Handelsplattform für Kaffee, die den direkten Handel vom Produzenten zum Verbraucher ohne Zwischenhandel ermöglicht. Und dann bin ich noch bei einem IT-Unter­nehmen namens Threatray in Biel ­dabei. Da werden Programme zur Abwehr von Cyberangriffen und zum Aufspüren der Täter im Netz entwickelt. Das wird in Zukunft immer wichtiger werden.

Kitesurfer, Kaffeehändler und Computervirenjäger – müssen Sie bei so vielen Tätigkeiten ­Kompromisse machen?

Es ist herausfordernd. Ich habe im Eishockey gelernt, im Team zu arbeiten und anderen zu vertrauen. Aber ich gehe schon davon aus, dass wir alle den gleichen Drive haben.

Ja? Überfordern Sie mit Ihrem Drive Ihre Geschäftspartner nicht?

Doch, und es ist ein Glück, dass ich nicht so viel Zeit habe, um mich um ­alles zu kümmern (lacht). Nein, Spass ­beiseite, so ist es natürlich nicht. Es funktioniert.

Übertragen Sie Ihren Hang zur Perfektion auch in Ihr Privat­leben?

Nein, es ist nicht bei allem ganz so schlimm. Aber manchmal habe ich eben schon hohe Anforderungen.

Aber Sie können schon eine Fünf mal geradestehen lassen?

Man kann nicht alles perfektionieren. Es ist nicht so, dass ich betrüge, wenn mir im Würfelspiel mit meinen Kindern eine Niederlage droht (lacht).

Sind Sie unterdessen also ein guter Verlierer?

Nein, ich bin immer noch ein schlechter Verlierer. Manchmal ärgere ich mich über irgendetwas noch zwei Tage nach einem Spiel. Klar, wenn das nächste Spiel kommt, ist es vorbei. Dann wird aus dem Ärger ein «Jetzt erst recht». Aber wenn man drei Tage lang kein Spiel hat, dann kann das dauern.

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