Analyse
Nun muss die Schweiz zeigen, dass sie entscheidende Spiele gewinnen kann

Ein letztes Anrennen noch. Ein letzter verzweifelter Ball hoch vors Tor. Ein letztes bisschen Hoffnung. Und dann die Gewissheit: Die Schweiz verliert 0:2 in Portugal. Die direkte Qualifikation für die WM ist verpasst.

Etienne Wuillemin
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Enttäuschte Schweizer nach dem 0:2 in Lissabon

Enttäuschte Schweizer nach dem 0:2 in Lissabon

KEYSTONE/LAURENT GILLIERON

Der Abend in Lissabon ist eine Enttäuschung. Die Schweizer wollten zeigen, dass sie reif für einen grossen Auftritt sind. Sie wollten zeigen, dass die Siege zuvor kein Zufall waren. Ein Unentschieden hätte gereicht – es gelang nicht. Alles andere wäre nicht verdient gewesen, weil die Schweizer schlicht zu wenig gut waren. Sie hatten nicht eine einzige echte Torchance.

Yann Sommer: 4.5 Hält die Schweiz mit einer tollen Parade im Spiel, ist schuldlos beteiligt am Eigentor und chancenlos beim 0:2. Stoppt dann Ronaldo stark.
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Stephan Lichtsteiner: 3.5 Der Captain fällt auf, wenn er sich beim Schiedsrichter beschwert. Sonst spielt er unauffällig. Und offensiv kommt von ihm deutlich zu wenig.
Fabian Schär: 4 Grundsätzlich solid. Sieht beim 0:2 wie alle Verteidiger nicht gut aus. Gegen den Europameister reicht ein solider Auftritt gestern nicht.
Johan Djourou: 3.5 Sommer wehrt ab, der Ball springt Djourou unglücklich in die Füsse und ins eigene Tor. Natürlich war es Pech, aber es überschattet seinen Auftritt.
Ricardo Rodriguez: 4.5 Hat Glück, dass sein Handspiel im Strafraum nicht geahndet wird. Ist aber der Schweizer Spieler mit dem meisten Drive nach vorne.
Remo Freuler: 3 Agiert nervös und ist gefährdet, vom Platz zu fliegen. Während er Behrami gegen Ungarn gut vertritt, ist er gestern überfordert. Muss zur Pause raus.
Granit Xhaka: 4 Er verteilt solid die Bälle, wie man das von ihm gewohnt ist. Aber ihm gelingen keine entscheidenden Pässe, die für Torgefahr sorgen könnten.
Xherdan Shaqiri: 3.5 In der ersten Halbzeit gut – aber ohne magische Aktion. Baut nach der Pause stark ab und verliert viele Bälle. Kein Spiel, das in Erinnerung bleibt.
Blerim Dzemaili: 3 Er läuft viel, aber fast immer falsch. Findet nie richtig ins Spiel und ist selten am Ball. Ein missratener Auftritt, bis ihn Petkovic in Minute 66 erlöst.
Admir Mehmedi: 3.5 Ist sichtlich bemüht und hat zu Beginn einige gute Aktionen mit dem agilen Rodriguez. Aber auch von ihm kommt alles in allem viel zu wenig.
Haris Seferovic: 3.5 Wird selten angespielt. Ein Stürmer ohne Ball kann keine Tore schiessen. Dafür kann er nichts. Aber ein Stürmer soll am Ende halt Tore schiessen.
Denis Zakaria: 4 Kommt nach der Pause für den überforderten Freuler. Macht das gar nicht schlecht. Aber so wirklich Einfluss auf das Schweizer Spiel hat er nicht.
Steven Zuber: 4 Kommt in der 66. Minute für den enttäuschenden Dzemaili. Gegen Ungarn mit zwei Toren Mann des Spiels, gestern kann auch er nichts mehr bewirken.
Breel Embolo: 4 Kommt in der 66. Minute für Mehmedi. Wunderdinge kann man von ihm nach der langen Verletzung natürlich nicht erwarten. Das bestätigt sich.

Yann Sommer: 4.5 Hält die Schweiz mit einer tollen Parade im Spiel, ist schuldlos beteiligt am Eigentor und chancenlos beim 0:2. Stoppt dann Ronaldo stark.

Keystone

Im November folgen darum nun die Playoffs. Der Gegner wird am nächsten Dienstag ausgelost. Vier Möglichkeiten gibt es: Schweden, Irland, Nordirland oder Griechenland. Wer nach Hin- und Rückspiel besser ist, fährt im Sommer doch noch an die WM nach Russland.
In jedes Duell steigt die Schweiz als Favorit. Doch eines ist klar: In diesen Playoffs läuft die Schonfrist ab. Dann muss die Schweiz zeigen, dass sie entscheidende Spiele gewinnen kann.

Ein bisschen kommt es einem bei diesem Schweizer Team vor wie bei einer Autofahrt auf schneebedeckten Strassen. Eigentlich ist man ziemlich sicher, gut ins Ziel zu kommen. Aber man weiss eben trotzdem nie, ob nicht plötzlich das Heck in der nächsten Kurve ausbricht.

Extreme Entwicklung in den letzten Monaten

Über die letzten Monate hat sich diese Nationalmannschaft entwickelt. Sie hat häufig einen Weg gefunden, zu gewinnen. Zehn Siege in Serie waren es vor dem gestrigen Abend, das ist Rekord. Und auch betreffend der Spielidentität waren Fortschritte zu beobachten.

Doch die Wahrheit ist eben auch: Ein richtiger Gradmesser war lange nicht mehr dabei. Die EM war spielerisch gut, das Aus gegen Polen im Achtelfinal bitter. Aber man kann es auch von einer anderen Seite aus betrachten: Ein Sieg gelang nur in einer Partie: gegen Albanien.

Dass Europameister Portugal zum Auftakt der WM-Qualifikation in der Schweiz gastierte, und dabei auch auf den verletzten Ronaldo verzichten musste, war das grosse Glück der Schweiz. Sie hat dieses Glück gut ausgenutzt, neun Siege auf den Rasen gelegt. Es waren viele überzeugende Momente dabei. Das Team hat einige Freude bereitet. Und darum ist jetzt auch bei weitem nicht alles schlecht. Trotz dieser schmerzenden Niederlage.

Gefordert ist in den WM-Playoffs auch Nationaltrainer Vladimir Petkovic. Bis anhin hat er unter Druck gut agiert. Er hat es geschafft, mit seiner ruhigen und souveränen Art der Mannschaft Sicherheit zu verleihen. Es spricht einiges dafür, dass ihm das weiterhin gelingt. Spannend ist es gleichwohl, zu sehen, wie dieses Schweizer Gebilde gebaut ist. Stabil oder fragil.

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