Fussball
In der Super League wird weitergespielt – und dieser Epidemiologe findet es gut so, auch wenn «etwas schief gelaufen sein muss»

Epidemiologe Marcel Tanner findet es richtig, dass der Ball trotz Corona-Ausbruch weiterrollt. Er nimmt die Vereine aber in die Pflicht.

Dominic Wirth
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Marcel Tanner.

Marcel Tanner.

Juri Junkov

Es sind turbulente Tage für den Schweizer Fussball, er hat zuletzt insgesamt zwölf Coronafälle gemeldet. Doch die Saison soll fortgesetzt werden.

Interessieren Sie sich für Fussball?

Marcel Tanner: Natürlich. Als Nordwestschweizer liegt mir der FC Basel am Herzen. Seine Hochs und Tiefs verfolge ich seit vielen Jahren.

Auf und Ab ging es zuletzt auch für den Schweizer Fussball. In den letzten Tagen infizierten sich sieben Spieler mit dem Coronavirus. Trotzdem rollte der Ball weiter. Handelt die Liga verantwortungsvoll?

Ja, aus epidemiologischer Sicht schon. Denn man hat sofort auf die positiven Fälle reagiert, die Kantonsärzte beigezogen, die Isolation und Quarantäne veranlassten, wo sie das für notwendig befanden. Damit ist es aber nicht getan. Man muss sich die Frage stellen, warum es trotz Schutzkonzepten zu Ansteckungen gekommen ist. Das gilt es zu prüfen. Denn etwas scheint schief gelaufen zu sein.

Beim FC Zürich, dem Verein mit den meisten Coronafällen, bekräftigt man, alle Vorgaben befolgt zu haben.

Es ist für mich unmöglich, das aus der Distanz zu beurteilen, ich war ja nicht dabei. Aber klar ist auch, dass es irgendwo zu einer Panne gekommen sein muss, sonst wäre es nicht zu diesen vielen Ansteckungen gekommen. Diese Panne eruieren können nur jene, die dabei waren. Das Schutzkonzept ist immer das eine, das Einhalten dieses Konzepts und das Verhalten der Menschen das andere.

Fragen wirft auch das Schutzkonzept selbst auf. So hat die Liga in Absprache mit dem Bundesamt für Gesundheit darauf verzichtet, die Spieler regelmässig zu testen – im Gegensatz zu anderen europäischen Ligen von England bis Österreich.

Mit dem Testen alleine ist es auch nicht getan. Ein Test, der heute negativ ist, kann schon morgen positiv sein. Die Grundbedingungen gelten immer: Hygiene- und Abstandsregeln einhalten. Von der Idee der absoluten Sicherheit müssen wir uns sowieso verabschieden, anders geht es in Zeiten einer Pandemie gar nicht. Auch wenn uns das vielleicht nicht gefällt.

Die Bundesliga hat das Privatleben der Spieler viel strenger reguliert und etwa Kontakte zur Öffentlichkeit verboten. In der Schweiz ist man grosszügiger. Braucht es da strengere Regeln?

Wenn die Fussballer sich richtig verhalten, gilt für sie das Gleiche wie für alle anderen: Sie sollen diese Kontakte haben. Es ist in meinen Augen keine Lösung, sich zu verbarrikadieren. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Es wird uns noch lange begleiten. Was man sich aber nicht erlauben darf, ist Sorglosigkeit.

Diese wird in der Bevölkerung seit längerem diagnostiziert. Hat sie auch auf die Fussballer übergegriffen?

Es kommt gar nicht darauf an, ob man Fussballer ist oder nicht: Wenn jemand lange mit Restriktionen leben muss, hat man irgendwann genug davon und man lässt etwas nach. Das ist nichts als menschlich. Wenn man dann merkt, dass man sich das nicht erlauben kann, muss man nachjustieren, sein Verhalten wieder anpassen.

Wir haben es für Sie also eher mit Verhaltens- als mit Konzeptproblemen zu tun.

Ja, wobei man natürlich auch die Konzepte prüfen muss. Und Masken etwa dürfen sicher keine Dekoration sein.

Einzelne Spieler haben sich in den sozialen Medien über die Liga beschwert, die Spielergewerkschaft fordert umfassende Tests, bevor es weitergeht. Verstehen Sie den Ärger?

Ja, den verstehe ich ein Stück weit. In ihrer Position würde ich das vielleicht auch so empfinden. Aber ich habe es vorhin schon gesagt: Ein negativer Test zu einem Zeitpunkt bedeutet noch keine Sicherheit für die Saison. Wir können derzeit einfach nicht so weitermachen wie vorher, so gerne wir das verständlicherweise auch würden. Sondern müssen unser Verhalten anpassen. Das nimmt uns kein Test ab.

Es ist doch verständlich, dass sich mancher Spieler Sorgen um seine Gesundheit macht.

Ja, das ist es. Aber das sind junge, gesunde Leute, sie gehören nicht zur Hochrisikogruppe. Und wenn wir nun die Saison abbrechen, werden sie dem Virus in ihrem Privatleben genauso ausgesetzt sein.

Der Ligabetrieb hing zuletzt an einem seidenen Faden, und schon jetzt steht fest, dass der Wettbewerb verfälscht wurde. Der FC Zürich musste mit einer U21 antreten, die Spiele anderer Clubs wurden kurzfristig verschoben. Macht das so überhaupt noch Sinn?

Ja, natürlich. Klar läuft diese Saison nicht gewöhnlich ab, und klar ist nicht alles fair. Aber es geht doch darum, dass man in diesen besonderen Zeiten Perspektiven schafft und versucht, die Saison ins Ziel zu bringen. Wenn man dafür ein Spiel kurzfristig verschieben muss, dann ist das zwar nicht ideal, aber ein kleineres Übel. Ich glaube nicht, dass man in Zukunft sagen wird, das war katastrophal, eine unfaire Saison. Sondern man wird sagen: Das waren eben die Lösungen, die in Anbetracht der Umstände zur Verfügung standen.

Wagen sie eine Prognose, ob die Saison zu Ende gespielt wird?

Wenn man die letzten Tage als Schuss vor den Bug nimmt, dann ja. Damit meine ich: Allenfalls das Schutzkonzept nachjustieren. Und sich vor allem daran halten.

Bekannter Epidemiologe

Der Basler Epidemiologe Marcel Tanner ist ein namhafter Schweizer Wissenschafter. Derzeit präsidiert er die Akademie der Wissenschaften Schweiz. In der wissenschaftlichen Covid-19- Taskforce des Bundes leitet er die Expertengruppe Public health. Von 1997 bis 2015 war der 67-jährige Tanner Leiter des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts in Basel. (dow)

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