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«Honduras ist besser als Chile»

Der Zürcher Tramführer José Enrique Laitano Fernandez fiebert heute mit der Schweiz. Seine Wohnung hat er zu einem Sportgeschäft umfunktioniert. Dennoch glaubt er nicht, dass Honduras gewinnt.

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«Honduras ist besser als Chile»

«Honduras ist besser als Chile»

Felix Bingesser

Die Stube von Enrique Laitano an der Josefstrasse in Zürich erinnert in diesen Tagen an die Filiale eines Sportgeschäfts. An der Wand hängen die Fahnen von Honduras und von der Schweiz, Fähnchen in Rot-Weiss und in den Farben von Honduras liegen auf der Couch. Und mittendrin steht der Honduraner Enrique Laitano im Dress der Honduraner mit einer Vuvuzela. Er, der in der honduranischen Millionenstadt Tegucigalpa mit seinen sieben Geschwistern aufgewachsen ist, lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. Er arbeitet als Tramführer der Linien 2 und 3 bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich und ist nebenbei Spanischlehrer bei der Erwachsenenbildung in Zürich. «Das ist ein guter Mix. Im Tram muss man hoch konzentriert sein und der Fahrplan bestimmt den Tagesablauf. Als Lehrer kann ich mich individuell entfalten.»

Derzeit aber dominiert bei ihm der Fussball den Alltag. Und am vergangenen Montag sass er gar live im Stadion in Südafrika, als die Schweiz das Spiel gegen Chile mit 0:1 verloren hat. Sein Freund hat bei einem Wettbewerb einer Getränkefirma zwei fünftägige Reisen an die WM gewonnen. «Sonst», sagt Laitano, «hätte ich mir das nie leisten können.» Darum konnte er die Weltmeisterschaft hautnah miterleben. Er wandelte damit auf den Spuren seines Vaters. Denn der war 1982, als sich Honduras zum ersten Mal für eine WM-Endrunde qualifizieren konnte, mit seiner Frau in Spanien und hat die Partien live verfolgt.

Der «Schweizuraner»

Laitano ist so etwas wie ein «Schweizuraner». Die Mischung zweier Nationalitäten und zweier Kulturen. Er, der einst im Rahmen eines kulturellen Austauschprogrammes zu einer Gastfamilie in Luzern kam und dann hier «hängen» blieb. Genauso wie sein Urgrossvater, der aus Kalabrien stammt, vor vielen Jahrzehnten nach Honduras ausgewandert ist. «Ich fühle mich in der Schweiz aufgehoben, sicher und akzeptiert. Das Land ist für mich zu meiner zweiten Familie geworden», sagt Laitano. «Aber», ergänzt er, «man muss sich halt hier mit Fleiss und durch Taten integrieren. Und nicht nur durch Forderungen und grosse Worte.» Laitano hat den «fleissigen» Weg gewählt. Auch wenn es ihm als Latino nicht immer leicht gefallen ist. «Ich habe gerne Schnee und fahre auch ein wenig Ski. Aber die Winter hier sind halt schon verdammt lang», sagt er.

Und dann erzählt er davon, dass seine Heimat Honduras entwicklungsmässig halt noch weit hinterher hinke. «Ich war privilegiert und wusste schon mit fünf Jahren, wer Micky Maus ist. Aber dieses Glück haben in meiner Heimat wenige. Es gibt viel Armut und fünfzig Prozent der Bevölkerung sind nach wie vor Analphabeten.» Das Vorbild für Honduras in Zentralamerika, sagt Laitano, müsse Costa Rica sein. «Dort hat man die Armee schon vor vielen Jahren abgeschafft und das Geld in Schulen und Spitäler investiert. Dort gibt es weniger Korruption und die Lebensqualität ist höher als in Honduras», sagt Laitano.

Die Forderung nach Yakin

Soziale Fragen rücken für ihn heute Abend in den Hintergrund. Er wird wohl im Honduras-Dress und mit einer Schweizer Fahne in der Hand das Spiel anschauen. «Bei Honduras ist die Moral am Boden. Darum gewinnt die Schweiz», sagt Laitano, der Trainer Hitzfeld empfiehlt, auf Hakan Yakin zu setzen. Vom Abschneiden seines Heimatlandes ist er enttäuscht. «Denn Honduras ist besser als Chile. Das hat sie schon bewiesen. Aber in Südafrika hat ihr das Glück gefehlt.» Darum hofft er nun, dass die Schweiz zumindest in den Achtelfinal kommt. In jedem Fall aber geht er nach dem Spiel an die Zürcher Langstrasse und will Feiern. «Aber mit mässig Alkohol. So viel wie hier gewisse Fans trinken, das überrascht mich immer wieder. Das gibt es in Honduras nicht.» Laitano muss es wissen. Denn wenn die Fans über die Stränge schlagen, steigen sie danach zu ihm ins Tram.