Grosses Interview

Jonas Omlin erklärt seinen Wechsel zu Montpellier: «Hier herrscht Harmonie»

Jonas Omlin: "Ich mag es allen gönnen, die von meiner Ablöse etwas bekommen."

Jonas Omlin: "Ich mag es allen gönnen, die von meiner Ablöse etwas bekommen."

Der ehemalige FCB-Goalie spricht vor seinem ersten Einsatz für Montpellier am Samstag gegen Metz über die unterschätzte Ligue 1, die Unruhen beim FC Basel und Ablösesummen.

Jonas Omlin, warum haben Sie heute in Montpellier erst am Nachmittag trainiert?

Jonas Omlin: Weil wir am Mittwoch einen Corona-Fall in der Mannschaft hatten, wurden am Donnerstag alle Spieler getestet. Diese Tests waren alle negativ. Doch die Resultate mussten zuerst abgewartet werden.

Wie ist es für Sie in der neuen Stadt?

Ich bin erst seit einer Woche in Montpellier, kann seit Montag 100 Prozent mittrainieren. Die Oberschenkelverletzung ist ausgeheilt. Die Mannschaft wäre allerdings froh, wenn die Saison endlich beginnen würde. Die Vorbereitung dauert jetzt schon neun Wochen. Das erste Meisterschaftsspiel ist am kommenden Samstag in Rennes.

Wie sind die ersten Eindrücke von den Sportstätten?

Das Stadion habe ich gar noch nicht gesehen. Das Trainingsgelände liegt recht weit entfernt von der Spielstätte und ist etwas abgeschottet. Wir haben einen eigenen Komplex für die Profimannschaft mit Fitness und Wellness. Die Anlage ist sehr modern und es macht Freude, hier zu arbeiten.

Haben Sie und Ihre Partnerin Janice die Stadt bereits erkundet?

Derzeit wohnen wir noch im Hotel direkt am Meer. Die Umgebung gefällt uns sehr. Montpellier ist keine grosse Stadt, aber sie hat Charme und bietet alles, was man braucht: moderne Läden, gute Restaurants. Janice und ich suchen uns nun ein Haus, wo wir uns zurückziehen können, Privatsphäre und Sicherheit haben.

Jonas Omlin und seine Freundin Janice fühlen sich auf dem Wasser wohl.

Jonas Omlin und seine Freundin Janice fühlen sich auf dem Wasser wohl.

Sind Sie im Team bereits angekommen?

Die Mitspieler sind cool, in der Mannschaft und im ganzen Verein herrscht eine ausgesprochen familiäre Atmosphäre. In bin sehr gut aufgenommen worden. Natürlich kenne ich noch nicht alle Namen, aber es wird jeden Tag besser – und ich kann besser kommunizieren.

Klappt es mit dem Französisch?

Ich habe selber gestaunt. Die Hemmschwelle ist in den ersten Gesprächen mit Sportchef Bruno Carotti gefallen. Ich verstand ihn auf Anhieb und konnte mich ausdrücken. Selbstverständlich ist die Kommunikation essenziell und vereinfacht alles.

Viele hat überrascht, dass Sie sich für Montpellier entschieden und nicht zur Hertha oder einem anderen Bundesligaklub wechselten. Warum fiel die Wahl auf einen Ligue-1-Verein, der nicht europäisch spielt?

Ausser Montpellier gab mir kein Verein von Anfang an das Gefühl, mich unbedingt verpflichten zu wollen. Bei Hertha war ich nicht erste Wahl. Die Verantwortlichen von Montpellier dagegen gaben sich enorm Mühe. Es ist als Spieler wichtig, dieses Interesse zu spüren. Und zu Europa: Die Mannschaft hatte bei Abbruch der vergangenen Saison einen Punkt Rückstand auf einen Europa-League-Platz. Unser Ziel ist es, in dieser Saison diesen Rang zu erreichen.

Haben Sie eine Stammplatz-Garantie bekommen?

Nein, eine solche Zusicherung für die klare Nummer 1, hat es nie gegeben. Im Fussball wird einem nichts geschenkt. Ich habe zwei junge und ambitionierte Konkurrenten mit Potenzial. Ich muss meine Leistung bringen, um von Anfang an im Tor zu stehen.

Wer war es, der Sie nach Montpellier holte: Präsident Laurent Nicollin, Sportdirektor Bruno Carotti oder Trainer Michael Der Zakarian?

Bereits nach dem ersten Gespräch mit Sportchef Bruno Carotti war ich begeistert. Zwei Wochen später fuhr ich nach Montpellier, wir trafen uns zum Abendessen. Es erschienen gleich alle drei – der Präsident, der Sportchef und der Trainer. Das ist alles andere als selbstverständlich. Die drei kennen sich schon sehr lange. Im Klub herrscht Ruhe und Harmonie, das ist mir extrem wichtig.

Ruhe und Harmonie gibt es bei Ihrem Ex-Klub in Basel schon länger nicht mehr. Wie beobachten Sie die jüngsten Ereignisse aus der Ferne?

Klar bekomme ich es mit, da ich mit einigen Spielern Kontakt habe. Doch als Profi sind Unruhen schwer einzuschätzen, weil man über die Vorkommnisse intern nicht informiert wird. Da fragt man sich, ob die Medien übertreiben oder ob die Dinge tatsächlich so schlimm sind.

Sind Sie froh, nicht mehr in Basel zu sein?

Froh ist das falsche Wort. Unruhige Phasen gehören zum Fussball, es läuft nicht immer rund. Froh bin ich, dass ich den nächsten Schritt machen kann. Doch ich hätte gerne noch ein, zwei Jahre in Basel gespielt. Ich hatte eine enorm coole Zeit beim FCB, allein wenn ich an die grandiose Kulisse denke. Das lässt man nicht einfach so hinter sich.

Wie schade ist es, dass Sie gegen Donezk und im Cup nicht mehr für den FCB spielen durften?

Klar, hätte ich mir das anders vorgestellt. Ich hätte sehr gerne die Saison zu Ende gespielt. Aber durch die verschobenen Spiele und meine Oberschenkelverletzung war das weder national noch international möglich.

War das irgendwie ein unwürdiger Abschied?

Schade war, dass fast keine Zuschauer im Stadion waren. Wichtig war mir, dass ich mich persönlich von allen Spielern verabschieden konnte. Die Leute in Basel waren vorbereitet, denn es wurde viel über meinen Abschied geschrieben. Gerne hätte ich persönlich allen Auf Wiedersehen gesagt und nicht nur per Videobotschaft.

Was nehmen Sie aus Basel nach Montpellier mit?

Ich habe sehr profitiert, extrem viele Spiele absolviert. Als Mensch und Fussballer bin ich gewachsen, habe viel dazugelernt. Ich habe eine breite Brust.

Was haben Sie für Reaktionen auf den Wechsel bekommen?

Sehr positive. Viele ehemalige Profis aus der Schweiz, die in der Ligue 1 spielten, gratulierten mir. Dani Gygax meinte, dass ich mich freuen könne. Auch die Nationalspieler, die 2016 an der EM mit der Schweiz in Montpellier stationiert waren, reagierten sehr angetan.

Frankreich ist das Land des aktuellen Weltmeisters, die Ligue 1 hat weltbekannte Stars wie Neymar und Mbappé von Paris Saint-Germain. Freuen Sie sich darauf?

Die Liga wird von vielen unterschätzt. PSG steht im Finale der Champions League, Lyon schaffte es in den Halbfinale. Ich bin nach Frankreich gekommen, um Fortschritte zu machen, hier spielen andere Kaliber als in der Schweiz. Ich kann mich mit den Grossen des Fussballs messen.

Wie gehen Sie mit den sechs Millionen Euro um, die angeblich für Sie bezahlt wurden?

Den Druck macht man sich selber. Mein Job ist es, den Ball zu halten und sauber an die Vorderleute zu spielen. Die Verantwortlichen haben mit mir den Goalie geholt, den sie wollten. Ich bin überzeugt, dass ich meine Fähigkeiten zeigen kann, sobald ich auf Touren gekommen bin.

Der FC Luzern soll an der erwähnten Transfersumme mit 500'000 Franken partizipieren. Stimmt das?

Ich komme ehrlich gesagt nicht viel mit. Die Ablöse von sechs Millionen Euro steht im Raum. Wer wie viel davon bekommt, weiss ich nicht. Ich mag es allen gönnen, die davon etwas bekommen. (schmunzelt)

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