Europa League
Mönchengladbach-Trainer Lucien Favre: «Der FC Zürich hat nichts zu verlieren»

Favorit Mönchengladbach und der FCZ ringen in der Gruppe A um das letzte Ticket für die Knock-out-Phase der Europa League. Lucien Favre lobt seinen Ex-Klub und ärgert sich über voreilige Analysen.

Sven Schoch
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Gladbachs Trainer Lucien Favre traut dem FCZ durchaus etwas zu

Gladbachs Trainer Lucien Favre traut dem FCZ durchaus etwas zu

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Im Borussia-Park pflegt Favres Equipe das Publikum in der Regel erstklassig zu unterhalten. Das Torverhältnis von 27:10 ist nur der statistische Beleg, mit welcher Intensität und Angriffslust Mönchengladbach vor den eigenen Anhängern auftritt. Einzig während einer kurzen Schwächephase gegen Frankfurt leisteten sich die wilden Fohlen einen Fehltritt.

Das Zwischentief mit drei Niederlagen in Serie endete am vergangenen Samstag gegen Berlin (3:2). Als ein paar deutsche Kommentatoren im Zusammenhang mit der Borussia die Mini-Krise ausgerufen hatten, schüttelte Favre verärgert den Kopf: «Sie übertreiben.» Der Romand relativiert, er kennt das (TV-)Geschäft nach 205 Bundesliga-Partien mit Gladbach und der Hertha.

Favre: «Wir haben alles zu verlieren»

Favre ist zufrieden: «Es funktioniert gut. Es ist schwierig, in Deutschland einen besseren Verein zu finden.» Die kurzfristigen Perspektiven sind vielversprechend. Gewinnt er heute Abend einen Punkt, steht der Klub in den Sechzehntelfinals. «Das wäre top und auch verdient.» Weit über 40'000 werden kommen. Sie lechzen nach europäischen Siegen - die grosse Ära des fünffachen Meisters liegt vier Jahrzehnte zurück.

Vor dem FCZ hat Favre Respekt und attestiert dem Kontrahenten Qualität: «Zürich hat nichts zu verlieren, wir hingegen alles. Der FCZ ist eine sehr gute Mannschaft, auch wenn sie ein paar Schwierigkeiten hatten am Ende der Vorrunde.» Der ehemalige Meistercoach Zürichs erwartet einen «total motivierten» Super-League-Vertreter und übermittelt dem schwer verletzten Gilles Yapi Genesungswünsche: «Ich hoffe, er wird wieder gesund. Das Foul gegen ihn war ein Skandal!»

Der leere FCZ-Akku

Beim Aussenseiter drehte sich in den letzten Tagen (zu) viel um das medizinische Bulletin. Urs Meier hatte im missratenen Vorrundenfinish reihenweise Forfaits und den späten Knock-out im Gipfel mit dem CL-Achtelfinalisten Basel zu verkraften. Beim 1:2 in Thun war der der Substanzverlust deutlicher denn je zu spüren. Der Teamakku war zumindest halb leer.

Die Frage wird deshalb sein, ob der Cupsieger im letzten Spiel eines insgesamt hervorragenden Jahres physisch und mental in der Lage ist, dem erhöhten Druck standzuhalten. Zum Coup braucht Zürich unbedingt einen dritten EL-Sieg in Folge - oder schlicht den perfekten Tag und im zehnten europäischen Vergleich mit einem Bundesligisten den ersten Erfolg überhaupt.

Was traut sich der FCZ zu?

Viel hängt davon ab, was sich Zürich in der Gruppen-Finalissima zutraut. Yassine Chikhaoui, der spannende und neu auch gegen aussen hin sehr kommunikative Charakterkopf des Teams, spurte im Vorfeld schon mal verbal vor: «Wir müssen Freude haben und das Spiel geniessen. Niemand weiss, ob wir jemals wieder so etwas erleben werden. Für uns ist der Moment historisch. Wir werden alles dafür tun, um zu gewinnen.»

Eine Überraschung kommt im Prinzip nur mit einem gesunden Chikhaoui infrage. Der tunesische Künstler ist im offensiven Bereich das zentrale Element. Seine Ideen vergrössern den Prozentsatz der FCZ-Chancen erheblich, auf die Aura des an guten Tagen dominanten Captains ist das begabte, aber international noch zu wenig robuste Ensemble angewiesen. Ihm ist dieser Umstand bewusst: «Die Jungen haben Talent, aber sie benötigen noch Zeit.»

Für Chikhaoui kommt nach der europäischen Bühne dann die afrikanische. Ab Mitte Januar wird der 28-Jährige mit Tunesien am Afrika-Cup teilnehmen. Seine Rolle im Nationalteam ist mit jener beim FCZ zu vergleichen. Auch in seiner Heimat führt er eine «neue Generation an, der die Erfahrung noch fehlt».