Porträt des neuen Fifa-Präsidenten

Gianni Infantino: Die Glücksfee will die Fussball-Welt retten

Der Walliser Gianni Infantino erfährt, dass er neuer Fifa-Präsident ist.

Der Walliser Gianni Infantino erfährt, dass er neuer Fifa-Präsident ist.

Der 45-jährige Walliser Gianni Infantino ist neuer Fifa-Präsident. Er steht vor einer gigantischen Herausforderung. Und strahlt dennoch grenzenlose Zuversicht aus. Aber wer ist dieser Gianni Infantino?

Eine Welt ohne Fussball – wie trostlos wäre das? Man müsste sich die Erde als Kugel und nicht als Ball vorstellen. Tatsächlich ist die heile Fussballwelt in ernster Gefahr. Seit Monaten wüten im Himmelreich des Fussballs Blitz und Donner.

CARDS: Fifa-Wahl

Die US-Justiz spielt ihre Rolle als Instanz, welche die Welt messerscharf in Gut und Böse aufzuteilen vermag, wieder einmal perfekt. Sie bringt die Fussballheiligen mit ihren Anklagen in Teufels Küche.

Und nun also ist er gefunden, der Heilsbringer. Ein Nachfolger für den gestürzten Herrscher dieser einen letzten Welt, die uns vor allem und uneingeschränkt glücklich machen soll. Sodass wir wieder jubeln können über Tore und Fallrückzieher, über Dribblings und Traumpässe. Ohne schlechtes Gewissen wegen Menschenrechten. Ohne Hinweise auf Korruption und Vetternwirtschaft. Ohne Verdacht auf Spielmanipulation und Wettbetrug. Ein richtiger Fussballgott eben. Einer, der die Welt rettet, ohne mit dem Teufel zu paktieren.

Infantino verkuppelt die Mächtigen des Fussballs

Infantino ist einer, der die ganze Fussballwelt kennt. Und die wenigsten kannten bisher ihn. Das stimmt nicht ganz. Sein Name mag uns italienisch vorkommen. Sein strahlendes Gesicht mit der markanten Frisur hingegen zeigte uns der Fernsehbildschirm bereits vor diesem historischen Freitag in zuverlässiger Regelmässigkeit.

Gianni Infantino verkuppelte schon immer die Mächtigen des Fussballs. Er sagt uns, ob Bayern gegen Real oder Juve spielt. Der 45-jährige Jurist amtete als Zeremonienmeister und Glücksfee bei der Auslosung der Spiele in der Champions League. Und dies stets mit bezauberndem Charme und ausdrücklicher Souveränität. Wenn die deutsche Zeitung «Tagesspiegel» zu Infantino schreibt, «dem blassen Schweizer fehlt eine eigene Aura», dann fehlt auf der dortigen Redaktion vor allem ein Fernseher.

Vor der Präsidentenwahl durchleuchteten die Weltmedien den Kandidatenkreis kritisch. Auch Infantino kriegte sein Fett weg. Er wird wahlweise als geborener Funktionär, als treuer Parteisoldat und als Apparatschik oder – etwas böser – als Verlegenheitslösung, als Notnagel und als treuer Vasalle von Platini betitelt. «Es weist nichts darauf hin, dass Infantino mit der Blatter-Ära aufräumt», schreibt die «Süddeutsche Zeitung».

Dankesrede von Gianni Infantino

Dankesrede von Gianni Infantino

Gianni Infantino ist am Kongress des Weltfussballverbandes im Zürcher Hallenstadion zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt worden. In seiner Dankesrede erklärt er, in welche Richtung er die FIFA lenken will (Quelle: Fifa).

Mehrere TV-Beiträge zweifelten sogar die Glaubwürdigkeit von Gianni Infantino an. Konkret wird ihm vorgeworfen, nichts dafür getan zu haben, um die Verantwortlichen der Wett- und Korruptionsskandale 2011 beim türkischen Verein Fenerbahçe und 2015 beim griechischen Klub Olympiakos Piräus zur Rechenschaft zu ziehen. Als Grund wird ein Zusammenhang mit den Uefa-Tätigkeiten von Fenerbahçe-Ehrenpräsident Senes Erzik und dem Sohn des Piräus-Vizepräsidenten vermutet. Vetternwirtschaft also. Gianni Infantino sei einer, der zur Vergangenheit gehört.

Die Wahl entschieden haben diese «Enthüllungen» nicht. Infantino kann keine fehlbare Handlung nachgewiesen werden. Die Mutmassung von Fifa-Kenner Mark Pieth, «natürlich hat auch Infantino irgendwelche Leichen im Keller» zielt ins Leere. Die Fachzeitschrift «Sport-Bild» stellt treffend fest: «Seine staubtrockene Vita weist nicht das kleinste Skandälchen auf.» Man hält Infantino zugute, dass er sich auch kritischen Fragen stellt. Zu seiner Person titelt ein Medium: «Ein Buch mit sieben Siegeln.»

Privates Privatleben

Tatsächlich versteht es Gianni Infantino, sein Privatleben privat zu halten. Er ist als Sohn von italienischen Einwanderern am 23. März 1970 in Brig geboren und zusammen mit zwei deutlich älteren Schwestern aufgewachsen. Seine Mutter war Kioskfrau, sein Vater Gleisarbeiter bei der SBB. Heute wohnt Infantino mit seiner libanesischen Frau und den vier Töchtern in Nyon.

Er hat schon als kleiner Knirps für den Sport gelebt, als mässig talentierter Spieler bei den Junioren des FC Brig-Glis gekickt, danach als 18-Jähriger eine eigene Mannschaft aus italienischen Einwandern gegründe. Der FC Folgore wurde zur dritten Mannschaft des FC Brig-Glis. Nach dem Jura-Studium an der Uni Fribourg verschrieb sich Infantino beruflich voll und ganz dem Fussball.

Das Arbeiterkind aus dem Wallis war zuerst Generalsekretär des Internationalen Zentrums für Sportstudien (CIES), welches gemeinsam von der Fifa und der Universität Neuenburg ins Leben gerufen wurde.

Im Jahr 2000 stiess Infantino, der fliessend deutsch, italienisch, französisch, englisch, spanisch und arabisch spricht, zur Uefa. Der ehrgeizige Italo-Schweizer arbeitete sich schnell hoch und wurde im Januar 2004 zum Direktor der Division Rechtsdienst und Klublizenzierung ernannt.

Seit Oktober 2009 ist er Generalsekretär der Uefa. Im Sommer 2015 berief ihn die Fifa ins Reformkomitee. Präsidentschaftskandidat wurde er primär dadurch, dass sein «Chef», Uefa-Präsident Michel Platini, wegen seiner Sperre durch die Fifa-Ethikkommission nicht antreten durfte. «Ich bin eine verantwortungsvolle Person und wollte nicht zuschauen, wie alles kaputt geht», begründet Infantino seine Kandidatur.

Zu Platini soll der Walliser eine sehr enge Beziehung pflegen. So sei der in Ungnade gefallene Uefa-Präsident sogar Pate eines Kindes von Infantino. Aus der Nähe zu Platini dürfe man ihm aber keinen Strick drehen, fordert der deutsche Verbandsboss Rainhard Rauball. Infantino sei integer, verlässlich und kenne den Fussball genau. Er sei absolut unbestechlich.

«Es wäre ungerecht, ihn nur deshalb abzulehnen, weil Michel Platini in den vergangenen Jahren sein Chef war», sagte Rauball in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Die Nähe zu Platini macht Infantino für viele automatisch zu einem Gegenspieler von Sepp Blatter. Er will diesem Bild nicht gerecht werden. «Ich habe Respekt vor dem, was Sepp Blatter in seinen 40 Jahren bei der Fifa für die Entwicklung des Fussballs auf der ganzen Welt geleistet hat», zollt er dem gestürzten Präsidenten Respekt.

Infantinos Versprechungen

Auf dem Weg zum Fussballgott präsentierte sich Infantino in erster Linie als Weihnachtsmann. Er hetzte im Businessjet der Uefa, eingedeckt mit einem Reisebudget von 500 000 Euro, in die Welt hinaus und versuchte, die Fifa-Delegierten mit einem gigantischen Reiseaufwand zu Wahlhelfern zu komplementieren. Letztlich mit überwältigendem Erfolg.

Wie in Wahlkämpfen üblich, machte er dies mit Versprechungen: Eine WM mit 40 anstatt 32 Teams, mehr Nicht-Europäer in der Führungsetage, die Hälfte der Fifa-Einnahmen von jährlich 5  Milliarden Euro für die weltweite Entwicklung des Fussballs – damit schafft man rund um den Globus Begeisterung.

Die Reise-Kadenz war beeindruckend: Afrika,Karibik, Moskau, London, Teheran, Miami, Belgrad, Kuala Lumpur und zuletzt, am Montag vor der Wahl, Südafrika. Im Verliess von Nelson Mandela endete Gianni Infantinos Wahlkampf. Irgendwie logisch, denn im Gefängnis endete zuletzt auch die Reise mancher Fifa-Funktionäre.

Vorgeworfen wurde Infantino, dass seine Wahlversprechen an das Vorgehen von Sepp Blatter erinnere. Dass auch bei ihm nur die Politik des Geldes zähle. Dass er sich seine Machtbasis erkaufe. Er widerspricht und fragt: «Was soll die Fifa denn mit dem eingenommenen Geld machen? Etwa Funktionären hohe Saläre bezahlen?»

Das Ziel der Fifa müsse die weltweite Entwicklung des Fussballs sein. Inhaltlich lehnt sich Infantinos Manifest stark an das ohnehin vorgesehene Reformpaket (Transparenz, Entflechtung der Macht, Frauenquote) und an Uefa-erprobte Massnahmen (grösseres WM-Teilnehmerfeld, Turnier in mehreren Ländern, transparentes Transfersystem) an. «Mutlos», schreibt eine Zeitung dazu.

Infantino entgegnet: «Ich will nicht mit Worten brillieren, sondern mit Taten.» Ein Bekenntnis zur Umsetzung von Empfehlungen von Human Rights Watch wollte er vor der Wahl nicht unterschreiben. Er verspricht aber ein Treffen mit der Menschenrechts-Organisation noch im ersten Monat seiner Amtszeit.

Um sich über Menschenrechtsverletzungen beim Bau der WM-Stadien in Katar und um Kinderarbeit bei der Produktion von Fussbällen auszutauschen. Es könnte ein erster Test werden. Ein Test, ob Gianni Infantino tatsächlich ein Kandidat des alten Systems ist. Oder ein wahrer Fussballgott.

 Dieser Artikel erschien in anderer Form in der letzten Ausgabe der «Schweiz am Sonntag».

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