Schweizer Nati

Verzweifeln, zittern, jubeln – Russland, wir kommen!

Das Schweizer Fussball-Nationalteam qualifiziert sich für die WM. Ein 0:0 im Barrage-Rückspiel reicht dafür. Bis es soweit war, entwickelte sich der Abend in Basel zur Zitterpartie.

Darf das wirklich wahr sein? Sollte dieser Abend doch noch zum Drama werden? Es läuft die Nachspielzeit, ein letzter hoher Ball eines Nordiren fliegt durch den Schweizer Strafraum. Torhüter Sommer irrt durch die Gegend. Kopfball. Das Tor ist verlassen. Und dann, im letzten Moment gelingt es Ricardo Rodriguez, den Ball auf der Linie wegzudreschen.

Wenig später ist es vollbracht. Das Spiel endet 0:0. Das lange Leiden der Schweizer ist vorbei. Das späte Zittern überstanden. Einige fallen vor Erschöpfung auf den Rasen. Es sind verhaltene Emotionen, die dominieren. Der Schweizer Tross versammelt sich in der Mitte des Rasens, der eher einer Kuhwiese gleicht, zum Jubeln. Sie streifen sich ein weisses Leibchen mit russischem Schrifzug über. «WM, wir kommen», heisst das Motto.

Nur der Sieg zählt

Ja, Russland. Dort findet im nächsten Sommer die Fussball Weltmeisterschaft statt. Am 14. Juni geht es los. Gut einen Monat später, am 15. Juli, ist der neue Weltmeister gekürt. Dass die Schweiz an der WM teilnehmen darf, ist verdient. Daran gibt es keinen Zweifel. Wer in der WM-Qualifikation neun von zehn Spiele gewinnt und dann in der Barrage den Kampf gegen die unbequemen Nordiren gewinnt, darf das für sich in Anspruch nehmen.

Wie genau dieser Erfolg zu Stande gekommen ist, interessiert an der WM niemanden mehr. Dass das einzige Tor mittels eines unberechtigten Penaltys gefallen ist – unbedeutend. Nur der Sieg zählt. Und die Behauptung sei gewagt: Früher hätte die Schweiz so ein Duell nach guter Leistung und hartem Kampf am Ende eben doch verloren. Und man musste hinterher sagen: «Gut gespielt – und doch verloren.»

Mit seiner Rettungsaktion ganz zum Schluss hat sich Rodriguez definitiv zum Mann der Barrage gemacht. Er war es, der in Belfast den entscheidenden Penalty versenkte.

Plötzlich Pfiffe – warum?

Eines muss an diesem regendurchtränkten Abend klar festgehalten werden: Die Schweizer haben sich das Leben unnötig schwer gemacht. Erneut erspielen sie sich in den ersten 25 Minuten einige gute Torgelegenheiten. Aber erneut bringen sie keinen Treffer zu Stande, der die Partie in ruhigere Bahnen gelenkt hätte.

Und so ist allmählich auch eine gehörige Portion Nervosität auf dem Platz zu spüren. Nervosität, die auch das Publikum ansteckt. Kurz vor Schluss, als Seferovic einen Ball hoch übers Tor schiesst, hallen plötzlich Pfiffe durchs Rund.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic blickt ungläubig ins Publikum. Fordert dieses zusammen mit Gelson Fernandes auf, das Team anzutreiben. Als Seferovic unter erneuten Schmährufen ausgewechselt wird, 85 Minuten sind da gespielt, erhebt sich gar fast das ganze Team auf der Schweizer Einwechselbank zum Support.

Die Leidenschaft des Captains

Seferovic war nach dem Spiel von den Vorgängen ziemlich enttäuscht. Er wollte sich nicht zu den Vorfällen äussern. Petkovic sagte dafür: «Ich würde mir nordirische Fans wünschen.» Diese sangen in der Tat auch nach dem Spiel einfach weiter. Als wären sie die Gewinner und würden an die WM reisen. Überhaupt: Wie sich die Nordiren, Spieler wie Fans, als faire Verlierer präsentierten, verdient Respekt.

Natürlich kämpfte Seferovic unglücklich, die Pfiffe hat er gleichwohl nicht verdient. Immerhin war er der beste Schweizer Skorer dieser WM-Qualifikation. Und diese Mannschaft braucht einen torhungrigen Seferovic, wenn sie an der WM Geschichte schreiben will.

«Geschichte schreiben», das bedeutet für diese Spieler-Generation, einen WM-Viertelfinal zu erreichen. In der Form von gestern ist sie davon noch ein gutes Stück entfernt. Einen erneut wenig vorteilhaften Eindruck hinterliess auch Dzemaili. Mit jeder Minute schien sein ohnehin angeknacktes Selbstvertrauen noch weiter zu schmelzen. Er muss sich bis zur WM kräftig steigern.

Gut war die Leidenschaft, mit welcher die Schweizer erneut agierten. Angeführt vom tadellosen Captain Lichtsteiner. Überhaupt überzeugte die gesamte Abwehr. Die Innenverteidiger Schär und Akanji verloren keinen entscheidenden Zweikampf, gewannen viele Duelle in der Luft. Rodriguez war auch neben seiner späten Rettungstat sehr solid.

Zakaria agierte erneut abgeklärt, Xhaka hatte schon bessere Auftritte, konnte einige gefährliche Konter nicht unterbinden. In der Offensive schliesslich brachte Zuber einiges Tempo mit, ihm fehlte es aber an Abschlussglück. Shaqiri war zu Beginn auffällig, dann je länger desto weniger.

Fazit: Fürs erste dominiert die Erleichterung, dass die Schweiz zum vierten Mal hintereinander an einer WM dabei ist. Nun darf man gespannt die Auslosung der Gruppen am 1. Dezember abwarten.

Lesen Sie hier den Spielverlauf im Liveticker nach: 

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