Trainer-Hoffnung
Vier Versuche, um FCL-Trainer René Weiler aus der Reserve zu locken

Der 44-jährige René Weiler ist mit Anderlecht Meister geworden und tritt nun beim FC Luzern die Nachfolge des 39-jährigen Gerardo Seoane an. Dieser hat unerwartet Meister YB übernommen.

Ruedi Kuhn
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René Weiler

René Weiler

KEYSTONE/EPA/CHRISTIAN BRUNA

Versuch Nummer eins: René Weiler, der Weg vom belgischen Meister Anderlecht zu einem Klub wie dem FC Luzern in der Schweizer Super-League ist auf dem Papier ein Abstieg. Macht Ihnen dieser dunkle Punkt auf Ihrer Trainerweste nichts aus?

«Nein, das ist mir egal», sagt Weiler und fügt an: «Luzern ist eine schöne Stadt. Die Lage am Vierwaldstättersee ist einmalig. Und beim FC Luzern habe ich vieles, was ich mir wünsche. Die Funktionäre, Spieler und alle Mitarbeiter sind freundlich und motiviert. Die Fans sind begeisterungsfähig. Und der FCL spielt in einem fantastischen Stadion.»

Ein Schritt zurück

Versuch Nummer zwei: Aber, René Weiler, mit einer Bilderbuchkarriere à la Ottmar Hitzfeld ist es vorbei. Schliesslich trainierte Hitzfeld der Reihe nach Zug, Aarau, GC, Borussia Dortmund, Bayern München und die Schweizer Nationalmannschaft. Der Lörracher stieg auf der Karriereleiter immer eine Stufe höher. In Ihrem Fall geht das nicht mehr: Nach Schaffhausen, Aarau, Nürnberg und Anderlecht ist der FC Luzern ein Schritt zurück. Kein Problem damit?

Für Ottmar Hitzfeld ging es in der Karriereleiter stets bergauf, das ist für René Weiler nicht mehr möglich.

Für Ottmar Hitzfeld ging es in der Karriereleiter stets bergauf, das ist für René Weiler nicht mehr möglich.

Keystone

«Nein», sagt Weiler. «Einerseits ist Hitzfeld eine Ausnahmeerscheinung. Andererseits kann man die Rolle des Trainers heute nicht mehr mit früher vergleichen. Die Ausgangslage ist eine andere. Die Medien spielen eine andere Rolle. In den Zeiten von Hitzfeld haben die Medien die Trainer begleitet. Heute werden nicht nur wir Trainer richtiggehend verkauft. Mal hochgejubelt, dann runtergemacht! Klar ist, dass der Druck auf die Trainer heute um einiges vielfältiger und daher um einiges grösser ist als früher.»

Vergangenheit ist egal

Versuch Nummer drei: Was ist mit dem Umstand, dass Sie als Trainer des FC Luzern nach dem Höhenflug der Zentralschweizer mit Ihrem Vorgänger Gerardo Seoane nur verlieren können? Seoane hat Luzern fast vom Ranglistenende auf Rang 3 geführt. Es wird schwierig, diese Parforceleistung zu wiederholen.

«Die Vergangenheit interessiert mich nicht», sagt Weiler. «Ich habe den Anspruch, die bestmögliche Arbeit zu machen. Für mich zählen die Entwicklungen der Mannschaft und der Spieler. Sie möchte ich besser machen. Der Mensch steht immer im Vordergrund. Mir ist aber klar, dass ich im Endeffekt an Resultaten gemessen werde.»

KEYSTONE/URS FLUEELER

Versuch Nummer vier: Was ist, wenn nach dem vermeintlich einfachen Startprogramm gegen Xamax, Thun und Lugano null Punkte auf dem Konto des FC Luzern stehen? Weiler lacht und sagt. «Jetzt hören Sie aber auf, wollen Sie mir eigentlich Angst machen?»

Weiler, der Praktiker

Abstieg auf dem Papier als Trainer, keine Bilderbuchkarriere, der Hinweis auf die schwierige Ausgangslage beim FC Luzern und ein heikles Startprogramm: Die vier Versuche, Weiler aus der Reserve zu locken, scheitern. Den 44-jährigen Zürcher bringt nichts aus der Ruhe. Weiler bleibt entspannt. Seine Arbeitsweise als Trainer bringt er kurz und bündig auf den Punkt: «Ich bin der Praktiker. Ich will arbeiten. Während meiner Arbeit steht der gesunde Menschenverstand an erster Stelle. Und eines darf man bei aller Bedeutung des Fussballs nicht vergessen. Es ist und bleibt ein Spiel.»

Für Weiler ist es bis zum heutigen Tag ein erfolgreiches Spiel. Den FC Aarau führte er in die Super League und Nürnberg in die Aufstiegsspiele für die 1. Bundesliga. Das Sahnehäubchen auf seine Karriere setzte er bei Anderlecht. Mit den Belgiern holte er in der Saison 2016/17 den Titel und qualifizierte sich für die Champions League. Weiler wurde in Belgien Trainer des Jahres. Die Tätigkeit in Anderlecht war sein Meisterstück.

Die Arbeit von René Weiler wird beim RSC Anderlecht geschätzt.

Die Arbeit von René Weiler wird beim RSC Anderlecht geschätzt.

KEYSTONE/AP/DMITRI LOVETSKY

Er feierte nicht nur sportliche Erfolge, sondern sorgte auch für finanzielle Höhenflüge. Dank dem Titelgewinn, der Teilnahme an der Champions League und Transfers wie jenem von Jungstar Youri Tielemans zu Monaco flossen innert eines Jahres rund 60 Millionen Euro auf das Konto von Anderlecht.

Millionen ausgeschlagen

Nach einer achtmonatigen Pause und einem ausgeschlagenen Millionenangebot des saudischen Klubs Al-Shabab nimmt Weiler beim FC Luzern einen neuen Anlauf. Der Trainerjob macht ihm Spass. Aber aufgepasst: Weiler kann sich vorstellen, früher oder später etwas anderes zu machen.

Angesprochen auf eine mögliche Alternative zögert Weiler nicht lange und sagt: «Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, einen Treffpunkt in Form einer Bar für Menschen zu eröffnen, die das Herz noch auf der Zunge tragen können.» Typisch René Weiler! Er mag weder Manipulationen noch Inszenierungen. Gut zu wissen, dass es solche Typen noch gibt.

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