Gipfeltreffen
Trotz 0:79 Titeln: Das Duell zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München ist offen

Im Spitzenkampf der deutschen Bundesliga wollen die Sachsen ihre Chance wahren, erstmals Meister zu werden. Sie liegen vier Punkte hinter dem Leader aus dem Süden und dürfen auf keinen Fall verlieren, soll der Traum weiterleben.

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen
Haben die Leipziger (im Bild: Captain Marcel Sabitzer) am Samstag ebenfalls Grund zu jubeln?

Haben die Leipziger (im Bild: Captain Marcel Sabitzer) am Samstag ebenfalls Grund zu jubeln?

Keystone

Drei Tage nach der 1:2-Blamage der Nationalmannschaft gegen Nordmazedonien richtet Fussball-Deutschland den Fokus auf die Bundesliga. Am 27. Spieltag winkt RasenBallsport Leipzig im Gipfeltreffen mit dem FC Bayern die Chance, bis auf einen Punkt an den Tabellenführer heranzurücken. Obwohl die Sachsen allenthalben beneidet werden, weil sie mit dem Österreicher Dietrich Mateschitz den reichsten Klubbesitzer der Welt haben und als Retortenverein bei den Fans unbeliebt sind, drücken viele von diesen den Leipzigern die Daumen beim Unterfangen, die Münchner am Gewinn des neunten Meistertitels in Folge zu hindern.

Das Team mit der besten Defensive wird oft Meister

Die Nachricht, dass sich Bayerns Weltfussballer Robert Lewandowski im Spiel mit Polen gegen Andorra eine Bänderverletzung am Knie zugezogen hat und für zwei bis vier Wochen ausfällt, lässt die Erbfeinde der Bayern in ganz Deutschland hoffen. Lewandowski hat in seinen elf Spielen gegen Leipzig sieben Tore und in dieser Saison in 26 Bundesligaeinsätzen sagenhafte 35 Treffer erzielt.

Hat sich während der Länderspielpause beim Nationalteam Polens verletzt: Bundesliga-Topscorer Robert Lewandwoski.

Hat sich während der Länderspielpause beim Nationalteam Polens verletzt: Bundesliga-Topscorer Robert Lewandwoski.

Keystone

So fragen sich alle, die der Vorherrschaft des FC Bayern überdrüssig sind: wann sonst können die Münchner abgelöst werden, wenn nicht jetzt? Zumal in 57 Jahren Bundesliga 35 Mal die Mannschaft mit der besten Defensive den Titel gewonnen hat. Mit nur 21 Gegentoren (Bayern 35) sind die Leipziger Spitze.

Könnten früher errungene Meriten Tore schiessen, so stünde der Sieger dieses Spitzenspiels längst fest. Während die erst 2009 gegründeten Roten Bullen noch keinen Titel auf ihrer Visitenkarte haben, ist es in der Vitrine des Rekordmeisters äusserst eng geworden. 79 Trophäen hat dieser (inklusive der Supercups) in seiner 121-jährigen Geschichte abgeholt. Doch die Bayern wissen: In der Red-Bull-Arena zählt heute allein die Gegenwart. Der Formstand verrät nicht, wer den Platz als Sieger verlassen wird. Leipzig ist seit acht Ligapartien ungeschlagen, die Münchner haben die vier letzten Spiele bei 16:3 Toren gewonnen und beim 4:0 gegen Stuttgart in 78-minütiger Unterzahl eine Machtdemonstration abgeliefert. Während bei den Gästen neben dem Torjäger auch Boateng und Davies fehlen, muss der Heimklub auf Angelino, Halstenberg und Kampl verzichten.

Unter Hansi Flick haben die Bayern nur einmal kein Tor geschossen

So stellt sich die brennende Frage: Können die Leipziger von der Absenz des Polen dergestalt profitieren, dass sie im zwölften Vergleich zum zweiten Mal gewinnen? «Unser Spiel wird ein anderes sein. Lewandowski war unsere personifizierte Anspielstation aus dem Mittelfeld», sagt Trainer Hansi Flick und hofft, der 32-Jährige könne bald wieder mitmischen. Auch, um den 1972 von Gerd Müller aufgestellten Rekord mit 40 Bundesligatoren zu überbieten. «Lewas Absenz ist eine Herausforderung, der wir uns stellen», sagt Flick. Als Ersatz stehen Gnabry und Choupo-Moting bereit. Unter Flick haben die Bayern in 76 Pflichtspielen nur einmal kein Tor erzielt: Im Februar 2020 beim 0:0 gegen... Leipzig.

Sein Gegenüber Julian Nagelsmann sagt: «Lewandowskis Fehlen ändert nichts an unserem Matchplan. Es ist uns klar, dass wir bei einer Niederlage unsere Titelchance los sind. Der Kribbelfaktor ist entsprechend hoch.» Obwohl das Abschlusstraining auf halb drei Uhr angesetzt war, stand er schon um halb zehn auf dem Platz, um die Einheit vorzubereiten.

Julian Nagelsmann, Trainer bei RB Leipzig.

Julian Nagelsmann, Trainer bei RB Leipzig.

Keystone

Trotz des Vertrags bis 2023 gibt es gibt es Spekulationen um die Zukunft des 33-Jährigen. Sollte Flick nach der EM trotz aller Bayern-Dementis neuer Bundestrainer werden, würden die Münchner wohl alles daransetzen, um Nagelsmann von den Leipzigern loszueisen. «Ich stehe noch zwei Jahre unter Vertrag. Alles andere ist uninteressant», sagt der angeblich auch von Tottenham Umworbene.

In fünf Jahren mehr Punkte als Dortmund geholt

Nicht auszuschliessen ist, dass die Leipziger dieses Jahr – im Cup stehen sie im Halbfinal – ihren ersten Titel holen. Die Frage, ob sie langfristig die Bayern an der Spitze des deutschen Fussballs ablösen können, ist jedoch zu verneinen. Obwohl ihre Entwicklung vom Aufsteiger zum dauerhaften Champions-League-Kandidaten innerhalb von nur fünf Jahren beeindruckend ist und sie in dieser Zeit mehr Punkte als Borussia Dortmund gesammelt haben, liegen die Süddeutschen ausser Reichweite. Deren strukturelle Vorteile: die Stadionkapazität ist mit 75'000 Plätzen weit höher als jene von RB mit 42'146, der Umsatz mit 698 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch (300 Millionen), die Topsponsoren und die Wirtschaftskraft der Partner sind eine andere Hausnummer genauso wie die TV-Gelder. Ganz zu schweigen von der Fangemeinde der Bayern, die weltweit im dreistelligen Millionenbereich liegt.

Wie eindeutig die Machtverhältnisse sind, zeigt der Transfer von Leipzigs Abwehrjuwel Dayot Upamecano, der im Sommer für 42,5 Millionen Euro zu den Bayern wechselt. Möchte der 26-fache Milliardär Mateschitz an dieser Situation etwas ändern, müsste er schon unverschämt tief in seinen Tresor greifen.