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FCB-Innenverteidiger Eray Cömert: «Meine Sommerferien buche ich vorerst mal nicht»

"Familiär feiern wir Weihnachten nicht, aber Geschenke gab es trotzdem immer", erzählt Eray Cömert am Basler Weihnachtsmarkt.

"Familiär feiern wir Weihnachten nicht, aber Geschenke gab es trotzdem immer", erzählt Eray Cömert am Basler Weihnachtsmarkt.

Die bz trifft vor den Partien der Europa League jeweils einen FCB-Spieler in einer speziellen Umgebung. Heute: Mit Eray Cömert am Weihnachtsmarkt. Der Innenverteidiger spricht über Traditionen im Hause Cömert, sein Nati-Debüt und erklärt, wieso er noch nie Ski gefahren ist.

Eray Cömert, wir befinden uns am traditionellen Basler Weihnachtsmarkt. Feiern Sie eigentlich Weihnachten?

Eray Cömert: Familiär feiern wir es eigentlich nicht, nein. Das ist in der Türkei allgemein so, dass Weihnachten nicht gefeiert wird. Aber ich persönlich finde es dennoch toll, die Atmosphäre und dieses Gefühl, das überall herrscht. Die Leute sind irgendwie besser drauf, überall hat es Lichter, das gibt ein ganz spezielles Feeling. Daher mag ich die Adventszeit und komme auch gerne an den Weihnachtsmarkt.

Wie war es denn für Sie als Kind, wenn viele Ihrer Mitschüler Weihnachten feierten und Geschenke kriegten und Sie nicht?

Wir haben als Kinder trotzdem Geschenke gekriegt. Und auch wenn wir es nicht so gefeiert haben wie andere, gab es bei uns früher auch einen Weihnachtsbaum und alles Drumherum, weil dieses Feeling hier bei uns so extrem präsent ist im Dezember.

Können Sie sich noch an Ihr schönstes Geschenk erinnern, dass Sie je zu Weihnachten gekriegt haben?

Ich glaube, das tollste Geschenk war ein Schlitten. Da war ich aber noch ziemlich klein.

Schlitteln ist eine Schneesportaktivität, Ski fahren oder Snowboarden sind andere. Aktuell dürfen Sie wohl keine davon ausüben, aber wenn sie dürften: Bevorzugen Sie Ski oder Snowboard?

Ob das im Vertrag steht oder nicht, spielt keine Rolle: Als Profi bin ich selber schlau genug, um zu wissen, was man machen darf und was man lieber sein lassen sollte. Ich bin aber tatsächlich noch nie in meinem Leben Ski gefahren.

Noch nie?

Nein. Ich war auch noch nie im Urlaub in den Bergen. Wirklich noch nie. Und in der Schule hatten wir nie obligatorische Skilager, das war immer freiwillig. Ich möchte es jetzt aber auch nicht ausprobieren, erst nach der Karriere. Wenn denn (lacht)!

"Mein schönstes Geschenk war ein Schlitten", gibt Eray Cömert preis.

"Mein schönstes Geschenk war ein Schlitten", gibt Eray Cömert preis.

Wieso sind Sie damals nicht mit in die Skilager?

Es ging kaum je einer aus meiner Klasse mit, immer nur zwei, drei Schüler. Wären alle gegangen, wäre es etwas Anderes gewesen. So aber hatte ich keinen Ansporn. Mittlerweile reizt es mich aber, vor allem die Atmosphäre in den Bergen. Als ich zum Beispiel mit dem FCB im Trainingslager in Crans-Montana war, hat mich das Berg-Panorama schon beeindruckt. Das will ich wiedermal erleben.

Kommen wir zurück zu Weihnachten. Sie kriegten als Kind Geschenke. Wie sieht es heute aus?

Heute ist es eher umgekehrt. Wenn, dann schenke ich meiner Mutter oder meinem Vater etwas. Und wenn, dann eher zu Silvester als zu Weihnachten, weil man bei uns eher den Jahreswechsel feiert. Auch die Tannenbäume stellt man in der Türkei eher zu Neujahr auf.

Haben Sie denn die Geschenke für dieses Jahr schon?

Nein, noch nicht, das kommt immer eher alles sehr spontan (lacht).

Welche Traditionen werden im Hause Cömert denn sonst noch so gefeiert?

Neben Silvester sicher das Bajram-Fest. Es gibt es verschiedene Arten, es zu feiern. Meine Familie ist nicht streng gläubig, so dass im Vergleich zu eher strenger Gläubigen nicht immer die ganze Familie zusammen kommt und isst. Bei uns wird es eher nach dem Motto gelebt: Wenn alle können, dann ist es super und wir machen es, aber es gibt keinen Zwang.

Wie sehr nach türkischen Traditionen sind Sie sonst erzogen worden?

Klar, da gab es die Muttersprache, die Türkisch war sowie natürlich türkisches Essen. Aber ich bin generell nicht sehr türkisch erzogen worden. Ich weiss, woher meine Wurzeln kommen, darauf bin ich auch sehr stolz. Aber ich weiss auch, dass ich in der Schweiz enorm viel bekommen habe.

Das Thema Ihrer Herkunft und die Gegenüberstellung der Schweiz und der Türkei waren gerade in diesem Jahr bei Ihnen sehr präsent. Sie befanden sich im Prozess, Nationalspieler zu werden und mussten sich für eines Ihrer Vaterländer entscheiden. Wie sehr nerven diese Fragen nach Ihrer Herkunft langsam?

In diesem letzten Halbjahr ist es extremer geworden, das ist so, ja. Und klar, wenn du immer das Gleiche erzählen musst, nervt es mit der Zeit ein wenig, ja. Aber jetzt hat es sich ja geklärt und ich denke, diese Fragen werden auch nicht mehr kommen.

Sie haben stets betont, dass die Schweizer A-Nati immer Ihr Ziel war. Wieso war das für Sie so klar?

Ich habe seit der U15 immer für die Schweiz gespielt, in jeder Alterskategorie, und darum war die Schweizer A-Nati auch immer klar das Ziel. Ich bin hier geboren, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Fast meine ganze Familie und alle meine Freunde sind hier. Ich habe von der Schweiz sehr viel bekommen und bin sehr glücklich, dass ich hier wohnen kann. So kann ich sicher etwas zurückgeben. Klar, zwischendurch gab es die Überlegung, für die Türkei zu spielen, aber ich denke, das ist etwas ganz Normales. Jetzt bin ich einfach froh und stolz, dass ich für die Schweiz mein Debüt habe geben können.

Es gab auch Spieler wie Ivan Rakitic beispielsweise, die bis zur U21 für die Schweiz spielten und sich dann für die A-Nati des anderen Heimatlandes entschieden.

So etwas hatte ich nie im Kopf. Hätte ich für die Türkei spielen wollen, dann hätte ich das auch vorher schon getan. Die Türkei kam schon früher auf mich zu, bot mir einen Platz in der U21 an, aber ich habe nie einen Grund gesehen, dort zu spielen.

Jetzt haben Sie Ihren Traum verwirklicht und dürfen sich Nationalspieler der Schweiz nennen. Lassen Sie uns etwas daran teilhaben, wie Sie diesen Moment des Debüts gegen Gibraltar erlebt haben.

Ich war ja bereits zuvor zwei Mal für die A-Nati aufgeboten worden und schon das hat mich extrem stolz gemacht. Das alleine ist ein sehr grosser Schritt und ein Zeichen, dass man in Zukunft auf mich setzen könnte. Und ehrlich gesagt: ich hatte die Hoffnung, gegen Gibraltar sogar in der Startelf zu stehen und so mein Debüt zu feiern. Aber es ist alles völlig ok, wie es gekommen ist.

Eray Cömert (Rückennummer 14) wird nach seinem Nati-Debüt von Nati-Coach Vladimir Petkovic geherzt.

Eray Cömert (Rückennummer 14) wird nach seinem Nati-Debüt von Nati-Coach Vladimir Petkovic geherzt.

Sie sassen schliesslich zu Beginn auf der Bank und wurden dann in der 65. Minute eingewechselt.

Ich hatte bereits die Vermutung, dass ich in diesem Spiel zu meinem Debüt kommen würde. Vladimir Petkovic hatte mir im Vornherein aber nichts gesagt. Als es dann nach der Halbzeit bald einmal 3:0 stand und ich einer der Ersten war, der zum Aufwärmen durfte, wusste ich: Okay, heute ist der Tag, an dem ich meine Chance bekommen werde. Dass es dann passierte, macht mich enorm stolz.

Waren Sie nervös?

Nervös nicht, nein, aber ein bisschen angespannt. Ganz minim. Hätten wir gegen einen namhafteren Gegner gespielt, wäre die Anspannung vielleicht noch ein wenig grösser gewesen.

Ist es ein anderes Erlebnis, erstmals in der Nationalmannschaft spielen zu dürfen als sein erstes Spiel überhaupt auf Profi-Ebene absolvieren zu dürfen?

Ich glaube schon, dass es etwas anders ist. Als ich beim FCB mein Debüt gegeben habe, war es für mich wie eine neue Welt, in die ich hinein kam. Die Super League war etwas ganz Grosses, ich kannte damals erst die Promotion League mit der U21. Das Niveau war dann entsprechend höher. Daher war das Gefühl damals schon ein anderes, weil man jetzt das Niveau ja kennt.

Begreift man auf dem Platz eigentlich, welchen Meilenstein man da erreicht?

Ehrlichgesagt habe ich es erst nach dem Spiel realisiert. Als ich rein kam, war es, als würde ich für den FCB spielen. Die Einstellung war dieselbe. Die ändert sich nichts, nur, weil es in diesem Fall die A-Nati war. Aber nach dem Spiel wurde mir das richtig bewusst, was ich da gerade erleben durfte.

Was haben Sie mit dem Debüt-Trikot gemacht?

Das habe ich bei mir zu Hause aufgehängt.

Sie sind aber weiterhin auch noch der Captain der U21-Nationalmannschaft, die auf die Teilnahme an der EM 2021 hinarbeitet. Werden Sie dort mit dabei sein, wenn die Qualifikation gelingen sollte?

Ich wäre da sehr gerne mit dabei. Das ist eine riesige Erfahrung, an einer U-EM teilnehmen zu können. Natürlich hoffe ich diesbezüglich auch darauf, dass ich nächsten Sommer zuerst mit der A-Nati dabei sein kann.

Wie sehen Sie denn eigentlich Ihre Rolle in der A-Nati? So, dass Sie eher keine Sommerferien buchen sollten?

Ich träume vom kommenden Sommer und einem EM-Aufgebot, klar. Das ist mein grosses Ziel, auf das ich auch in der Rückrunde hin arbeiten möchte. Wir sind europäisch noch dabei mit dem FCB, und wenn man europäisch spielt, ist es sicher immer ein gutes Zeichen. Es gibt einem ein gutes Gefühl, das man mitnehmen kann. Und meine Sommerferien, ja, die buche ich vorerst mal nicht (lacht).  

Eine Teilnahme wäre gerade für Sie doppelt speziell, da die Losfee Ihre beiden Heimatländer in eine Gruppe loste.

Wir haben in der Familie spekuliert und uns vorgestellt, wie es wäre, wenn die Schweiz und die Türkei in der gleichen Gruppe landen würden. Und dann passiert es tatsächlich. Wir hatten das Gefühl, als ob es hat sein müssen. Ich habe gleich meinen Bruder und meine Cousins angerufen, um mich mit ihnen auszutauschen. Und wenn ich dabei sein dürfte, wäre das sicher ein speziell schönes Gefühl.

Waren Sie als Kind denn auch Türkei-Fan?

Ich fieberte mit der Schweiz und mit der Türkei mit. Aber ich denke, das ist ganz normal wenn man zwei Heimatländer hat.

Eray Cömert im Gespräch am Weihnachtsmarkt.

Eray Cömert im Gespräch am Weihnachtsmarkt.

Haben Sie sich das legendäre Barrage-Spiel der Schweiz gegen die Türkei 2005, bei dem vor allem die Ausschreitungen in Erinnerungen geblieben sind, angeschaut?

Das Spiel habe ich mir angeschaut, aber ich war damals schon noch ziemlich jung, sodass ich den ganzen Rest gar nicht wirklich mitbekommen habe. Und es hat mich auch nicht wirklich interessiert. Es ging mir hauptsächlich um das Spiel.

Sie haben in diesem Jahr auch erstmals in der Türkei ein Spiel absolviert, das Hinspiel gegen Trabzonspor. Wie war das für Sie?

Das war schon auch etwas Besonderes. Ich wollte auch immer schon ein Spiel in der Türkei schauen, irgendein Derby, habe es aber bislang noch an kein einziges Spiel geschafft. Die Atmosphären in den Stadien, beispielsweise in Istanbul, müssen einmalig sein. Aber die Trabzon-Fans sind dafür bekannt, extrem zu ihrem Verein zu halten. Das hat man dann ja auch gespürt. Das einmal zu erleben, in der Türkei, vor so einer Kulisse, das war speziell. Ich musste nach dem Spiel auch noch zwei, drei Interviews auf Türkisch geben, das war für mich auch eine Premiere und daher etwas ungewohnt (lacht).

Am Donnerstag steht das Rückspiel an, damit der Abschluss der Gruppenphase der Europa League und die Möglichkeit, sich den ersten Platz zu sichern. Wie wichtig ist dieser Gruppensieg?

Wir gehen in jedes Spiel mit dem Ziel, es zu gewinnen. Dies, ob wir in der Gruppe nun Erster oder Zweiter werden können. Klar ist der Gruppensieg unser Ziel und eine Extra-Motivation. Es liegt auch immer noch alles in unserer Hand.

Weiter ist man ja definitiv. Haben Sie einen Wunschgegner für die Sechzehntelfinals?

Einen Wunschgegner zu nennen ist schwer, weil vieles ja noch nicht fest steht. Aber ich wünsche mir einen Gegner, der attraktiv ist, einen guten Fussball spielt und die Leute anzieht, gegen den wir aber gleichzeitig weiter kommen können. Eindhoven war ein perfektes Beispiel dafür. Ich würde gerne gegen ein Team spielen, dass wir noch nicht hatten.

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