Andy Murray und ich haben eines gemeinsam: Wir sind nah am Wasser gebaut. 2010, nach dem gegen Roger Federer verlorenen Final bei den Australian Open, sagt der Schotte: «Ich kann heulen wie Roger. Es ist eine Schande, kann ich nicht Tennis spielen wie er.» Am Freitag fliessen in Melbourne wieder Tränen, als Murray das Ende seiner Karriere im Sommer ankündigt.

Bei der Frage, wie es um seine Hüfte stehe, bricht ihm die Stimme. Tränen kullern über seine Wangen. Vor meinen Augen löst sich der Lebensinhalt eines Menschen auf, mit dem ich immer wieder zu tun hatte. Dessen trockenen Humor ich schätzte. Der zu Unrecht im Ruf des Verlierers stand. Nur, weil er unter Tennisgöttern wie Djokovic, Nadal und Federer der Normale war.

Journalisten sind nicht die Feinde der Athleten, aber auch nicht Freunde. Sie sitzen im gleichen Boot und sind beide Teil einer Unterhaltungsindustrie. Nicht immer ist das Spiel zwischen Nähe und Distanz einfach. Denn man lernt sich kennen und schätzen. Man verkracht sich und versöhnt sich. Geteilte Erinnerungen verbinden. Man erlebt Menschen in Extremsituationen. Nicht nur nach Niederlagen, sondern auch nach einer Trennung, nach dem Tod eines Familienmitglieds. Oder eben dann, wenn die Karriere zu Ende geht.

Tennis spricht die Sprache des Lebens: Vorteil, Aufschlag, Fehler, Break, Love sind die Grundbegriffe. Und sie sind es auch in der täglichen Existenz. Jeder Match bildet so etwas wie ein Leben im Kleinen ab. Es ist diese einst von Andre Agassi formulierte Analogie auf das Leben, die mir durch den Kopf geht. Ja, ich habe in diesem Moment wässrige Augen. Und ich denke: Ich kann heulen wie Andy Murray. Es ist eine Schande, kann ich nicht Tennis spielen wie er.