Eine besonders glückliche Figur gibt Stephan Rietiker nicht ab an diesem Sonntagnachmittag,
als GC nach 70 Jahren in der obersten Spielklasse absteigt. Etwa 25 Hooligans aus dem Gästesektor drohen, den Platz zu stürmen. Rietiker, der neue GC-Präsident, sitzt im Luzerner Stadion im Presidents Club und hört, wie Leute um ihn herum sagen: «Erschiesst sie doch.»

Als ihm sein CEO Manuel Huber eine Botschaft der Hooligans überbringt, entschliesst sich Rietiker, die feine Gesellschaft zu verlassen. Es ist kein einfacher Gang, zudem eine völlig neue Situation. Denn Rietiker ist erst seit sechs Wochen im Amt. Die Hooligans stellen die entwürdigende Forderung, dass sich die Spieler vor ihnen die Trikots und Hosen ausziehen.

Rietiker bleibt nicht viel Bedenkzeit und macht vielleicht auch deshalb den Fehler, dass er partiell auf die Forderung eingeht. Die GC-Akteure schlurfen zu den Hooligans und deponieren ihre Trikots. Die Chaoten erzwingen trotzdem einen Spielabbruch.

Was er am Sonntag verpasst, will er am Montag nachholen. Rietiker verspricht, Klartext zu reden. Das gelingt ihm zwar in Ansätzen. Aber er bedient sich Stereotypen, die offenbaren, wie hilflos und unerfahren er in der Sache (noch) ist. Dass ihn Journalisten als Geisel der Chaoten bezeichnen, kontert er mit «Schreibtischtäter». «In Gottes Namen» und «dem Frieden zuliebe» hat Rietiker in Luzern quasi einen Präzedenzfall geschaffen.

Aktionen müssen umgesetzt werden

Gleichwohl räumt er ein, dass dies nicht der richtige Weg für die Zukunft sein könne und spielt in seiner Ohnmacht den Ball der Politik und dem Verband weiter, wie es viele verzweifelte Fussballfunktionäre vor ihm auch schon getan haben. Er wünscht sich Kastenwagen vor den Stadien und eingebuchtete Chaoten. Und er glaubt, dass Verkehrssünder in der Schweiz härter bestraft würden als Kriminelle.

Von den anderen ein repressives Verhalten gegen die Unanständigen zu fordern und selber auf Deeskalation setzen? «Contre coeur», sagt Rietiker. Aber gefallen hat ihm das nicht. Deshalb sollen nun Aktionen gegen Gewalt rund um den Fussball umgesetzt und nicht ständig nur davon geredet werden. Und deshalb will er versuchen, mit Bundesrätin Viola Amherd ins Gespräch zu kommen.

«Entweder, die Politik ändert etwas oder wir müssen akzeptieren, wie es ist», sagt Rietiker und nennt Deutschland, die USA und England als Vorbilder im Kampf gegen Hooliganismus. Was für ein Trugschluss! In England wurde die Premiere League zwar auf Hochglanz poliert und die Gewalt somit aus den Stadien verbannt. Aber GC ist kein Premiumprodukt.

Ausserdem ist das Problem in England nicht gelöst, sondern wurde in die unteren Ligen delegiert. Und in Deutschland kommt es selbst in der Bundesliga immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen – das nicht nur ausserhalb des Stadions.

Vorbild Bernhard Heusler

Rietikers Forderung nach Härte und Repression ist absolut plausibel. Aber so lange man sich nicht durchringt, dass die Polizei im Stadion für Sicherheit sorgt und Straftäter konsequenter verfolgt, ist er primär selber gefordert. Den Fans muss er klare Grenzen setzen, ohne dabei keimfreie Zonen zu schaffen.

Was aber mindestens so wichtig ist: Die Fans müssen das Gefühl haben, ernst genommen zu werden. Und dann gibt es die kleine Gruppe der Chaoten, die den Fussball als rechtsfreies Tummelfeld betrachten. Diese auszusortieren ist ohne Unterstützung der Staatsgewalt aber ein aussichtsloses Unterfangen.

Bernhard Heusler, einer von Rietikers Beratern, hat es als Präsident des FC Basel vorzüglich verstanden, die Fan-Thematik zu moderieren. Als der FCB 2014 in Aarau zum fünften Mal in Serie Meister wurde, randalierten Basler Fans im Brügglifeld. Vor dem folgenden Heimspiel ergriff Heusler das Wort: «Liebe FCB-Familie, liebe FCB-Fans. Eine kleine Gruppe hat es für nötig befunden, eine noch kleinere Gruppe von Aarau-Fans anzugreifen, statt den Meistertitel mit uns zu feiern. Wir wollen das nicht. Ihr, die den Fussball für Gewalt missbraucht. Aber auch all jenen, die nichts anderes machen, als solche Ereignisse herbei zu sehnen und danach heuchlerisch und populistisch alle in den gleichen Topf werfen und den Fussball für schuldig erklären – euch sage ich: Ich bin nicht euer Feind, ich bin nicht euer Gegner. Euer Feind und Gegner ist mit 32 000 Menschen hier im Stadion vertreten. Wir lassen uns auf dem Weg zum sechsten Titel nicht von Gewalttätern und Populisten stoppen.»

Brillant. Heusler grenzt ab und aus aber hält auch die schützende Hand über den Fussball, ohne sich der Kumpanei mit den Chaoten verdächtig zu machen. Denn sowohl in der Ausgrenzung wie auch in der Komplizenschaft lauern die grössten Fallen für einen Fussballklub. Über Rapid Wien heisst es, der Klub werde von Ultras kontrolliert.

Konstituiert als Verein mit 16 000 Mitgliedern, riskieren Vorstandsmitglieder ihre Abwahl, wenn sie nicht tun, was ihnen die Wortführer der Ultras diktieren. Oder aus Nürnberg ist die Geschichte überliefert, wie ein früheres Vorstandsmitglied engste Verbindungen in die Ultra-Szene pflegte. Es soll vorgekommen sein, dass jener Vorstand den Teambus nach einem verlorenen Auswärtsspiel mitten in der Nacht auf einen Parkplatz befehligte, wo sich Spieler und Trainer den Ultras stellen mussten.

Fussball-Chaoten, die sich zu wichtig nehmen, sind keine Schweizer Eigenheit. Es gilt, klare Kante zu zeigen. Das bedingt, dass man nicht – wie bei GC im März, vor Rietikers Antritt – schweigt, wenn eigene Fans einem verstorbenen Neonazi huldigen.