WM 2018
Vom Nationalspieler zur Legende: An welche Geschichte der WM 1994 sich Georges Bregy besonders erinnert

In loser Folge richtet die «Nordwestschweiz» den Blick auf spannende Persönlichkeiten aus dem Fussballbusiness. Und lässt sie aus dem Leben nach der Karriere erzählen. Heute mit Georges Bregy (60). Er war 1994 Teil jenes Schweizer Nationalteams, das erstmals nach 28 Jahren wieder eine WM-Endrunde erreichte.

Mario Heller
Merken
Drucken
Teilen
Aus dem erfolgreichen Fussballer ist ein Versicherungsberater geworden. Georges Bregy in seinem Büro.

Aus dem erfolgreichen Fussballer ist ein Versicherungsberater geworden. Georges Bregy in seinem Büro.

Zur Verfügung gestellt

«Ein Sieg der Schweiz gegen Brasilien? Lieber nicht! Es wäre zwar der Start, der sofort eine riesige Euphorie ins Land tragen würde. Aber mir wäre ein Unentschieden fast lieber. Dann lehnt sich das Team gegen die anderen beiden Gegner nicht zurück. Das ist ja auch schon vorgekommen. Im Achtelfinal könnte die Schweiz auf Deutschland treffen. Dann ist alles möglich.

Grosse Selbstverständlichkeit

Die Deutschen sind schlagbar. Die Schweiz ist ausgeglichen besetzt, auf jeder Position. Sie ist gut organisiert, damit kann sie grosse Nationen in Schach halten. Wenn es eine Schwäche gibt, dann, dass sie noch zu wenig spielbestimmend ist. Die Fähigkeit, den Rhythmus zu bestimmen, das muss noch besser werden.

Natürlich sind die Ansprüche an das Team viel höher, als damals 1994. Mittlerweile ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass die Schweiz an einem grossen Turnier dabei ist. Die Teilnahme alleine reicht längst nicht mehr, um eine Euphorie zu entfachen.

Ein bisschen liegt das aber auch am Nati-Tross. Die Abschottung der Mannschaft ist befremdend, das Gefühl für die Spieler im Volk ist etwas abhandengekommen. Heute zählen vor allem die sozialen Medien anstatt der direkte Kontakt.

Der Anruf aus der Nati – ich dachte an einen Scherz

Im Frühling 1992 bekam ich einen Telefonanruf von einem gewissen Walen Peter, der sich als Sekretär der Nationalmannschaft ausgab. Ich würde ein Aufgebot bekommen für die Nationalmannschaft. Natürlich dachte ich, irgendein Teamkollege von YB wolle mich auf die Schippe nehmen. Ich stritt etwa 5 Minuten mit ihm und wollte ihn dazu bringen, seinen echten Namen zu verraten. Am nächsten Tag kam wirklich das Aufgebot. Was für eine grossartige Anerkennung für mich – ich war 34 Jahre alt. Ein Alter, in dem so mancher Fussballer die Schuhe nicht mehr schnürt.

Schweizer Nati im Startspiel der WM 1994: Ohrel, Herr, Sforza, Chapuisat, Bickel, Sutter (hinten v. l.) Bregy, Geiger, Pascolo, Hottiger, Quentin (vorne v.l.)   

Schweizer Nati im Startspiel der WM 1994: Ohrel, Herr, Sforza, Chapuisat, Bickel, Sutter (hinten v. l.) Bregy, Geiger, Pascolo, Hottiger, Quentin (vorne v.l.)   

Keystone

Roy Hodgson war damals auf der Kippe als Nationaltrainer. Er verlor das Freundschaftsspiel gegen Bulgarien und war gezwungen, zu handeln. Auf der Suche nach einem Spieler, der im Mittelfeld die Fäden zieht, sagte sein Assistenztrainer Peter Zaugg: «Den Mann, den du möchtest, gibt es nur einmal in der Schweiz. Das ist Georges Bregy!»

Eine Szene, die in Erinnerung blieb

Hodgson ging ein grosses Risiko ein mit meiner Nominierung. Wenn ich meine Leistung nicht gebracht hätte, wäre er seinen Trainerposten los gewesen – und ich wäre in den Medien als «Der alte Mann» verspottet worden. Glücklicherweise ging alles gut. Ich machte die gesamte Qualifikation für die Weltmeisterschaft in den USA mit und bestritt auch die WM. Die Szene, die den meisten Fans in Erinnerung blieb, war natürlich mein Freistoss-Tor im Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber.

Ich hatte einen kleinen Geistesblitz, merkte, dass sich der Torhüter stets auf jene Seite konzentriert, wo die Mauer stand. Also zielte ich einfach auf die andere. Mein letztes Spiel war dann der Achtelfinal gegen Spanien. Wir verloren 0:3. Trotzdem war die WM ein sensationelles Erlebnis. Ich schoss meine Tore und machte Assists. Schöner hätte ich nicht aufhören können.

Die Gratulation nach dem Tor für die Ewigkeit: Alain Sutter beglückwünscht Georges Bregy nach dessen Freistosstreffer gegen die USA im Startspiel der WM 1994.

Die Gratulation nach dem Tor für die Ewigkeit: Alain Sutter beglückwünscht Georges Bregy nach dessen Freistosstreffer gegen die USA im Startspiel der WM 1994.

Keystone

Und jetzt? Warte ich einfach, bis ein Kollege entlassen wird?

Danach bekam ich zwar noch einige Angebote als Spieler, aber ich entschied mich dann für eine Karriere als Fussballtrainer. Erst dreieinhalb Jahre Lausanne, dann zweieinhalb Jahre Thun und schliesslich Zürich. Hier wurde ich nach weniger als zwei Jahren entlassen. Das war ein harter Moment und hier war mein Karriereende weitaus abrupter und unglücklicher denn als Spieler.

Der eigentlich entlassene Sportchef Erich Vogel vollbrachte es, mit Intrigen und Druck in den Medien, einen Keil zwischen mir und der Mannschaft zu schaffen. Am Ende wurde ich freigestellt. Es fühlte sich an wie eine Erlösung. Der Druck war weg, ich konnte endlich aufhören zu kämpfen gegen etwas Übermächtiges. Ich konnte wieder anfangen zu leben. Mit Erich Vogel habe ich mich nie ausgesprochen. Er soll seine Sachen machen, wie er sie für gut empfindet und ich denke von ihm, was ich möchte.

Georges Bregy über Erich Vogel (im Bild): Erich Vogel vollbrachte es, mit Intrigen und Druck in den Medien, einen Keil zwischen mir und der Mannschaft zu schaffen.

Georges Bregy über Erich Vogel (im Bild): Erich Vogel vollbrachte es, mit Intrigen und Druck in den Medien, einen Keil zwischen mir und der Mannschaft zu schaffen.

Mein Weg führte zum Versicherungsgeschäft

Nach ein paar Monaten Pause fragte ich mich: Wie soll es jetzt weiter gehen? Warte ich, bis ein Trainerkollege entlassen wird, damit ich für ein oder zwei Jahre wieder im Geschäft sein kann? Nein, es war genug. Ich wollte jetzt Ruhe in meinem Leben. Mich in ruhigem Gewässer bewegen und damit zurück zu mir finden. Während meiner ganzen Karriere als Fussballspieler habe ich immer nebenbei gearbeitet, ich machte als Jugendlicher eine Ausbildung zum Autoelektriker. Als ich bei YB war, arbeitete ich Teilzeit für Puma im Aussendienst. Mein Weg führte zum Versicherungsgeschäft.

Ich bin froh, dass meine Karriere als Fussballer nicht in der heutigen Zeit stattfindet. Heute ist alles verrückt. Diese Handys und sozialen Netzwerke. In jeder Ecke wird man beobachtet und die Sportler scheinen das Gefühl zu haben, man müsse jede Kleinigkeit, die einem passiert, sofort ins Netz stellen. Wie man gerade die Ferien geniesst, ob man eben gut trainiert hat oder enttäuscht ist über ein verlorenes Spiel.

Heute verdienen Fussballer so viel Geld

Für uns war das Leben in der Öffentlichkeit wesentlich einfacher. Wir wurden nicht als Stars wahrgenommen. Vielleicht haben wir auch mal etwas tiefer ins Glas geschaut, doch alles fand in Ruhe und Privatsphäre statt.

Heute verdienen Fussballer so viel Geld und mir scheint, viele sind sich dessen gar nicht bewusst. Insbesondere die jungen Spieler jammern ständig. Die wissen doch nicht einmal, wie lange jemand auf dem Bau arbeiten muss, um nur einen Bruchteil ihres Lohnes als Spieler zu verdienen.

Georges Bregy ist froh, dass seine Karriere als Fussballer nicht in der heutigen Zeit stattfindet.   

Georges Bregy ist froh, dass seine Karriere als Fussballer nicht in der heutigen Zeit stattfindet.   

Keystone

Bei der kleinsten Kritik vom Trainer an einem Spieler wird in den Medien schon berichtet, dass der Trainer nicht korrekt mit den Spielern umgeht. Dann rennt der Spieler zum Sportchef oder gar direkt zum Präsidenten und möchte den Verein wechseln. Damit habe ich meine Mühe. Die sollen doch ihr Schmerzensgeld bezahlen und halt auch mal ein paar Spiele auf dem Bänkchen sitzen, wenn die Trainingsleistung nicht stimmt und sich beweisen!

Den inneren Schweinehund überwinde ich mit dem Rad

Bereits vor 30 Jahren hat man gesagt, dass sich die Lohnspirale nicht noch weiter beschleunigen kann. Als ich Trainer bei Lausanne war, hatte ich 2,4 Millionen Franken zur Verfügung gehabt für die Mannschaft. Heute beträgt das Budget schon in einem Mittelfeldklub zwischen 15 und 20 Millionen. Damit stiegen natürlich auch die Verantwortung und der Druck auf die Trainer. Wenn ich heute Interviews sehe mit Trainern und deren Gesichtsausdruck beobachte, kann ich ungefähr nachfühlen, wie es um diese Menschen steht und wie enorm die Anspannung ist.

Ich kann nur betonen, dass ich sehr glücklich bin, dass ich das nicht mehr machen muss. Man sollte eine gewisse Ruhe in den Sport bringen, wieder den Menschen in den Vordergrund stellen. Die Entlassungen von Trainern gehen einfach viel zu schnell über die Bühne heute. Warum sollte man in schwierigen Phasen nicht einmal dem Trainer Unterstützung geben?

Seit dreizehn Jahren arbeite ich nun im Versicherungsgeschäft. Der Beruf macht mir viel Freude, ich habe ständig mit Menschen zu tun und kann ihnen als Ratgeber beistehen. Vor allem aber bin ich mein eigener Herr und Meister. Natürlich gibt es auch in dieser Branche einen gewissen Druck. Man muss Umsatz machen, manchmal hat man damit mehr Glück und manchmal etwas weniger. Trotzdem ist für mich das Leben so angenehmer.

Mein Ziel ist es gesund zu bleiben

Seit 16 Jahren wohne ich in Thalwil. Den See und die Berge habe ich vor meiner Haustür. Ab- und zu besuche ich das Wallis noch, aber Zürich ist längst meine zweite Heimat. Mit meiner Frau bin ich seit 40 Jahren zusammen, beide Kinder sind über dreissig.

Mit den Legenden spiele ich noch Fussball, wir bestreiten ungefähr sechs Spiele pro Jahr. Ich kann auch noch Freistösse schiessen, aber natürlich nicht mehr so scharf wie früher und deswegen leicht haltbar für den Torhüter. Meinen inneren Schweinehund überwinde ich heute lieber mit Fahrradfahren oder Wandern. Ich versuche, meinem Körper Sorge zu tragen und fit zu bleiben, aber natürlich spüre ich die Folgen des Alterns. Der Kopf will immer noch gleich schnell, aber der Körper braucht bei allem etwas länger.

6 Spiele pro Jahr spielt Georges Bregy (Trikotnummer 6) noch mit den Legenden.   

6 Spiele pro Jahr spielt Georges Bregy (Trikotnummer 6) noch mit den Legenden.   

Ruedi Burkart

Mein Ziel für das restliche Leben ist vor allem eines: gesund zu bleiben. Und ein bisschen auch, mich selbst herauszufordern beim Sport. Wenn ich 65 bin, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass ich weiterhin in der Versicherungsbranche tätig sein kann. Nebenher werde ich bestimmt öfters in die Ferien gehen. Meine Frau und ich gehen auch jetzt schon jeden Winter für einen Monat nach Thailand. Da tanken wir Energie und starten dann beschwingt in das neue Jahr.»