Kommentar
Giulia Steingruber war ambitioniert, nie grossspurig und jammerte nie – mit ihr verliert der Schweizer Sport ein Vorbild

Nach einem Jahrzehnt an der Weltspitze tritt mit Giulia Steingruber die erfolgreichste Schweizer Kunstturnerin der Geschichte zurück. Mit ihr verliert der Schweizer Sport ein grosses Vorbild. Ein Kommentar.

Simon Häring
Simon Häring
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Giulia Steingruber hat ihren Rücktritt verkündet.

Giulia Steingruber hat ihren Rücktritt verkündet.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Zwölf Medaillen gewann Giulia Steingruber an internationalen Anlässen, darunter sechs Mal Gold an Europameisterschaften, WM-Bronze und als Dritte in Rio de Janeiro als erste Schweizer Turnerin eine Medaille an Olympischen Spielen. Die 27-Jährige Ostschweizerin war damit eine der prägendsten Schweizer Sportlerinnen des letzten Jahrzehnts.

Nun gab sie ihren Rücktritt bekannt. Als Schauplatz wählte Giulia Steingruber einen ungewöhnlichen Ort: den Walter Zoo im sankt-gallischen Gossau, wo sie aufgewachsen war, bevor sie nach Magglingen zog, wo die Besten des Landes trainieren und von wo sie ihre glänzende Karriere lancierte.

So ungewöhnlich der Ort erscheint, so bezeichnend ist er. Steingruber trat zwar immer ambitioniert, aber nie grossspurig auf. Bescheidenheit ist ihre wichtigste Tugend. Sie gilt als besonnen, teamorientiert, integrativ, frei von Allüren, aber als äusserst zielstrebig. Im Alter von 13 Jahren wollte sie ihre Elternhaus verlassen, mit 14 zog sie dann ganz nach Magglingen. Dort reifte sie zur besten Turnerin, die die Schweiz je hervorgebracht hat.

Bereits im Alter von 14 Jahren zog es Steingruber nach Magglingen.

Bereits im Alter von 14 Jahren zog es Steingruber nach Magglingen.

Reto Martin

Ihre Karriere lässt sich in zwei Phasen unterteilen: Im Alter von 18 Jahren gewann Giulia Steingruber ihre erste EM-Medaille, bis 2016 sollten es acht weitere werden. Es war das Jahr ihrer Krönung, in dem sie in Bern zwei Mal Europameisterin wurde, in Rio de Janeiro Fahnenträgerin an der Eröffnungsfeier war und kurz darauf Olympia-Bronze gewann.

2016 stand die Ostschweizerin im Zenit ihrer Schaffenskraft, wurde zweifache Europameisterin und holte Olympiabronze im Sprung.

2016 stand die Ostschweizerin im Zenit ihrer Schaffenskraft, wurde zweifache Europameisterin und holte Olympiabronze im Sprung.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Die letzten fünf Jahre waren von mehreren schweren Verletzungen und einem persönlichen Schicksalsschlag geprägt, als ihre Schwester verstarb. Steingruber litt und haderte, aber jammern? War nie ihre Sache. 2018 schloss sie mit WM-Bronze die letzte Lücke in ihrem Palmarès.

Bei den Olympischen Spielen in Tokio, ihren dritten, schnitt Steingruber zwar schwächer ab als erhofft, doch alleine die Teilnahme im Alter von 27 Jahren ist bemerkenswert. Steingruber selbst wertet das als Erfolg.

Im April wurde Steingruber in Basel zum sechsten Mal Europameisterin.

Im April wurde Steingruber in Basel zum sechsten Mal Europameisterin.

Claudio Thoma / freshfocus

Zuletzt turnte Steingruber zwar nicht mehr ganz so gut wie 2016, als sie im Zenit ihrer Schaffenskraft stand. Seit Jahren blieb ihr Repertoire am Sprung unverändert. Dennoch glückte ihre etwas, das nur wenigen vergönnt ist: ein krönender Abschluss. Im April wurde sie in Basel zum sechsten Mal Europameisterin. Sie blieb und bleibt damit ein Vorbild. Bis zum Schluss.

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