Olympia-Serie

Hart am Wind: Michelle Gisin ist sowohl auf der Skipiste wie auch auf dem Surfbrett in ihrem Element

Michelle Gisin entscheidet sich für ein Segel und sagt: «Es braucht zu Beginn Mut, schnell zu surfen.»

Michelle Gisin entscheidet sich für ein Segel und sagt: «Es braucht zu Beginn Mut, schnell zu surfen.»

Michelle Gisin mag es schnell. Nicht nur auf der Skipiste, wo die einstige Slalomspezialistin zu einer immer stärkeren Abfahrerin wird. Auch im Sommer will sie flott unterwegs sein. Seit sie 12 Jahre alt ist, surft Michelle Gisin im Sommer auf dem Gardasee in Italien – und im Winter profitiert die 24-Jährige von ihrer Sommer-Leidenschaft

Besonders dann, wenn sie ihre seltene Freizeit nutzt, um auf dem Gardasee zu surfen. «Dabei war es mir am Anfang zu schwierig», erinnert sie sich. Das war, als ihr Vater ihr das Surfen beibrachte. Michelle war damals 12 Jahre alt. «Mein Dad gab mir ein zu grosses Segel. Aber so lernt man es eben am Besten und Schnellsten.»

«Ich könnte den ganzen Tag jede Sportart schauen am TV»

«Ich könnte den ganzen Tag jede Sportart schauen am TV»

Skirennfahrerin Michelle Gisin über ihre ersten Olympia-Erinnerungen und ihre Ambitionen für Südkorea.

Michelles Vater ist bis heute ein leidenschaftlicher Surfer. Zeitweise arbeitete er sogar als Instruktor und bot Surfkurse für Engadiner im italienischen Riva an. Kein Wunder also, förderte und forderte er seine Tochter.

«Auf dem Wasser fühlt es sich schneller an»

«Ich fiel zu Beginn oft ins Wasser», sagt Gisin und muss ob der Erinnerung lachen. «Und weil mir der Neopren-Anzug von meiner Mutter zu gross war, hatte ich manchmal etwas kalt. Beim Hochklettern wurde mir aber zum Glück immer wieder warm.» Der Start also war harzig. Doch schon bald wurde aus dem Ärger eine Leidenschaft, die bis heute besteht. An das Tempo hat sich Michelle Gisin längst gewöhnt.

«Auf dem Wasser fühlen sich 30 km/h viel schneller an als an Land. Es braucht zu Beginn Mut, schnell zu surfen. Doch diese Erfahrung hilft mir auf der Skipiste, mich zu überwinden.» Während Gisin erzählt, üben auf dem See die Anfänger. «Meine Eltern kommen seit mehr als 30 Jahren an den Gardasee. Schon als Kind war ich oft hier.»

Motocross mit dem Freund

In der hoteleigenen Surfschule in Riva kennt man sie: «Michelle, der Wind ist zu schwach für dich», sagt der Besitzer. Die Schweizer Skifahrerin nickt. Sie kennt sich hier aus. «Normalerweise dreht es erst am Nachmittag dank Südwind auf», sagt sie. An diesem Julitag nicht. Sie bleibt an Land. «Jetzt warte ich auf Luca.»

Luca De Aliprandini ist ihr Freund. Der italienische Skifahrer wohnt rund eine Stunde vom Gardasee entfernt. Im Sommer ist Michelle Gisin oft bei ihm. «Er hat im Keller einen Kraftraum eingebaut. Dort arbeiten wir gemeinsam an unserer Fitness für den Winter.»

Nur manchmal gönnen sie sich eine kurze Pause. Dann geht die Schweizerin surfen und ihr Freund fährt in den Hügeln Motocross. «Ich habe es auch einmal probiert. Er hat aber deutlich mehr Talent auf dem Surfbrett als ich auf dem Motorrad.»

Vorteile im Winter

Das Surfen ist aber nicht wirklich eine Pause für die Spitzensportlerin. Michelle Gisin pusht sich auch auf den Wellen. «Es ist Krafttraining und Gleichgewichtsübung. Das Surfen sorgt für Stabilität im Rumpfbereich. Davon profitiere ich im Winter», sagt sie.

Michelle Gisin in Arbeitskluft.

Michelle Gisin in Arbeitskluft.

Wenn der Wind so richtig bläst, dreht die Schwester von Dominique Gisin, die 2014 Abfahrts-Olympiasiegerin wurde, auf. Der Puls steigt dann in den Maximalbereich. «Das ist schon ein cooles Gefühl. Ich geniesse es, obwohl es streng ist. Wie anstrengend es ist, vergesse ich in diesen Momenten.» Auf dem See fühlt sie sich frei.

Der Grundspeed der Gisins

Vom Sommer am See in den Schnee: Wenn Dominique Gisin die Fortschritte ihrer Schwester in Abfahrt und Super-G erklären soll, benutzt sie immer wieder ein Wort: «Grundspeed». Diesen haben alle Gisins. Bruder Marc hat sich ebenfalls für die Olympischen Winterspiele im Februar qualifiziert. Dominique, die ihre Karriere im März 2015 beendet hat, wird in Südkorea die Rennen als TV-Expertin im Ziel analysieren.

Auf der Piste profitiert Michelle Gisin bis heute von ihrer Schwester. «In dieser Saison war Dominique bei fast jedem Speedwochenende dabei und besichtigte mit mir die Abfahrtsstrecken», sagt die 24-Jährige.

Auf dem Wasser ist aber die Jüngste der Chef. «Dominique surft auch, doch am meisten bin ich mit meinem Dad unterwegs.» Mit einem grossen Segel.

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