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Nati-Goalie Benaglio: «Shaqiri ist noch kein Führungsspieler»

Nati-Goalie Diego Benaglio: «Tut gut, das Vertrauen des Traines zu spüren».

Nati-Goalie Diego Benaglio: «Tut gut, das Vertrauen des Traines zu spüren».

«Wer einmal an einer EM oder einer WM dabei war, will es immer wieder schaffen», sagt Nati-Goalie Diego Benaglio. Er ist überzeugt, dass es die Schweiz als Gruppenerster ans Ziel gelangen kann. Riesige Transfersummen machten noch keine Leaderfiguren.

Diego Benaglio, wie gewinnen Sie am liebsten, spektakulär 5:3 oder dröge 1:0?

Diego Benaglio: Solange die drei Punkte uns gehören, kann ich auch mit einem 5:3 leben. Aber ich bevorzuge ein 1:0, weil das bedeutet, dass unsere Abwehr gut verteidigt.

Die Schweiz gewann 5:3 gegen Deutschland und 4:2 in Kroatien. Sind das Anzeichen für eine «neue», offensivere, mutigere Schweiz?

Es war sicher zu sehen, dass wir wagten, das Spiel in die Hand zu nehmen, dass wir unbekümmert waren. Diese Erfahrung tut gut.

Wie gross wäre die Enttäuschung, wenn die Schweiz ihre WM-Qualifikations-Gruppe nicht auf Platz 1 abschliesst?

Genauso gross wie die Enttäuschung über das Verpassen der EM. Ich unterscheide nicht nach Gegner. Wer einmal an einer EM oder einer WM dabei war, will es immer wieder schaffen.

Die Schweiz trifft in der Qualifikation auf Norwegen, Slowenien, Albanien, Island und Zypern. Ist es eine einmalige Gelegenheit, sich für eine WM zu qualifizieren?

Solches Denken halte ich für extrem gefährlich. Ja, wir hatten das Glück, keine der Topnationen wie Spanien, Deutschland, England, oder Italien zugelost zu bekommen. Aber es ist trotzdem eine tückische Gruppe. Ich habe das Gefühl, die Spieler in unserer Mannschaft haben kapiert, dass es keine einfache Ausgangslage ist. Nichtsdestotrotz: Wenn wir unsere Qualitäten umsetzen, dann ist es möglich, sich in dieser Gruppe als Erster zu qualifizieren.

Wo liegen die Gefahren?

Für den einen oder anderen jungen Spieler ist es die erste Qualifikation. Ihnen fehlt die Erfahrung, deshalb ist es wichtig, dass wir älteren Spieler den Jungen helfen.

Wie sieht dieses Helfen aus?

Indem wir beispielsweise mit einem Shaqiri oder Xhaka über die Niederlage gegen Luxemburg sprechen. Ein Inler, Lichtsteiner, Barnetta aber auch ich, wir wissen, wie es ist, von Anfang an hinterherzuhinken. Das wollen wir ihnen vermitteln und dieses Mal unbedingt vermeiden.

Sind die Jungen aufnahmefähig oder denken sie: Sollen die Alten reden, wir wissen, was zu tun ist?

Ich habe schon den Eindruck, dass sie bereit sind, solche Dinge anzuhören. Was sie daraus machen, ist aber ihre Sache.

Spüren Sie, dass die Jungen heute anders denken, selbstbewusster sind?

Ja, früher, wenn du als Junger in die erste Mannschaft gekommen bist, hast du in der ersten Saison vorab die Klappe gehalten. Ein paar Jahre bevor ich Profi wurde war es noch extremer.

Was wurde denn anders?

Über die Jahre hat sich die Autoritäts-Schwelle nach unten verändert. Solange der Respekt da ist, sehe ich kein Problem, aber es ist trotzdem wichtig, dass sich ein Spieler einzuordnen weiss.

Vor wem hatten Sie früher Angst?

Als ich bei GC in die erste Mannschaft kam, waren noch Spieler wie Mats Gren oder Marcel Koller dabei. Ich weiss nicht, ob es geschickt gewesen wäre, zu kommen und zu sagen: «Hey du, mach mal dies und jenes!» Natürlich, als Goalie ist es ja auch die Aufgabe, die Verteidigung zu organisieren. Aber wenn die Übung fertig ist, dann spuckst du keine grossen Töne, sondern nimmst die Bälle und bringst sie zurück ins Kästchen.

War es im Nationalteam ähnlich?

Klar, da gab es einen Alex Frei, Johann Vogel, ein Pascal Zuberbühler, Spieler, die schon viel erreicht haben. Erst muss man sich einen gewissen Status erarbeiten.

Spieler wie Shaqiri oder Xhaka wechselten für gut 14 respektive 8 Millionen den Klub. Verändern solche Transfer-Summen den Status?

Es ist völlig egal, ob einer für 20 Millionen oder für 2 Franken den Klub wechselt, das ändert nichts an seinem Status. Für mich ändert erst etwas, wenn einer in der Nationalmannschaft regelmässig seine Leistungen bringt und auch als Persönlichkeit versucht, Verantwortung zu übernehmen, aber nicht wegen Transfersummen.

Einen Shaqiri zählen Sie demnach nicht zu den Führungsspielern?

Nein, noch nicht. Er kann das werden, aber dafür ist er noch zu jung.

Ihre ersten Spiele für die Nationalmannschaft absolvierten Sie 2006. Danach gab es einen Dreikampf um die Torhüter-Position zwischen Ihnen, Pascal Zuberbühler und Fabio Coltorti. Was haben Sie für Erinnerungen daran?

Für mich war es eine super Situation. Ich komme als Junger und der Trainer erklärt: «Es gibt keine feste Hierarchie, der Kampf ist eröffnet.» Das ist viel besser, als wenn dir eine feste Nummer 1 und Nummer 2 vor der Nase stehen, die etabliert sind.

Können Sie sich vorstellen, dass sich zwischen Ihnen und dem aufstrebenden Yann Sommer bald ein Zweikampf entwickelt?

Solche Gedanken sind weit weg. Solange der Trainer nicht einen Zweikampf ausruft, gibt es keinen Grund, darüber nachzudenken.

Wie wichtig ist es für Sie, so unbestritten die Nummer 1 zu sein – im im Nationalteam und im Verein?

Einen solchen Status erarbeitet man sich über die Jahre. Klar tut es gut, das Vertrauen des Trainers zu spüren. Ottmar Hitzfeld hat sich bezüglich Torhüter-Hierarchie immer klar geäussert. Genauso klar ist, dass ich keinen Freifahrtschein besitze. Auch ich muss mich weiterentwickeln.

Machen Sie sich Sorgen, wenn Sie an die Verteidigung denken, die morgen vor Ihnen steht?

Nein, Lichtsteiner ist für mich ein Weltklasse-Verteidiger, wer Stammspieler ist bei Juve, der hat ganz grosse Qualität. Djourou und von Bergen haben gegen Kroatien gezeigt, dass sie das gut hinkriegen, obwohl sie nicht so im Saft waren. Und die Abstimmung wird auch immer besser.

Ist das Ihre tiefe Überzeugung oder Teil des Positiv-Denkens?

Klar ist das meine Überzeugung. Es bringt nichts, Dinge schönzureden, die nicht schön sind. Stellen Sie sich vor, ich sitze heute Abend im Zimmer und zittere aus Furcht – das bringt nichts! Das würde einen negativen Beigeschmack hinterlassen.

Sie waren bei Olympia. Es gilt nicht als ruhmreiches Schweizer Kapitel. Dagegen wehren sie sich. Was genau lief besser, als es die öffentliche Wahrnehmung suggeriert?

Was sicher falsch ist: Keiner der Spieler hat sich arrogant verhalten. Dieser Vorwurf hat mich verletzt – weil die Jungs einwandfrei waren. Zudem fand ich schade, dass die Spiele von Anfang an Gegenwind hatten.

Das liegt daran, dass Fussball und Olympia nicht zusammenpassen.

Das kann ich nicht beurteilen. Was ich aber weiss, ist, dass es mich mit viel Stolz erfüllte, für die Schweiz an Olympia teilnehmen zu dürfen. Ich denke, es ist möglich, dass einige Angst hatten, der Fussball bekomme an Olympia zu viel Aufmerksamkeit.

Die Schweiz schrieb Schlagzeilen wegen des Twitter-Skandals, als ihr Mitspieler Michel Morganella Südkorea diffamierte. Was denken Sie?

Er hat einen grossen Fehler gemacht, da gibt es nichts zu diskutieren. Aber man sollte ihm zugutehalten, dass er sich entschuldigt hat, die Konsequenzen wie ein Mann trug. Jeder macht einmal Fehler im Leben. Aber jetzt ihn für immer und ewig an die Wand stellen und mit dem Finger auf ihn zu zeigen, das wäre falsch.

Welche Gefahren bergen Social Media?

Die Gefahr ist, dass man sich nicht bewusst ist: Was publiziert wurde, ist unwiderrufbar. Dies muss man sich immer vor Augen führen. Ich denke, für uns Leute in der Öffentlichkeit ist es nicht von Vorteil, immer zu schreiben: Bin grad hier und gehe dorthin. Ich glaube, man tut sich einen Gefallen, wenn man mit Social Media vorsichtig umgeht. Mir fehlt nichts, obwohl ich nicht twittere.

Ihre Tochter wird bald 2-jährig. Erkennt Sie ihren Vater schon?

Ja, wenn sie mich im Fernsehen erblickt, ruft sie: «Papi, Ball! Papi, Ball!»

Dürfen Sie wieder staubsaugen?

Warum, weil ich einst einen kaputtgemacht habe?

Ja. Also stimmt die Geschichte?

Ja, sie stimmt. Und nein, natürlich bin ich nicht mehr fürs Staubsaugen zuständig. Ich vermag es nicht, jede Woche einen neuen zu kaufen.

Wie haben Sie es denn geschafft, den Staubsauger zu zertrümmern?

Ich bin sicher, dass der Staubsauger ein wenig präpariert war. Aber wenn ich ehrlich sein will, ein bisschen hat es mir schon in die Karten gespielt.

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