Der Engel des Nordens hob im BBC-Studio ab. Alan Shearer, während über einer Dekade Newcastles Star-Stürmer und inzwischen renommierter TV-Experte, bejubelte Fabian Schärs wunderbares 1:0 gegen Burnley wie ein entzückter Fan. "Ich habe das BBC-Video auch gesehen", lacht der Schweizer Wundertorschütze. Der Innenverteidiger mit der Abschlussqualität einer Nummer 10 reagiert auf den britischen Enthusiasmus mit trockenem Humor: "Viele wussten hier offenbar nichts von meiner Schussstärke."

Nach einem schwierigen Einstand ist der "Swiss Banker" ("The Sun") angekommen. Der Boulevard hatte seine Recherchen im vergangenen Sommer bis zur Ostschweizer Filiale seines ehemaligen Arbeitgebers ausgeweitet. Die Investition hat sich für die United gelohnt, der La-Liga-Absteiger gehört inzwischen zum wertvolleren Teil der Equipe. Seit Schär zum Stamm zählt, ist der Spassfaktor markant angestiegen.

In den ersten Monaten waren Zweifel aufgekeimt. Würde der Relegation mit Deportivo La Coruña eine nächste persönliche Dürreperiode folgen? Während zehn sieglosen Partien gehörte Schär primär zur zweiten Reihe auf der Ersatzbank. "In einer solchen Phase macht man sich natürlich Gedanken, zumal die Mannschaft nicht erfolgreich war", räumt Schär im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA ein. "Aufgrund meiner Erfahrungswerte im Ausland wusste ich: Positiv bleiben, der Faktor Zeit spielt mit."

Anfang November drehte der Wind, der Star-Trainer Rafa Benitez schenkte dem Premier-League-Debütanten mit Verzögerung das Vertrauen. Mit Schär in der Startformation haben sich die Magpies deutlich von der Abstiegszone abgesetzt. Die Inputs Schärs sind spürbar, sein Selbstvertrauen tut den Mitspielern gut, die Passwerte sind überdurchschnittlich - sein Radius ist beträchtlich.

Schär spielt sein Repertoire derzeit nahezu vollumfänglich aus. "Es macht Spass. Im Moment ergänzt sich alles gut. Mit meiner Spielweise kann ich einiges einbringen. Ich spüre die Wertschätzung des Trainers. Das brauche ich auch, das tut mir enorm gut", sagt der 27-Jährige nach vorzüglichen Wochen und 15 Einsätzen mit nur drei Niederlagen.

Von einer Persönlichkeit wie Benitez könne man nur profitieren, so Schär. "Vor allem in den ersten zehn Spielen ohne Erfolg merkte man, wie viel er schon erlebt hat." Keiner habe auf den krassen Fehlstart panisch reagiert, weil Benitez "immer extrem ruhig blieb und genau wusste, wie er uns ansprechen musste". Die Aura des früheren Champions-League-Siegers beeindruckt ihn: "Nicht nur in Newcastle begegnen ihm die Fans mit grossem Respekt."

Der gute Einfluss Benitez' kommt ihm zupass, Schärs Rating ist mittlerweile erstklassig. Von der fünfköpfigen Schweizer Fraktion stand in der aktuellen Premier-League-Kampagne nur Granit Xhaka, der bei Arsenal im Mittelfeld den Lead hat, mehr auf dem Rasen als Schär. Bei 1328 Minuten ist der 47-fache Nationalspieler angelangt. Tendenz stark steigend: "Ob ich mit meinem Stil nach den Erfahrungen in Deutschland und Spanien am besten zur Premier League passe, ist schwierig abzuschätzen. Momentan fühle ich mich sehr wohl."

Nicht nur auf dem Hauptschauplatz bewältigt Schär neue Herausforderungen, auch auf intellektueller Ebene setzt er neue Schwerpunkte. Acht Jahre nach der Berufsmatur kämpft sich der Profi-Fussballer durch Online-Vorlesungen. "Ich habe begonnen, Business Administration zu studieren." Er probiere es zumindest, auch wenn es ihm manchmal schwer falle, "mich wieder an den Schreibtisch zu setzen". Die "Sun" weiss (noch) nichts vom "Swiss Business".