Fussball
Färöer: Die Insel der ungeschorenen Hippie-Schafe

Dank dem Fussball wissen wir, dass es die Färöer-Inseln gibt. Es ist eine Reise ans freundliche Ende der Welt.

Klaus Zaugg
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Die auffallendsten Bewohner der Färöer-Inseln sind nicht die freundlichen, eigenwilligen Menschen, sondern die Schafe.

Die auffallendsten Bewohner der Färöer-Inseln sind nicht die freundlichen, eigenwilligen Menschen, sondern die Schafe.

Fussballinseln also. Als Feriendestination sind die Färöer hingegen nahezu unbekannt. Was eigentlich erstaunlich ist. Schliesslich war es einst das Privileg der Reichen, der Sommerhitze in kühlere Gefilde zu entfliehen.

Von Kopenhagen aus sind es noch zwei Flugstunden Richtung Nordwesten. Nur die «Atlanic Airways» fliegt von Kopenhagen aus dieses wunderliche Inselreich an. Der Flughafen Vagar in der Nähe von Torshavn zählt weniger Flugbewegungen als Belp. Die Güter werden in erster Linie mit Schiffen zu den Inseln transportiert und im Hafen von Torshavn abgeladen. Im Dezember übrigens auch eine Schiffsladung Tannenbäume. Auf den praktisch baumlosen Inseln mag niemand auf den Weihnachtsbaum verzichten. Zwischen den 18 Inseln (17 sind bewohnt) verkehren die Fährschiffe. Günstig und schneller sind die subventionierten Helikopterverbindungen.

Die Konzentration auf den Schiffstransport hat seinen Grund. Der Anflug ist wegen schräg einfallender Winde und der kurzen Landebahn so heikel, dass nur speziell ausgebildete Piloten hier landen sollten. Die französische Fussball-Nationalmannschaft pflegt mit einem eigenen Jet zu reisen. Man hatte bei einem Gastspiel den Franzosen angeboten, einen Piloten der heimischen Fluggesellschaft zur Verfügung zu stellen. Die Hilfe wurde hochmütig abgelehnt und beim Anflug wäre es um ein Haar zu einer Katastrophe gekommen. Das Flugzeug kam Zentimeter vor dem Ende der Piste, dort, wo es steil runtergeht, doch noch zum Stillstand.

Eine Welt ohne Zeit und Eile

Ein Besucher aus der Schweiz fühlt sich in der Hauptstadt, im beschaulichen Torshavn, sofort heimisch. Sofern er nicht gerade aus Gross-Zürich kommt. Torshavn ist ein wenig wie Olten mit Meer statt Aare und ohne Eisenbahn und Altstadt. Oder wie Langenthal mit Meer und weniger Verkehr. Rund 13 000 Menschen leben in der grössten Stadt des Inselreiches. Viele Einheimische empfinden bereits die Beschaulichkeit dieser Metropole als Hektik.

Ein Ausflug auf die Färöer ist eine Reise ans freundliche Ende der Welt. Auf Inseln mit Landschaften, die ein wenig an Tolkiens «Mittelerde» (Herr der Ringe) mahnen. Vielleicht war die Welt ja am Anfang so. Ohne Zeit. Ohne Eile. Ohne Kriminalität. Hier schliesst niemand sein Haus oder sein Auto ab. Mit richtigem Wetter. Der Golfstrom sorgt dafür, dass es nie richtig kalt wird. Nirgendwo ist es im Winter so hoch im Norden so mild. Dank der Lage so weit «oben» wird es auch nie richtig heiss. Im Hochsommer ist es in der Regel
10 Grad. Das Wetter bietet täglich alles. Regen, Wind, Sonne und Nebel. Die Nächte sind hell, tiefe, finstere Dunkelheit gibt es im Sommer nicht – im Winter hingegen schon.

Die auffallendsten Bewohner sind nicht die freundlichen, eigenwilligen Menschen. Sondern die Schafe. Wer sie genau betrachtet, versteht, wie die Färöer funktionieren. In Torshavn sieht man sie allerdings nicht. Man muss schon ein wenig aufs Land fahren. Rund 80 000 Schafe für etwa 50 000 Menschen. Schafsinseln werden die Färöer daher auch genannt. Überall auf den baumlosen, grünen Hügeln weiden einzelne Schafe. Nicht Herden. Geschoren werden sie nie. Es lohnt sich nicht. Das Fell ist deshalb lang und zottelig. Wenn sie freundlich den Besucher beäugen, mahnen ihre Frisuren irgendwie an Hippies auf alten Fotografien aus den 1970er-Jahren. Diese Hippie-Schafe offenbaren uns die Lebensphilosophie. Gehalten werden die Tiere nämlich nicht zur kapitalistischen Ausbeutung. Zum allergrössten Teil nur als Hobby und zum Eigenbedarf für Schaffleisch, das gerne im Winter bei feuchtfröhlichen Partys verzehrt wird. Es ist eine «Hobby-Schafwirtschaft», um nebenbei an die staatlichen Schafs-Subventionen heranzukommen.

Feiern? Ja, aber zu Hause

Richtiges Business mit allen Begleiterscheinungen wie Stress bis hin zum Burnout macht hier sowieso niemand. Eile, Stress und unfreundliches Hasten sind weitgehend unbekannt. Jobs gibt es in der staatlichen Administration, im Bildungswesen, dazu gibt es ein paar Arbeitsplätze in der Ölsuch-Industrie, im Transportgeschäft und in der Fischerei. Auch die Fischerei ist weitgehend stressfrei. In den Buchten wird in riesigen Netzen Lachs gemästet. Es soll der beste Lachs der Welt sein.

Wer gut essen will, muss selber kochen. Die Restaurants auf den Inseln lassen sich an einer Hand abzählen. Richtige Wirtshäuser, wie wir sie kennen, gibt es eigentlich nur in Torshavn. Was keineswegs ein Zeichen fehlenden Soziallebens oder Geselligkeit ist. Gefeiert wird viel und getrunken auch. Aber nicht in der «Beiz». Sondern bei gegenseitigen Einladungen zu Hause. Es gibt auch eine ganz eigene Volksmusik mit schwermütigen, melancholischen Liedern.

Die Färöer-Inseln geniessen innerhalb des Dänischen Königreiches Autonomie (aber keine vollständige), haben deshalb ihren eigenen Fussball-Verband und ihre Nationalmannschaft, und Fussball ist ein wichtiger Teil der Identität. Sie sind, anders als Dänemark, nicht in der EU. Die Demokratie ist direkt wie bei uns und die EU wird, so ist hier zu erfahren, als Hort der Kontrolle und Korruption abgelehnt. Die Unterschiede zwischen den Färingern und den Eidgenossen sind eigentlich gar nicht soooo gross.