WM 2006
Razzia beim DFB – Beckenbauer hüllt sich in Schweigen

Steuerfahnder durchsuchen die Zentrale des Deutschen Fussballbundes, um endlich Gewissheit über den Geldtransfer anlässlich der Fussball-WM 2006 zu erlangen. Auch die Wohnung des DFB-Präsidenten ist nicht vor ihnen sicher.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Der Hauptsitz des DFB wurde von Steuerfahnder unter die Lupe genommen.

Der Hauptsitz des DFB wurde von Steuerfahnder unter die Lupe genommen.

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Am Dienstagmorgen um 9 Uhr schwärmten über 50 Steuerfahnder in die Zentrale des Deutschen Fussballbundes (DFB) in Frankfurt und die Privatwohnungen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und seinem Vorgänger Theo Zwanziger aus. Bepackt mit Kisten und Aktenordnern zogen die Fahnder Stunden später wieder ab. Im Kern geht es um den Vorwurf der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall, letztlich erhofft sich die deutsche Öffentlichkeit durch die Ermittler endlich Aufklärung über den dubiosen Geldtransfer im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschaft 2006.

Der Reihe nach: Nach wie vor steht der schwerwiegende Verdacht im Raum, Deutschland habe sich die Austragung der Heim-Fussball-WM 2006 erkauft. Mitte Oktober erschütterte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» mit einer breit recherchierten Geschichte über angeblichen Stimmenkauf der WM-Delegation den deutschen Fussball. Angeblich sollen für den Zuschlag der Fussball-WM, die als Sommermärchen in die Geschichte eingegangen ist, 10,3 Millionen Franken aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sein, um vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Am 6. Juli 2000 sicherte sich Deutschland die WM 2006 im eigenen Land denkbar knapp mit 12:11 Stimmen. Mitbewerber Südafrika hatte das Nachsehen.

Wahrer Zweck verschleiert

Der «Spiegel»-Vorwurf liess sich bis anhin nicht erhärten. DFB-Boss Niersbach betonte mehrere Male, die WM sei nicht gekauft worden. Gleiches verlautete der damalige WM-OK-Chef Franz Beckenbauer. Allerdings hat Niersbachs Vorgänger an der DFB-Spitze, der damalige WM-OK-Vize-Vorsitzende Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach öffentlich der Lüge bezichtigt und die Existenz schwarzer Kassen in der deutschen WM-Bewerbung bestätigt.

Offenkundig geht es Theo Zwanziger nicht zuletzt auch darum, seinen Nachfolger Niersbach zu demontieren. Der 70-jährige Ex-DFB-Boss hat sich offiziell schon in früheren Jahren dem Kampf gegen Korruption im Fussball verschrieben, ob er tatsächlich selbst sauber vorging rund um die WM-Vergabe, wird sich zeigen. Wegen Kritik warf er als DFB-Präsident 2012 den Bettel hin, beerbt wurde er durch Niersbach, obwohl Zwanziger einen anderen Nachfolger vorgeschlagen hatte. Dass sich Niersbach, unabhängig von den Ergebnissen der Ermittler, noch lange an der DFB-Spitze wird halten können, wird immer unwahrscheinlicher. Zu stark hat sein Ruf gelitten.

Seit Tagen ist eine Untersuchungskommission daran, Licht ins Dunkle zu bringen. Noch unklar ist, wohin das Geld geflossen ist und wofür die vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus vorgeschossene Summe tatsächlich verwendet worden ist. Sicher ist bislang, dass der inzwischen verstorbene Louis-Dreyfus das Geld im Frühjahr 2005 zurückerstattet haben wollte. Nach bisherigem Erkenntnisstand der Steuerfahnder buchte das WM-Organisationskomitee die 10,3 Millionen Franken unter Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm im Rahmen der Fussball-WM getarnt ab.

Die Summe konnte demnach – laut Vorwurf der Steuerbehörden – als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht werden. Damit habe das OK «Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 in erheblicher Höhe verkürzt», heisst es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Sollte sich der Verdacht der Steuerhinterziehung erhärten, drohen Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Der DFB erklärte in einer Mitteilung, der Verband unterstütze die Ermittlungen. «Der DFB ist nicht Beschuldigter des Verfahrens.» Auch Theo Zwanziger, damals Schatzmeister im WM-Organisationskomitee, meldete sich gestern Abend zu Wort. Er mache sich wegen der Hausdurchsuchung keine Sorgen. Er wisse, «dass er keine Konsequenzen zu befürchten» habe.

Beckenbauers Version

Nicht im Visier der Steuerermittler ist offenbar OK-Präsident und Fussball-Weltmeister Franz «Kaiser» Beckenbauer. Nach einem kurzen Statement im Oktober («Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fussballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren») hüllt sich der sonst so wenig kamerascheue «Kaiser» wieder in Schweigen. Laut Darstellung von Niersbach, damals Vizepräsident des Organisationskomitees, und Beckenbauer sei das Geld von Louis-Dreyfus als Vorschuss verwendet worden, um anschliessend einen Organisationszuschuss von umgerechnet 170 Millionen Euro von der Fifa zu bekommen. Beckenbauer und Fifa-Boss Sepp Blatter hätten den Deal unter vier Augen ausgehandelt. Diese Version hat Blatter bestritten. Auch die Fifa hat die Darstellung Niersbachs zurückgewiesen.