Der Chef-Stratege schiesst Traumtore und überraschte vor dem Gipfel vom Samstag gegen den FC Liverpool als temporärer Linksverteidiger.

Am taktischen Repertoire von Granit Xhaka zweifelt kein Experte ernsthaft. Dem Arsenal-Professional kommt zupass, überaus vielseitig veranlagt zu sein. Er hat früh gelernt, auf höchster Stufe flexibel zu sein. Im Juni 2011 beispielsweise debütierte er im Wembley als 18-Jähriger im offensiven Zentrum der SFV-Auswahl.

Während seines Engagements bei Borussia Mönchengladbach etablierte er sich als Taktgeber im defensiven Mittelfeld - Ottmar Hitzfeld hingegen forcierte Xhaka in der Nationalmannschaft weiterhin als Nummer 10. Inzwischen ist die Rolle im Klub und im Dress der Schweiz die gleiche: Xhaka strukturiert das Spiel, kanalisiert die Bälle, ist permanent anspielbar.

Die Kontinuität auf hohem Niveau gehört zu seinen Merkmalen. Und dass ihn wenig aus der Fassung bringt, demonstrierte Xhaka bereits mehrfach. Er hält Druck und Kritik aus, kurzfristige Umprogrammierungen lösen bei ihm keine Panik aus - im Gegenteil, er wächst an der Herausforderung.

Zweimal in Folge Linksverteidiger

Unai Emery muss gespürt und erkannt haben, wie viel er dem unerschütterlichen Basler zumuten darf: Wie sonst wäre der spanische Coach auf die Idee gekommen, seinen renommiertesten Mittelfeldstrategen zweimal in Folge als Linksverteidiger aufzustellen? Für die beiden zuletzt angeschlagenen Defensivspezialisten Nacho Monreal und Sead Kolasinac wären mutmasslich auch noch andere Varianten infrage gekommen.

"Zehner war ich schon, Innenverteidiger ebenfalls, und auf den offensiven Aussenbahnen setzten mich die Trainer auch ab und zu ein", sagt Xhaka zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA, "aber links hinten spielte ich noch nie." Emery habe ihm letzte Woche vor der Europa-League-Partie gegen Sporting Lissabon (1:0) eröffnet, in der Abwehrkette unbedingt auf einen Linksfuss setzen zu wollen.

Im Duell mit Crystal Palace (2:2) wiederholte der Trainer der Gunners seine unübliche Massnahme. "Die Aufgabe war für mich sehr anspruchsvoll", meldet Xhaka aus London. Er löste die Challenge bis auf eine Szene gut. In der Schlussphase touchierte er im eigenen Strafraum Wilfried Zaha. Haften bleibt aber primär sein Freistosskunstwerk beim 1:1. "Mein Auftritt war gut."

Sollten die nominellen Aussenverteidiger-Kandidaten - zuletzt verletzte sich auch der im Normalfall gesetzte Rechtsaussen Héctor Bellerin - weiterhin ausfallen, stünde in den Augen Xhakas ein Altmeister bereit: Stephan Lichtsteiner, der langjährige Champion von Juventus Turin und Captain der Schweizer Nationalmannschaft. "Steph kommt immer besser in Fahrt. Seine Mentalität ist beeindruckend, er beackert die Linie wie ein 20-Jähriger."

Xhaka hält enorm viel vom siebenfachen Serie-A-Meister: "Er kann uns noch viel bringen." Die breite Abstützung in personeller Hinsicht tut den Gunners gut. Nicht nur Lichtsteiner macht Tempo - die Londoner haben auf ihren komplizierten Saisonstart mit sieben Siegen in Serie und einem Remis reagiert.

Die Spitze ist in Sichtweite

Titelhalter Manchester City und der punktgleiche FC Liverpool haben nur vier Punkte mehr aufzuweisen. In der Top-Affiche des Wochenendes bietet sich Arsenal gegen Liverpool die Chance zum grossen Comeback. "Wir lagen in dieser Saison schon neun Zähler zurück. Wenn wir die Reds am Samstag schlagen, wird die Euphorie riesig sein", kündigte Xhaka vor dem Meeting mit Xherdan Shaqiris Elf an.

Für seinen Nationalteamkollegen hat Xhaka ein paar nette Worte übrig: "Er macht seine Sache gut." Dezidierter in die Tiefe geht der Arsenal-Stammspieler im Zusammenhang mit Unai Emery, der im Sommer die französische Ikone Arsène Wenger abgelöst hat. "In taktischer Hinsicht ist er überragend", setzt Xhaka zur Lobeshymne an. Er sei durchaus mit Lucien Favre vergleichbar, "aber Emery ist am Spieltag emotionaler".

Nach ein paar Wochen der gegenseitigen Anpassung sei der dreifache Europa-League-Sieger angekommen. Zum neuen Chef an der Linie hat Xhaka innert Kürze eine Basis aufgebaut. Der temporäre Positionswechsel empfindet der 70-fache Internationale nicht als Last, sondern als "grösstmöglichen Vertrauensbeweis. Er änderte nicht das System, sondern sagte zu mir: Granit, du kannst das."