Kolumne

Gschobe: Oh, du viel geliebtes Österreich! Fährst du noch Ski oder badest du schon?

Lara Gut-Behrami (rechts) und Corinne Suter feiern in Crans-Montana einen Schweizer Doppelsieg.

Lara Gut-Behrami (rechts) und Corinne Suter feiern in Crans-Montana einen Schweizer Doppelsieg.

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell. David, Lehrer, Speicher AR. Tobias, Consultant, Zürich. Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG. François, Journalist, Windisch.

David: Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich! Heimat grosser Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne, viel gerühmtes Österreich.
Pius: Ich weiss zwar nicht, warum du ausgerechnet jetzt die österreichische Hymne zitierst. Aber schön, dass sich noch jemand an den Text erinnert. Denn im alpinen Skiweltcup wird die Hymne mittlerweile so selten gespielt wie Beethovens 9. Sinfonie auf Radio SRF 3.
Tobias: Ganz toll! Erstmals seit über 30 Jahren vor dem Nachbar klassiert. Wie könnt ihr nur über solche Bagatellen diskutieren, während unser weltkulturelles Erbe des Sports, unser erlauchter Tennis-König Roger Federer sich am Knie operieren lassen muss – und keiner die Gewissheit hat, ob er je wieder auf dem Platz stehen wird? Ich frage euch: Wen interessiert ausserhalb von Österreich und der Schweiz schon die Nationenwertung im Skiweltcup?
Flavio: Also uns interessiert das sicher nicht. Südlich von Bozen weiss man wahrscheinlich nicht mal, dass es eine solche Wertung gibt.
François: Südlich von Bozen wissen sie wahrscheinlich auch nicht, dass die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo stattfinden werden. Aber egal: Für den Schweizer Sport ist das eine grosse Sache.

Als Marcel Hirscher noch fuhr. Oder als die österreichische Sportwelt noch in Ordnung war.

Als Marcel Hirscher noch fuhr. Oder als die österreichische Sportwelt noch in Ordnung war.

David: Und für den österreichischen Sport ist es sogar ein noch grösseres Ding. Wie die sich jetzt zerfleischen! Selbst der zurückgetretene Marcel Hirscher kriegt bei der Ursachenforschung von sogenannten Experten sein Fett weg. Er hätte mit seinem Alleingang dazu beigetragen, die Entwicklung im österreichischen Skisport zu bremsen. Eine These, die nur etwas ausdrückt: Die pure Verzweiflung.
Flavio: Ich kann die desperate Stimmung ein Stück weit verstehen. Was haben sie denn, ausser den Skisport? Nehmen wir den Fussball: Da wechselt ein norwegischer Teenager zu Dortmund, und schon verwandelt sich Red Bull in Grey Mouse Salzburg.
Pius: Aber es wäre fatal, die Österreicher abzuschreiben. Die sind gerissen und schlau. Die haben bereits ihre ersten Saboteure infiltriert.
François: Das tönt eher nach Crypto-Affäre als nach Sport.
Pius: Vergiss es! Schau dir doch nur den neuen Trainer von GC an. Diesen Goran Djuricin. Der kommt hier her, redet im Zusammenhang mit seinem neuen Klub – notabene einem GC in der Zweitklassigkeit und ohne Geld – von einem Top-Verein. Er spricht davon, GC wieder dorthin führen zu wollen, wo es hin gehört, was schon viele vor ihm auch wollten. Und dann verliert er sein erstes Spiel gegen Kriens und spricht von einer sehr guten Leistung.
François: Der Mann will in tristen Zeiten Optimismus versprühen. Ausserdem ist er unbelastet. In diesem Kontext sind seine Aussagen nicht komplett daneben.
Pius: Djuricins Auftrag besteht darin, GC noch tiefer in den Abgrund zu führen. David: Jetzt bist du aber definitiv im Crypto-Wahn.
Pius: Nein. Der neue GC-Trainer wird von einem österreichischen Investor gesteuert. Und je tiefer die Hoppers sinken, desto günstiger wird die Übernahme. Stellt euch vor, was das in Österreich auslöst, wenn sie unseren Rekordmeister kontrollieren.
Tobias: Etwa so viel, wie die Verpflichtung eines österreichischen Trainers bei GC?

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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