Hausaufgabe für die Young Boys
Der Schweizer Meister steht vor dem letzten Schritt in die K.o.-Phase der Europa League

Den Bernern genügt im Wankdorf gegen den rumänischen Meister CFR Cluj ein Unentschieden, um endlich wieder einmal europäisch zu überwintern.

Markus Brütsch
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Ein optimistischer Trainer: Gerardo Seoane vor dem Spiel gegen Cluj.

Ein optimistischer Trainer: Gerardo Seoane vor dem Spiel gegen Cluj.

Keystone

Kann der das?

Das fragten sich manche in Bern, als im Sommer 2018 bekannt wurde, dass Gerardo Seoane bei YB Nachfolger von Erfolgstrainer Adi Hütter werden würde. Der damals 39-Jährige hatte zwar beim Debüt als Trainer einer Profimannschaft mit dem FC Luzern eine sackstarke Rückrunde hingelegt, doch die gerade Meister gewordenen Young Boys stellten für einen Jungfuchs wie ihn gleichwohl ein anderes Kaliber dar.

Zweieinhalb Jahre später lässt sich definitiv sagen: Ja, der kann das. So war es letztlich nur eine Formsache, dass die Berner nach zwei Meistertiteln, einem Cupsieg und dem Einzug in die Champions League unter Seoane den Vertrag mit dem Trainertalent bis 2023 verlängerten. Sportchef Christoph Spycher sagt: «Einerseits sprechen die Resultate für sich, andererseits sehen wir in der täglichen Arbeit, wie Seoane die Mannschaft und die Spieler kontinuierlich weiterentwickelt.»

Nach dem Lob Spychers würde es natürlich gut passen, könnte der Trainer dessen Worte gleich auf internationaler Ebene bestätigen und das Überwintern im Europacup Tatsache werden lassen. Weil die Young Boys vor der letzten Runde zwei Punkte vor Cluj liegen, genügt ihnen dazu bereits ein Unentschieden.

Nur zwei Mal hat YB die Gruppenphase überstanden

Bei einer Niederlage allerdings würden sie ihr Ziel einmal mehr verpassen. Lediglich 2010 und 2014 überstanden sie im Europacup eine Gruppenphase. «Ein Weiterkommen hätte sowohl für den Verein wie auch für mich als Trainer eine grosse Bedeutung», sagt Seoane, «und natürlich sind wir uns auch bewusst, dass es aus Schweizer Sicht wichtig wäre, für das Uefa-Ranking zu punkten. Das gibt uns eine zusätzliche Motivation.»

Zwar fehlen YB gegen den rumänischen Meister mit Fabian Lustenberger, Ali Camara und Vincent Sierro wichtige Spieler, doch auf dem Kunstrasen im Wankdorf sind die Berner dennoch der klare Favorit. Nicht allein aufgrund der imponierenden Heimstärke und der ordentlichen Form in der Super League, in der sie ungeschlagen Leader sind, sondern auch wegen des Gegners. Dieser zeigte in den Spielen in der Europa League alles andere als furchteinflössende Leistungen. In den fünf Partien dieses Wettbewerbs gelangen ihm lediglich drei Tore. «Wir haben nach der Gruppenauslosung die AS Roma als klaren Favoriten eingestuft, uns aber gegen Cluj und Sofia gute Chancen auf das Weiterkommen ausgerechnet», sagt Seoane.

Genau so ist es gekommen.   Die Römer waren auch mit ihrer 1B-Garnitur für alle ausser Reichweite, und die Berner gut genug, die Teams aus Rumänen und Bulgaren auf Distanz zu halten. «Wir stehen nun vor einer tollen Prüfung und wollen diese bestehen», sagt Seoane.

Die Gefahr, dass seine Mannschaft im Wissen, dass ein Unentschieden reicht, mit angezogener Handbremse spielen könnte, sieht Seoane nicht. «Wir versuchen, unsere Tugenden auf den Platz zu bringen. Wir wollen offensiv spielen und immer auch ans Verteidigen denken», sagt der YB-Trainer, der trotz der Vertragsverlängerung schon im Sommer eine Trainerstelle im Ausland antreten könnte. Weil er eben längst bewiesen hat, dass er es kann.

Wie CSKA Sofia hat auch Cluj den Trainer gewechselt

Kann der das? Diese Frage könnten sich derzeit auch die Fans des CFR Cluj stellen, der in der laufenden Meisterschaft sechs Punkte hinter Leader FCSB, dem ehemaligen Steaua Bukarest, auf Platz drei liegt. Gemeint ist Edward Iordanescu. Denn wie CSKA Sofia hat auch der Gegner aus den Westkarpaten zwischen den Auftritten gegen den Schweizer Champion einen Trainerwechsel vollzogen. Meistermacher Dan Petrescu ist Ende November nach einer 0:1-Niederlage im Cup gegen Poli Iasi entlassen und durch Iordanescu ersetzt worden. Speziell: Eine Woche danach musste Cluj in der Meisterschaft noch einmal in Iasi, ganz im Osten des Landes, antreten und gewann mit dem neuen Chef 2:0.

Ein guter Anfang gewiss, der die Eisenbähnler - CFR ist die Abkürzung für Eisenbahngesellschaft Rumäniens - im Wankdorf vielleicht mit einem etwas besseren Gefühl auflaufen lässt. Doch einen Leistungsausweis, wie ihn Seoane vor dem Wechsel zu YB bereits hatte, konnte sich der 42-Jährige bisher auf seinen sechs Stationen als Cheftrainer noch nicht erarbeiten.