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Warum das Zünden von Pyros nicht zum «Unesco-Kulturerbe» zählt

Chaoten ausser Rand und Band.

Kampfzone Super League

Chaoten ausser Rand und Band.

Ausschreitungen, das Zünden von pyrotechnischen Material und abgetrennte Finger. Der Kampf gegen «Fussball-Chaoten» im Schweizer Fussball droht zu eskalieren. Um diesem Chaos Einhalt zu gebieten, sind nun drastische Massnahmen gefordert.

Seit Jahren zünden «Chaoten» Wochenende für Wochenende pyrotechnisches Material. Die Reaktion der zuständigen Sicherheitskräfte bleibt stets dieselbe. Über Mikrofon fordern sie die Supporter auf, das Abbrennen der 1000 Grad heissen Fackeln einzustellen. Dieser verzweifelte Appell verhallt jeweils in der Kurve und bleibt so effektiv, wie wenn sich die Schweizer Armee mit Steinen gegen einen Luftangriff der US-Streitkräfte zur Wehr setzen würde.

Die Untätigkeit der Klubs und Sicherheitsverantwortlichen erstaunt, fällt das Abbrennen der Fackeln doch unter das Sprengstoffgesetz. Auf diese Widerhandlung steht bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe. Die Gesetze haben aber ihre Berechtigung. Während des Derbys zwischen dem FC Zürich und den Grasshoppers zündeten einige «FCZ-Chaoten» Pyros und warfen diese in den GC-Sektor.

Dialog mit Fans ist gescheitert

Trotz der Gefahr, welche von den Fackeln ausgehen, wiederholen einige Politiker, Fankreise, Klubpräsidenten und Journalisten das Mantra, das Zünden der Pyros gehöre zur Fankultur. Dieses Argument wird dabei energisch vertreten, dass beim Laien der Eindruck entsteht, Pyros gehörten zum Unesco-Weltkulturerbe. Zudem berufen sie sich auf die «Selbstregulierende Kraft der Kurve».

Die Ereignisse im Letzigrund zwischen den FCZ - und GC-Fans vor einigen Wochen lassen aber nur einen Schluss zu: Der Dialog zwischen den Klubs, Polizeikräften und Fankreisen ist gescheitert. Der Grund: Kaum hat sich die Welle der Empörung nach der «Schande vom Letzigrund» gelegt, zündet ein «FCZ-Ultra» vor dem Auswärtsspiel gegen Lazio Rom eine Petarde. Diese explodiert in dessen Hand Die Folge: Der Verletzte verliert drei Finger seiner Hand. Danach verweigern die Kollegen den Behörden die Namensnennung, um selbst einem Stadionverbot zu entgehen. Und ganz nebenbei wird ein römischer Balljunge bei der Explosion verletzt und muss im Krankenhaus behandelt werden.

Sind Pyros wichtiger als Menschenleben?

Der Verdacht erhärtet sich, dass bei einigen «Fans» Kinder- und Menschenleben weit weniger zählen, als die proklamierte «Fankultur». Aber nicht einmal diese Fakten reichen in Fankreisen für ein Umdenken in der Pyro-Frage aus. Kritische Experten und Politiker, die eine härtere Gangart im Kampf gegen die Chaoten in Fussballstadien anschlagen wollen, werden als Unwissende und Fantasten diffamiert. Überdies werden kritische Journalisten in Einzelfällen von Fankreisen bedroht.

Dieser Wahnsinn muss aufhören. So sind die vorgeschlagenen Verschärfungen der eidgenössischen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz weitgehend umzusetzen. Einganskontrollen müssen bis hin zu Leibesvisitationen ausgeweitet werden. Gingen die Kontrollen bis zum Spielbeginn nicht über die Bühne, müssten Schiedsrichter die Kompetenz erhalten, den Anpfiff so lange zu verschieben, bis die Zuschauer auf ihren Sitzen Platz genommen haben.

Unverzüglicher Spielabbruch

Ausserdem ist eine Super-League-Partie nach Zündung der ersten Pyro abzubrechen. Dies wird von GC-Präsident Roland Leutwiler und Stadtrat Gerold Lauber gefordert. Diesen Akteuren fehlt es allerdings an Autorität, um diese Forderung glaubwürdig zu vertreten. Schliesslich wollte der GC-Präsident beim Derby die «GC-Chaoten» mit dem Megaphon beruhigen, damit der Nobelklub die nötigen drei Punkte doch noch einfährt.

Stadt Zürich hat versagt

Auch Gerold Lauber hat gezeigt, dass er sich gegenüber den Zürcher Fussballklubs nicht durchsetzen kann. Nachdem GC der Stadt Zürich wochenlang mit der Abwanderung in den Aargau gedroht hat, gab die Stadt nach, gewährte dem Traditionsverein eine Reduktion der Miet- und Sicherheitskosten und entband die Vereine damit ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung. Mehr noch: Die Stadt Zürich will im neuen Fussballstadion Stehplätze anbieten - und unterminiert auf diese Weise die Forderungen der Polizei- und Justizdirektorenkonferenz, in Fussballarenen nur noch Sitzplätze installieren zu lassen.

Derweil muss das Rayon- und Stadionverbot, die Meldepflicht und die Bewilligungspflicht konsequent durchgesetzt werden. Die Bewilligungspflicht sieht vor, dass die Sicherheitsbehörden den Klubs in Zukunft aufdiktieren, unter welchen Bedingungen eine Hochrisikopartie stattfinden darf. Die Auflagen würden insbesondere die baulichen Massnahmen im Stadion und die Anreise der Fans betreffen. Geht es nach dem Willen der Behörden sollen Gästefans mit Kombitickets und vorgeschrieben Zügen oder Bussen zu den Spielen anreisen. Das verhindert die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Gruppierungen. Wird gegen diese Auflagen verstossen, findet die Partie nicht statt.

Kosten auf Klubs und Chaoten abwälzen

Und wer trägt in diesem Fall die Kosten? Die Klubs! Sie sind der Veranstalter. Sie können daraufhin die Aufwendungen auf die Chaoten mit Klagen und Betreibungen abwälzen. Nur auf diesem Weg wird sichergestellt, dass die Klubs mit harter Hand gegen die Unbelehrbaren vorgehen. Selbstverständlich besteht mit dieser «Nulltolleranz» die Gefahr, dass die Meisterschaft durch Spielabbrüche und Punkteabzüge über Jahre hinweg verzerrt und ein «Pyro-Meister» erkoren wird. Der langfristige Nutzen der Massnahmen überwiegt jedoch bei Weitem. Familien und Sportfans würden in die Stadien zurückkehren und finanzstarke Firmen wären einfacher zu überzeugen, mit den Klubs Geschäfte zu tätigen.

Die Erfahrungen in England und Deutschland beweisen denn auch: Die Kampfmassnahmen zeigen nicht nur Wirkung, sondern der Fussball gedeiht und floriert in diesen Ländern wie nie zuvor.

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