Interview
Handball-Nationaltrainer Michael Suter: «Dann hätten wir den ersten WM-Match halt in Jeans gespielt»

Am Montag kehrte die Nati mit drei Siegen von der WM zurück. Schon am Dienstag steht Michael Suter wieder in der Halle, um Talente zu fördern. Im Interview adelt er Andy Schmid und verrät, was die Spieler nach dem letzten WM-Auftritt in der Kabine gesungen haben.

François Schmid-Bechtel
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Hat gut lachen: Michael Suter und sein Team verblüfften die Fachwelt an der Handball-WM.

Hat gut lachen: Michael Suter und sein Team verblüfften die Fachwelt an der Handball-WM.

Flüeler/Keystone

Erstmals nach 26 Jahren durften die die Schweizer Handballer an einer WM teilnehmen. Von ihrem Glück erfuhren sie erst 44 Stunden vor dem ersten Spiel gegen Österreich. Der Grund: Die USA mussten wegen zu vielen positiven Coronafällen Forfait geben.

Die Schweiz entpuppte sich indes nicht als ordinärer Lückenbüsser. Mit dem Sieg gegen Österreich und der äusserst knappen Niederlage gegen das französische Weltklasse-Team verblüffte die Mannschaft von Michael Suter die Fachwelt. In der Hauptrunde gewannen die Schweizer noch gegen Island und Algerien. Drei Siege aus sechs Spielen ist mehr, als man von dieser Equipe erwarten konnte.

Michael Suter, wie fühlen Sie sich?

Michael Suter: Ausgelaugt. Mit Algerien kriegten wir es zum Abschluss unseres WM-Abenteuers nochmals mit einem harten Brocken zu tun.

Was nehmen Sie mit von dieser WM?

Enorm viel. Es fühlt sich immer noch an, als würden wir aus einem Traum aufwachen. Obwohl nachgerückt, konnten wir beweisen, dass wir zurecht teilnahmen. Ein Höhepunkt ist auf den anderen gefolgt. Wir haben sechs richtig gute Spiele gezeigt.

Es begann gleich mit dem Startsieg gegen Österreich...

...märchenhaft. Über unsere spezielle Anreise wurde ja viel berichtet. Dieser Tag reicht allein schon für eine grosse Geschichte. Danach das starke Spiel gegen Norwegen (25:31). Dann die epische Partie gegen Frankreich (24:25). In diesem Spiel gab es eigentlich zwei Sieger. Es war, als würden Roger Federer und Rafael Nadal gegeneinander spielen und am Schluss gewinnt einer den fünften Satz mit 19:17. Und danach gewinnen wir zwei von drei Hauptrundenspiele. Allein, wie wir gegen Island (20:18) verteidigt haben, war ganz grosse Klasse.

Nochmals: Was nehmen Sie mit? Was sind Ihre Erkenntnisse?

Die Mannschaft hat eine überragende Mentalität gezeigt. Wie sie vor dem Spiel beteuern, alles rein zu hauen und es dann auch umsetzen, ist beeindruckend. Als Coach kann ich das sicher etwas steuern. Aber ich war nicht allzu sehr gefordert in Sachen Einstellung und Mentalität. Da kam sehr viel von den Spielern selbst.

Schneesturm in Zürich, Coronatest auf der Rollbahn in Kairo, das Gepäck erst eine Stunde vor Spielbeginn in der Halle: Die spezielle Anreise in Bildern

Der Start eines langen Tages: Nati-Star Andy Schmid mit seinem Gepäck am Flughafen Zürich.
11 Bilder
Handballer Mehdi Ben Romdhane (links) beim Einchecken.
Ist vor dem Abflug gefragt: Handball-Star Andy Schmid.
Bei Trainer Michael Suter sitzt die Schutzmaske.
Das Vorfreude auf die Weltmeisterschaft ist an den Augen zu erkennen: Die Handballer Andy Schmid (links) und Nik Tominec.
Sechs Stunden später landen die Nationalspieler in Kairo. Noch auf dem Rollfeld müssen die Nationalspieler Fiebermessen und Corona-Schnelltests über sich ergehen lassen. Hier im Bild Leo Grazioli.
Und im Bus auf dem Rollfeld neben dem Flieger warten bereits PCR-Tests. Hier wird Lenny Rubin wird getestet.
Nach einer zweistündigen Busfahrt kommt das Nationalteam schliesslich in der Arena an, wo sie sich kurz die Füsse vertreten. Weiter dürfen sie nicht, zudem fehlt sowohl das Gepäck als auch etwas zu Essen.
Das warten hat ein Ende: Zumindest jenes nach dem Essen. Es gibt Lunchpakete.
Doch das Warten nach dem Gepäck geht zunächst weiter für das Schweizer Nationalteam.
Der erste Jubel für das Schweizer Team an dieser WM: Das Gepäck ist endlich da.

Der Start eines langen Tages: Nati-Star Andy Schmid mit seinem Gepäck am Flughafen Zürich.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Welche WM-Anekdote erzählen Sie mal Ihren Enkelkindern?

Sicher die Geschichte der Anreise. Diese Story absolut hollywoodreif. Aber auch der Abschluss war sehr speziell. Mein Sohn wurde am Sonntag zehn. Noch nie war ich an seinem Geburtstag nicht zu Hause. Nach unserem letzten Spiel sang die Mannschaft in der Kabine ein Happy Birthday. Wir haben es gefilmt und meinem Sohn geschickt. Auch das zeigt den Zusammenhalt in der Equipe. Es herrschte eine sehr grosse Wertschätzung innerhalb der gesamten Delegation. Das ist speziell für die heutige Zeit. Denn es gibt auch sehr viele andere Beispiele.

Wie haben Sie es geschafft, diesen Zusammenhalt im Team zu manifestieren?

Ein gutes Zusammenleben in einem Team ist für mich die Basis für den Erfolg. Das ist mir extrem wichtig. Jeder muss wissen, was wir wollen und wie wir unsere Ziele zu erreichen gedenken. Und wenn es doch mal Probleme geben sollte, müssen sie schnellstmöglich diskutiert und geklärt werden. Die Spielern sollen sich im Nationalteam wohl fühlen.

Als die Hallen noch gefüllt waren: Die Schweiz mit Andy Schmid (Mitte) gegen Polen an der EM 2020.

Als die Hallen noch gefüllt waren: Die Schweiz mit Andy Schmid (Mitte) gegen Polen an der EM 2020.

Ennio Leanza/Keystone

In welchen Bereichen hat sich das Nationalteam im Vergleich zur EM, wo man eines von drei Spielen gewann, verbessert?

Selbstvertrauen entwickelt sich. In dieser Hinsicht hat uns die EM-Teilnahme, notabene die erste nach 14 Jahren, geholfen. Insbesondere der Sieg gegen Polen war wertvoll. Und hier an der WM ging es gleich positiv los. Hätten wir gegen die Österreicher verloren, wäre das Erreichen der Hauptrunde wohl utopisch gewesen. Deshalb standen wir schon auch unter Druck. Und wenn man diesem Druck standhält, das Spiel gewinnt und die Leistungen in den folgenden fünf Spielen gut bis sehr gut sind, nimmt man viel mit für die Zukunft.

Die Gelassenheit war beeindruckend. Rührt die auch daher, dass die WM-Teilnahme eine Nacht-und-Nebel-Aktion war und die Zeit fehlte, um überhaupt nervös zu werden?

Bestimmt. Je mehr unvorhergesehenes an unserem Reisetag passiert ist, desto lockerer wurden wir. Mit der Zeit bangte keiner mehr, ob wir es überhaupt rechtzeitig zum Spiel gegen Österreich schaffen würden. Wir dachten: Es ist schon so viel passiert, da kann ja nichts mehr schief gehen. Und wenn es mit dem Gepäck nicht geklappt hätte, wir in Jeans hätten spielen müssen, wäre es auch gegangen. Wir brauchten die Gelassenheit für dieses Spiel. Wir haben uns nach dem Spiel geschworen: Bei aller Professionalität soll uns diese Gelassenheit auch in Zukunft auszeichnen. Denn vielen ganz grossen Sportlern hilft Gelassenheit, um in wichtigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Der Nationaltrainer war einst selber Nationalspieler: Michael Suter in einem Spiel gegen Portugals Carlos Matos.

Der Nationaltrainer war einst selber Nationalspieler: Michael Suter in einem Spiel gegen Portugals Carlos Matos.

Keystone (Stäfa, 20. Januar 2002

Zur Person Michael Suter: Liebesgrüsse aus Atlanta

Michael Suter nahm mit den Schweizer Handballern 1996 an den Olympischen Spielen in den USA teil. In Atlanta lernte Suter auch seine Ehefrau kennen. Santi Wibowo, Genferin mit indonesischen Wurzeln, zählte damals zu den 50 besten Badminton-Spielerinnen der Welt. Das Paar lebt mit den drei Kindern in der Nähe von Winterthur. Der 45-jährige Suter arbeitet früher als Lehrer, stieg 2009 als Nachwuchstrainer beim Verband ein und übernahm 2016 die A-Nati. Unter ihm qualifizierte sich die Schweiz für die EM 2020 und sorgte an der WM 2021 für Aufsehen.

Was erhoffen Sie sich im Nachgang zu dieser WM?

Wir waren dankbar dafür, dass wir spielen und unser Land vertreten durften. Das ist nicht selbstverständlich in der aktuellen Situation. Das kann man auch anders sehen. Aber ich kann allen versichern, dass wir uns zu jeder Zeit sicher gefühlt haben. Und wir hoffen, dass wir Licht und Freude in die Schweizer Wohnzimmer transportieren konnten.

Und sportlich?

Besonders freut mich, dass man unsere Auftritte selbst in der Westschweiz wahrnahm, wo der Handball normalerweise unbeachtet bleibt. Unser Sport hat ein grosses Potential, auch in der Romandie. Ich wünsche mir, dass der Handball in der Westschweiz Fahrt aufnimmt. Es gibt Jungs, mit denen ich seit 2009 zusammenarbeite. Die Erfolge, die wir nun erzielen, sind also nicht zufällig. Wir können auf sehr vieles zurückgreifen, was wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben. Deshalb ist die Schweiz zurecht wieder auf der internationalen Handballkarte.

Was braucht es für die nächsten Entwicklungsschritte?

Es braucht mehr Breite im Kader. Da sind uns ganz viele Nationen weit voraus. Aber wir arbeiten daran. Natürlich versuche ich immer, das beste Team aufzustellen. Dabei habe ich aber auch immer im Hinterkopf, wie sich die Situation in zwei, drei, vier Jahren gestalten wird. Alles andere wäre unseriös. Immerhin gelingt es uns, die fehlende Breite mit herausragenden Leadern im Team zu kompensieren. Und wir haben junge Spieler, die in Ägypten erstmals dabei waren und nicht nur zu den Routiniers hochschauen, sondern bedingungslos deren Weg folgen wollen.

Ich behaupte: Es braucht mehr Schweizer Spieler in europäischen Top-Ligen.

Es gibt beide Wege. Es gibt Spieler, für die es in der Schweiz passt. Aber dann müssen sie mit ihrem Klub im Europacup vertreten sein. Internationale Erfahrung nur über die Nationalmannschaft zu machen, ist zu wenig. Nationalspieler müssen den Anspruch haben, möglichst viel international zu spielen.

Es braucht nicht zwingend mehr Legionäre?

Jeder soll seinen Weg gehen. Ich kann den Spielern nichts vorschreiben. Man sieht in anderen Sportarten, wie Spieler sehr früh ins Ausland wechseln und dort auf der Bank versauern. Das ist auch nicht der beste Weg. Aber klar: Jeder Spieler, der geht, wird abgehärtet.

Sie sprachen nach dem Sieg gegen Österreich vom wichtigsten Sieg seit vielen Jahren. Aber die nächsten wichtigsten Siege sind bereits im Frühling gefordert. Die EM-Qualifikation ist beinahe Pflicht, damit das Feuer nicht ausgeht.

Die drei WM-Siege, das ist eine Kategorie für sich. Aber klar: Die nächsten Aufgaben stehen uns bevor. 14 Jahre auf eine EM, 26 auf eine WM gewartet: Das allein zeigt, dass eine Endrunden-Qualifikation kein Spaziergang ist. Natürlich streben wir den Sieg in Nordmazedonien und die EM-Qualifikation mit allen Mitteln an. Dass die Erwartungshaltung gestiegen ist, spricht nicht gegen uns.

Antreiber, Spielmacher, Galionsfigur: Andy Schmid erzielte in sechs WM-Partien 44 Tore.

Antreiber, Spielmacher, Galionsfigur: Andy Schmid erzielte in sechs WM-Partien 44 Tore.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Was Andy Schmid an der WM geleistet hat, war einmal mehr ausserordentlich. Ist Ihnen bange vor dem Moment, wenn Schmid seine Karriere beendet?

Erst mal zu seiner Performance: Die war schlicht phänomenal. Wie er in elf Tagen sechs Partien praktisch durchgespielt hat, mit 37 Jahren, ist der Wahnsinn. Aber auch, wie er die Mannschaft in jeder Aktion mitgezogen hat, verdient grössten Respekt. Ich freue mich für ihn, dass er nach vielen schwierigen Jahren im Nationalteam doch noch eine EM und WM spielen durfte.

Aber eben: Sein Vertrag bei den Rhein-Neckar Löwen läuft 2022 aus. Und eigentlich plante er mal, dann seine Karriere zu beenden.

Ich weiss. Momentan ist seine Haltung eher: noch länger. Er ist mit so viel Spass und Freude dabei. Ich glaube, dass der Spirit im Nationalteam sich eher karriereverlängernd auswirkt. Das ist sein grösstes Kompliment, das er dieser Mannschaft geben kann. Aber auch, wie er sich trotz seines Renommees verhält, mit welcher Bescheidenheit er auftritt, wie fürsorglich er sich gegenüber den Mitspielern verhält, ist absolut vorbildlich.

Schwerarbeiter am Kreis: Der Berner Alen Milosevic vom Bundesligisten Leipzig spielte eine vorzügliche WM.

Schwerarbeiter am Kreis: Der Berner Alen Milosevic vom Bundesligisten Leipzig spielte eine vorzügliche WM.

Nicolas Luttiau/Freshfocus

Neben Schmid gelang es Ihnen auch, den vom Verband suspendierten Alen Milosevic wieder zu integrieren. Wie wichtig der Kreisläufer ist, sah man spätestens an dieser WM.

An der EM war er nicht topfit. Aber an die WM, kam er in Topform. Seine unerschütterliche Art und seine offensiven und defensiven Qualitäten, machen ihn zu einem unverzichtbaren Schlüsselspieler. Er trug eine riesige Last und hat das vorzüglich gemeistert.

Sie waren nun zwölf Tage weg von Zuhause. Was wird von Ihnen nach der Rückkehr erwartet?

Die Frau und die Kinder freuen sich auf meine Rückkehr. Aber die Arbeit wartet. Die Jungs der Swiss Handball Academy haben auch das Recht, mich wieder mal zu sehen. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass ich schon am Dienstag wieder in der Halle stehe.