WM-Serie
Garrincha, das Vögelchen: Ein Leben zwischen Genie, Wahnsinn und Alkohol

Eigentlich war es ein Wunder, dass Garrincha überhaupt Fussball spielen konnte. Seine Wirbelsäule war deformiert, das linke Bein sechs Zentimeter kürzer als das rechte. Trotzdem: Der Brasilianer wurde Torschützenkönig der WM 1962 in Chile.

Janine Müller
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Kleines Wunder: Garrincha.

Kleines Wunder: Garrincha.

HO

Das linke Bein ein O-Bein, das rechte ein X-Bein. Garrincha galt als behindert, wurde operiert. Ein Arzt riet dem Knaben, Fussball zu spielen. Selbst der Arzt wäre damals wohl kaum auf die Idee gekommen, dass sein Patient an der WM 1962 in Chile zum Torschützenkönig erkoren und zweimal mit Brasilien Weltmeister wird.

WM Serie

«Die Nordwestschweiz» stellt in einer WM-Serie je eine spezielle Geschichte der bisherigen Weltmeisterschaften vor.

Heute die WM 1962 in Chile.
Weltmeister: Brasilien

Garrincha nahm den Rat seines Arztes ernst, seine Beine wurden dank des Fussballspielens kräftiger. Im Alter von 14 Jahren trat er einem Fussballklub bei, erhielt nach einem einzigen Probetraining einen Profivertrag bei Botafogo. Seine leichtfüssigen Dribblings überzeugten die Klubverantwortlichen. Die Dribblings waren es, die ihm den Übernamen «Garrincha», kleines Vögelchen, verschafften.

Für Aufsehen sorgte der Stürmer bereits an der WM 1958 in Schweden. Zum Volkshelden wurde er aber 1962, als er zum Torschützenkönig gewählt wurde. Gewählt, weil sechs Spieler je vier Tore erzielt hatten und Garrincha per Los gezogen wurde. Völlig verdient, denn Garrincha spielte seine Gegner schwindlig. 1962 stahl er sogar dem grossen Pelé die Show, denn dieser schied schon früh verletzt aus dem Turnier aus.

Garrincha war eine Attraktion. Sein Klub Botafogo setzte ihn bei jedem Spiel ein, nahm keine Rücksicht auf den gesundheitlichen Zustand. Denn die Menschen bezahlten Eintritt, nur um Garrincha Fussball spielen zu sehen. Die Folge: Dessen Körper litt enorm. Ständig wurde er mit Medikamenten fit gespritzt, Operationen wurden verschoben. An der WM 1966 war er längst nicht mehr der Spieler, den er mal war. Seine Karriere war zu Ende.

Und auch sein Leben sollte nicht mehr lange dauern. Garrincha hatte zwar kein Problem, gegnerische Abwehrketten auszudribbeln, aber sein Alkoholproblem konnte er ein Leben lang nicht abschütteln. Garrinchas Biografen schreiben gar, dass er bereits als Zehnjähriger alkoholabhängig war. Selbst als Profispieler entsagte er dem Alkohol nicht.

«Garrincha war ein hochsensibler Mensch, hinter dem ein genialer Ballkünstler steckte, dessen Bezwinger der Alkohol war», heisst es in seiner Biografie. Nach dem Ende seiner Karriere arbeitete er in den Favelas von Rio. Versuchte, Jugendliche für den Fussball zu begeistern.

Doch er endete als Sozialfall, war nicht mehr fähig, den Unterhalt für seine 14 (!) Kinder zu zahlen. Noch nicht ganz 50-jährig starb er 1983 an einer Leberzirrhose.