Ski-WM St. Moritz

Gold-Tanz unter Freundinnen: Holdener und Gisin brechen den Fluch von St. Moritz

Wendy Holdener (l.) und Michelle Gisin bei der Siegerehrung.

Wendy Holdener (l.) und Michelle Gisin bei der Siegerehrung.

Doppelsieg in der Kombination: Wendy Holdener und Michelle Gisin schnappen sich Medaillen Nummer 2 und 3 für die Schweizer Ski-Frauen. Holdener hat somit den Fluch von St. Moritz endlich gebrochen.

Irgendwie scheint das alles so unpassend. Wie sie da oben auf der Tribüne tanzen, die Cheerleader in ihren schwarzen Pullovern und den weissen Wollmützen. Mit einem ins Gesicht gefrorenen Lächeln schwingen sie die goldig glitzernden Pompons um sich. Ihre Hüften kreisen, die Musik dröhnt.

Aufgesetzte Heiterkeit, dabei ist keine Stunde vergangen, seit die Hiobsbotschaft im Zielraum die Runde machte: Lara Gut ist gestürzt, das linke Knie schaut nicht gut aus, hat man Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher im Fernsehen sagen hören. Dabei hätten es Guts Festspiele werden sollen in St. Moritz, hier, wo sie erstmals aufs Podium fuhr, erstmals triumphierte. Und dann das, das Knie, der Schock.

Schweizer Doppelsieg: So freuen sich Holdener und Gisin

Schweizer Doppelsieg: So freuen sich Holdener und Gisin

Keine Stunde später, es ist kurz vor 14 Uhr: Noch immer hängen die Wolken tief, doch im Schneetreiben im Zielraum fallen sich Wendy Holdener (23) und Michelle Gisin (23) in die Arme. Zwei Freundinnen im Medaillen-Rausch, Gold für Wendy, Silber für Michelle, WM-Doppelsieg für die Schweiz. Und das ausgerechnet in St. Moritz, da, wo der Schweiz 1974 und 2003 Gold verwehrt blieb. Die Ski-Fans auf den Rängen toben. Die goldig glitzernden Pompons hüpfen auf und ab – und plötzlich ist all das, dieses ganze Getue, ganz in Ordnung.

«Komplettes Gefühlschaos»

«Es ist manchmal verrückt, wie nah Freud und Leid im Sport zusammenliegen», sagt Hans Flatscher. Der Frauen-Cheftrainer stand im Zielraum, als er über Funk vom Sturz von Lara Gut beim Aufwärmen für den Slalom erfuhr. Unmittelbar davor hatte er den Start von Lara Gut, Wendy Holdener, Michelle Gisin und Denise Feierabend für den zweiten Teil der Kombination bestätigt. «Ich rannte sofort auf den Lift», erinnert er sich. Als er Lara sieht, ist ihm sofort klar, dass etwas mit dem Knie überhaupt nicht in Ordnung ist.

Mit dem Helikopter wird Lara ins Tal geflogen. 14.43 Uhr dann der ernüchternde Bescheid aus der Klinik, wo Lara untersucht wurde: Das vordere Kreuzband in Laras linkem Knie ist gerissen, der Meniskus verletzt. Von einer Operation wird vorerst abgesehen, wie es weitergeht, steht in den Sternen. Flatscher: «Das war ein einziges Auf und Ab, das komplette Gefühlschaos.»

Und wie war das erst für Wendy und Michelle. «Es dauerte noch eine knappe Stunde bis zum Slalom-Start. Ich wurde langsam nervös», erinnert sich Holdener. Dann der Sturz von Lara. Am gleichen Hang. «Ich brauchte einen Augenblick, um mich zu beruhigen», sagt die Kombinations-Weltmeisterin. Auch Gisin kriegt mit, dass etwas geschehen ist. «Es tat mir sehr leid, aber ich musste mich sofort wieder auf mein Rennen konzentrieren», sagt die Vize-Weltmeisterin.

Zu diesem Zeitpunkt, nach der Abfahrt, liegt Michelle Gisin mit nur 57 Hundertsteln Rückstand auf Platz 4. Wendy folgt mit 94 Hundertsteln auf dem 7. Platz. Die Ausgangslage ist vielversprechend, aber auch heikel. Alles ist nah beieinander, die Abstände durch den rund 20 Sekunden nach unten versetzten Abfahrtsstart sind gering.

Die Österreicherin Michaela Kirchgasser liegt in Führung, als sich Wendy Holdener aus dem Starthaus stösst. «Wendy, Wendy»-Rufe hallen durchs Zielstadion. Wendy lässt sich tragen, fliegt durch die ersten Tore, dann, direkt vor dem Flachstück ein Verschneider. Technik-Trainer Alois Prenn verzieht den Mund. «Ich habe wirklich gezweifelt, ob das reicht», sagt er später.

Wendy selbst glaubt nicht, dass es reicht. Sicher nicht für den Sieg, vielleicht nicht einmal für eine Medaille. Als Michelle Minuten später durchs Ziel rauscht, mit einem Mini-Rückstand von 5 Hundertsteln, reisst Wendy die Arme in die Luft. Edelmetall ist gesichert.

Jetzt ist es Michelle, die um eine Medaille zittert. Nicht lange jedoch. Weil Lara Gut verletzt passen muss, kommen nur noch Ilka Stuhec und Sofia Goggia. Beide fliegen nach wenigen Toren raus.

Wendy und Michelle fallen sich in die Arme, den Tränen nahe. Die Freude überkommt die Freundinnen. Seit Jahren gehen sie Seite an Seite. Erstmals kreuzten sich ihre Wege, als sie gerade zehn Jahre alt waren. Beim Migros-Grandprix 2003 strahlten sie als kleine Knirpse gemeinsam vom Podest. Michelle als Erste, Wendy als Dritte.

Jetzt also teilen sie das WM-Podest, mit Wendy ganz oben und Michelle direkt dahinter. «Wir haben so viel zusammen erlebt. Schönes, Schwieriges, Lustiges», sagt Michelle. Und Wendy sagt: «Wir sehen uns öfter als unsere Familien. Das schweisst zusammen.» So bleibt am Ende das Bild zweier Freundinnen. Arm in Arm mit einem riesigen Lachen im Gesicht. Und irgendwie ist in dem Moment alles andere egal.

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