Ein bisschen erinnerte es an Naturgewalt. Das bedauernswerte Argentinien wusste nicht mehr, wie ihm geschah, und er, Kylian Mbappé, stürmte einfach weiter, dem Viertel- und, wie man heute weiss, Halbfinal entgegen, unbeirrt, mit langen Beinen und schnell wie der Blitz. Zehn Tage ist es her, als sich im Achtelfinal von Kasan ein nächster Weltmeister aus dem Turnier verabschiedete. Doch war Deutschland zuvor gegen Südkorea vor allem an der eigenen Trägheit gescheitert, so ging das zwischenzeitlich gar in Führung liegende Argentinien alleine gegen diese 19-jährige Fussballrakete zugrunde.

2:2 stand es, als der Stürmer von PSG mit einem Doppelpack das Spiel entschied, was die Kühnen zu Ausrufen wie «Liberté, Égalité, Mbappé» verleitete und die Nüchternen immerhin zur Beobachtung, dass die 10 in der französischen Mannschaft mit der Bedeutung ihrer Rückennummer weitaus besser umgehen konnte als Argentiniens Gegenüber.

Die Last ist verteilt

2014 sprachen in Frankreich viele von Karim Benzema und 2016 an der EM zumindest vor dem Final das ganze Land von «Grizou», vom sechsfachen Turniertorschützen Antoine Griezmann. An der WM in Russland aber scheint die Aufmerksamkeit – und mit ihr auch die Last – gleichmässiger verteilt. Nach Mbappés Gala und einer doch sehr bescheidenen Vorrunde mit zwei knappen Erfolgen gegen Australien und Peru und einem 0:0 gegen Dänemark arbeiteten sich «Les Bleus» im Viertelfinal gegen Uruguay zu einem 2:0. Und wer trat den Freistoss vor Varanes Kopftor und doppelte mit einem Weitschuss nach? Es war Griezmann. «Da waren andere Qualitäten gefragt als noch gegen Argentinien», sagte der 27-Jährige, «und wir haben sie gezeigt.»

Über Jahre hinweg war der meistgegoogelte Antoine in Frankreich der Schriftsteller de Saint-Exupéry, doch mit dem Titel des Torschützenkönigs an der Heim-EM vor zwei Jahren stiess der Wahlspanier Griezmann in neue Sphären der Popularität vor. Frankreichs Team ist jung, ist stürmisch, aber mit seiner Robustheit bestimmt auch schwieriger auszurechnen, als es dem heutigen Gegner und Konterprimus Belgien lieb sein darf. Mbappé und Griezmann stehen für die Mischung aus Tempo und Kalkül, die Frankreich zum vielleicht heissesten Titelanwärter macht.

Vor Belgien nicht verstecken

Wer Argentinien überrennt und dann Uruguay wegarbeitet, muss sich gewiss vor Belgien nicht verstecken. Natürlich haben Frankreichs Nachbarn wiederum mit Brasilien den Turnierfavoriten schlechthin eliminiert, doch zuvor hatten sie mit Panama, Tunesien, Englands B-Elf und Japan das vermutlich einfachere Programm.

Frankreichs Trainer Didier Deschamps jedenfalls sagte schon vor dem Vergleich zwischen Brasilien und Belgien, es sei ihm egal, wer im Halbfinal von St. Petersburg warte. Sein Team wird sich wieder am Gegner orientieren. Deschamps hat vergangenen Freitag bestimmt zugeschaut, wie mit Brasilien der dritte Champion im Weltmeister-Grab von Kasan zugrunde ging, und wird sich auf die belgischen Konter, welche die Partie schon im ersten Durchgang entschieden, etwas einfallen lassen.

10 Sekunden mit Kultstatus

Belgiens Konter kontern, das könnte ein probates Mittel sein. Mit Sprints der Marke Mbappé, mit Läufen wie jenes ikonische Exemplar aus dem Argentinien-Spiel, diese zehn Sekunden, die in Frankreich längst Kultstatus haben und auf denen Mbappé seinen Mitspielern mit jeder Bewegung mitzuteilen schien: «Foul oder Tor – anders wird das hier nicht enden.»

Argentiniens Rojo hatte seinem Namen dann alle Ehre gemacht, sah für seine Notbremse im Strafraum aber nur Gelb. Den fälligen Penalty verwandelte schliesslich, genau: Antoine Griezmann zur Führung für Frankreich.
Griezmann und Mbappé, der kleine Prinz und der lange Blitz, sie werden die Aufmerksamkeit auch gegen Belgien auf sich ziehen.