Interview
FCSG-Toptorschütze Vincent Sierro: «Wenn ich etwas mache, will ich gewinnen – wie Cristiano Ronaldo»

Der 23-jährige Walliser ist bester Torschütze und Rückgrat des FC St.Gallen. Zum Start der zweiten Saisonhälfte am Sonntag gegen den FC Zürich fehlt er gesperrt. Der Mittelfeldspieler über Verantwortung, Traurigkeit, Racletteabende und das Nationalteam.

Interview: Patricia Loher, Christian Brägger
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Vincent Sierro verfügt über einen Leihvertrag bis nächsten Sommer. (Bild: Mareycke Frehner/St.Gallen, 30. Januar 2019)

Vincent Sierro verfügt über einen Leihvertrag bis nächsten Sommer. (Bild: Mareycke Frehner/St.Gallen, 30. Januar 2019)

Vincent Sierro, Sie sind am Sonntag gegen Zürich gelbgesperrt.
Wie gut ist der FC St. Gallen ohne Sie?

Natürlich ist er gut. Ich weiss, dass ich zwar wichtig bin für die Mannschaft. Aber andere können diese Rolle auch übernehmen. Ich hoffe, wir werden am Sonntag ein gutes Spiel machen.

Mit Ihnen fehlt ausgerechnet der wichtigste Akteur.

Deshalb wollte ich ja nach St. Gallen kommen: Weil ich wusste, dass ich eine wichtige Rolle übernehmen kann. Aber Jordi Quintillà, Tranquillo Barnetta oder Silvan Hefti verfügen ebenfalls über die Qualität, eine Mannschaft zu führen.

Waren Sie überrascht, dass Sie nach Ihrem Weggang von Freiburg in St. Gallen so schnell ein Leader wurden?

Nein, ich wusste, was ich kann. Ich war in der Bundesliga bei Freiburg auf dem gleichen Niveau wie meine Teamkollegen. Ich hielt im Training gut mit. Aber dann bekam ich kaum eine Chance, mich in den Ernstkämpfen zu zeigen. Als Peter Zeidler und St. Gallen auf mich zukamen, wusste ich, dass ich in der Ostschweiz die Möglichkeit erhalten würde, wieder oft zu spielen.

Nach dem Ausfall von Cedric Itten trafen mit wenigen Ausnahmen nur noch Sie und Barnetta. War diese Verantwortung eine Belastung?

Ich hatte gegen Lugano zwei Tore erzielt, aber ich war an jenem Abend trotzdem traurig. Cedric ist ein guter Freund von mir und er war unglaublich wichtig für uns. Zu Beginn meiner Zeit in St. Gallen hatte ich einige Zeit gebraucht, um wieder Luft und Vertrauen zu gewinnen, weil ich zuvor ja nicht mehr oft gespielt hatte. Danach erzielte ich auch die Tore wieder.

Hat sich der SC Freiburg bei Ihnen nach Ihrem Befinden erkundigt?

Die Clubverantwortlichen waren öfters hier und beobachteten mich. Sie riefen mich auch an, weil der Verein ja die Option hatte, mich im Winter zurückzuholen.

Aber ich sagte immer, dass es mir
lieber wäre, in St. Gallen die ganze Saison absolvieren zu können.

Schliesslich teilte mir der Freiburger Sportdirektor mit, dass man zufrieden mit meiner Entwicklung und es nicht sinnvoll sei, im Winter zurückzukehren. Es sei besser, in St. Gallen weiterhin auf Einsatzzeit zu kommen. Hier spiele ich auf meiner Lieblingsposition, ich weiss genau, wie die Philosophie des Trainers ist. Meine Charakteristiken passen gut zu seinem Spiel.

Und Sie sind ein Integrationstreiber, weil Sie viele Sprachen sprechen.

Ich kann mit allen reden. Französisch, Deutsch, Spanisch und auch Englisch. Das macht es einfacher – auch auf dem Platz, wo ich viel reden will. Ich habe in Freiburg viel gelernt. Christian Streich ist ein Trainer, der grossen Wert auf Taktik legt. Er war sehr streng. Das kann ich nun auf dem Platz umsetzen. Und ich versuche damit, den anderen zu helfen.

Stimmt es, dass Sie sich selber Spanisch beigebracht haben?

Am Anfang ja. Zwei Monate lang. Danach konnte ich bei meiner Nachbarin Stunden nehmen. Sie war Spanischlehrerin und ist nun pensioniert. Das war perfekt. Zweimal in der Woche redeten wir zusammen. Zu Hause lernte ich dann weiter und schaute spanische TV-Sendungen. Ich absolvierte Prüfungen, um mein Niveau weiter zu verbessern. Nun kann ich mich mit Jordi Quintillà, Victor Ruiz und Leonel Mosevich in ihren Muttersprachen unterhalten. Ich kann also geniessen, was ich mir angeeignet habe. Sprachen helfen einem für das Leben.

Wie muss man sich das Zusammenleben des Teams neben dem Platz vorstellen?

Meistens sind diejenigen zusammen, die noch nicht so lange hier sind. Die anderen haben Familien oder Freundinnen und verbringen logischerweise mehr Zeit mit ihnen. Wir aber sind alleine hier. Also machen wir oft Dinge zusammen, gehen essen. Manchmal bleiben wir auch im Stadion und spielen Tischtennis.

Wer ist der beste Tischtennisspieler?

Ich! Nein, der beste Spieler ist Boro Kuzmanovic, unser Assistenztrainer. Gegen ihn haben wir keine Chance. Victor Ruiz ist auch gut. Aber am Dienstag habe ich ihn besiegt. Roman Buess und Philippe Koch sind ebenfalls nicht schlecht.

In den Ferien waren Sie eingeladen nach Buenos Aires an die Hochzeit von Leonel Mosevich. Das dürfte Peter Zeidler gefreut haben, weil er betont, wie wichtig Teamgeist sei.

Die Stimmung ist wirklich gut. Es gibt keine Gruppen. Natürlich, die ­einen unterhalten sich vermehrt mit den anderen, weil sie dieselbe Sprache sprechen. Doch das ist normal.

Dem Trainer dürfte auch gefallen, dass Sie gemeinsam mit anderen Spielern ­kochen.

Ich habe mehrmals einige Teamkollegen zum Raclette zu mir nach Hause eingeladen. Ich hatte Käse aus dem Wallis und bereitete ein richtiges Raclette zu mit einem richtigen Ofen.

Aber ein Raclette geht nur nach einem Spiel, oder?

Klar. Wir hatten eine Woche kein Spiel. Wir brauchten etwas Zeit, um zu verdauen. Slimen Kchouk liebt Raclette, auch Jordi Quintillà und Leonel Mosevich. Sie kannten Fondue und Raclette vorher nicht und haben es hier für sich entdeckt.

Servieren Sie dann auch Fendant?

Allerhöchstens einen Schluck zum Probieren. Mineralwasser passt ja nicht wirklich zu Raclette. Aber ich trinke selten Wein, obwohl mir mein Vater auch schon ein paar Flaschen mitgebracht hat aus dem Wallis.

Ihr Vater war im Wallis FDP-­Kantonsrat und eine bekannte Persönlichkeit. War das schwierig für Sie als Kind?

Als ich auf die Welt kam, war er schon nicht mehr in der Politik. Aber man hat gemerkt, dass ihn die Leute auf der Strasse erkannten. Und dass sie ihm viel Respekt entgegenbrachten. Aber schwierig war das nicht für uns, im Gegenteil.

Sion-Präsident Christian Constantin hat auch Respekt vor ihm.

Mein Vater ist Anwalt. Constantin hat mit ihm zusammengearbeitet, Geschäfte gemacht. Sie verstehen sich gut.

Constantin sagte, Sie seien zu früh ins Ausland gewechselt, er habe dann aber nichts gesagt, weil Ihr Vater ein wichtiger Mann sei.

Das hat er gesagt, ich weiss. Er durfte diese Meinung haben. Wir haben diesen Entscheid gefällt. Freiburg war ein gutes Projekt. Es lief dann leider nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Aber manchmal kann ein Detail entscheidend sein, ob ein Weg so oder so verläuft.

Ich bin überzeugt, dass wenig gefehlt hat,
um mich in der Bundesliga durchzusetzen.

Aber die Zeit in Deutschland hat mir geholfen. Ich bin als anderer Spieler zurückgekommen. Ich bin mental stärker geworden, weil ich nicht aufgegeben habe.

St. Gallen fehlte in der Vorrunde die Konstanz. Was war das Problem?

Wir hatten gute und weniger gute Spiele. Manchmal waren wir zu naiv. Vor allem in den letzten Partien der Vorrunde unterliefen uns zu viele Fehler. Wichtig ist, dass wir defensiv kompakter verteidigen, so wie beispielsweise im Testspiel gegen den Hamburger SV. Wir hätten höher gewinnen können als 3:0, vor allem aber liessen wir nur sehr wenig zu, weil wir alle solidarisch verteidigt haben. Wir müssen lernen, die Ordnung beizubehalten. Das ist manchmal schwierig, weil wir jung sind. Aber man kann jung und schlau sein.

Wann werden Sie Nationalspieler?

Hoffentlich bald. Ich hoffe, Nationaltrainer Vladimir Petkovic weiss, dass ich Schweizer bin. (lacht) Einige denken doch tatsächlich, ich sei kein Schweizer. Ein Physiotherapeut erzählte mir, Leute hätten ihm gesagt, der Sierro sei ein guter Spieler. «Aber woher kommt er genau? Aus Spanien oder so?»

Sie halten beim FC Sion den Rekord im Jonglieren, ist das richtig?

Als ich nach Sion kam, mussten wir jede Woche unsere Rekorde im Jonglieren notieren. Ich wollte, wie immer, der Beste sein. Es gab einen Pokal für diejenigen, die 100 schafften. Mir gelang das. Dann schaffte ich 200, später 500. Ich jonglierte auch am Sonntag, als ich frei hatte. Irgendwann kam ich auf 2548. Das ist eine halbe Stunde jonglieren ohne Unterbruch. Ich bin so:

Wenn ich etwas mache, will ich gewinnen.
Wie Cristiano Ronaldo.

Bezüglich Mentalität ist er mein Vorbild: Es ist beeindruckend, wie er trainiert, wie er sich vorbereitet. Man sagt, als er zu Juventus Turin kam, habe sich die Mentalität im Team geändert.

Ronaldo hat bei Real Madrid eine grosse Lücke hinterlassen. Das wird bei Ihnen auch so sein, wenn Sie St. Gallen im Sommer verlassen.

Ich hoffe, dass ich dem FC St. Gallen in diesem Jahr viel bringen kann. Dass die anderen Spieler ebenso von mir lernen können wie ich von ihnen. Nun stehen wir erst einmal vor der Rückrunde. Dann schauen wir.

Das Pflänzchen giessen

Nach der guten Vorbereitung gelte es die richtige Formation zu finden für den Rückrundenauftakt gegen Zürich, sagt Peter Zeidler. Einziger Wermutstropfen im Januar war die schwere Verletzung Alain Wiss’, ansonsten sieht der Trainer des FC St. Gallen Fortschritte in Taktik und Teambildung und sagt: «Wir wollen natürlich so weit wie möglich nach oben kommen.» Hiefür würde ein Heimsieg am Sonntag ab 16 Uhr gegen den Tabellenvierten besonders helfen. Im Wissen, dass die vergangenen Rückrunden selten gut waren, sieht Zeidler den FC St. Gallen als ein zartes Pflänzchen, das man weiter gut giessen müsse. (cbr)

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