Färöer-Inseln
Eine Penalty-Sonderregel und ein blutiges Hobby: Auf den Spuren der Kicker der Färöer-Inseln

Vollprofis gibt es keine, Sonnenschein im Winter auch kaum. Dafür kann es auf den Färöer-Inseln ganz schön windig werden. Deshalb drängte der Färinger Fussballverband bei der Fifa auf eine Sonderregel bei ruhenden Bällen. Dies nur eine von vielen Kuriositäten, die aus dem nächsten Gegner der Schweiz in der WM-Qualifikation mehr machen als nur einen blassen Fussballzwerg.

Sebastian Wendel
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Die Färöer-Inseln sind immer wieder für Überraschungen gut.

Die Färöer-Inseln sind immer wieder für Überraschungen gut.

Keystone

Angenommen, im Spiel zwischen der Schweiz und den Färöer-Inseln am nächsten Sonntag kommt es zum Penalty für die Gäste. Angenommen, in diesem Moment weht eine starke Windböe über den Rasen der Swissporarena in Luzern. Möglich, dass in diesem Fall ein Färinger reflexartig zum Penaltypunkt eilt und den Ball mit der Hand festhält, damit dieser nicht weggeblasen wird.

Das Tórsvøllur-Stadion: Hier trägt die färöische Fußballnationalmannschaft ihre Spiele aus.

Das Tórsvøllur-Stadion: Hier trägt die färöische Fußballnationalmannschaft ihre Spiele aus.

Eileen Sandá

Schräg? Ja! Aber nicht undenkbar! Denn auf den Färöern gelten etwas andere Fussballgesetze: Über die Inselgruppe fegt ständig ein fieser Wind. Bläst dieser gerade besonders heftig, werden Freistösse, Eckbälle oder Penaltys zum Ding der Unmöglichkeit. Auf Drängen des Färinger Fussballverbands hat die Fifa eine Sonderregel eingeführt: Im Fall von besonders starken Windböen darf beim Penalty ein Mitspieler des Schützen neben dem Ball knien und ihn so lange mit der Hand festhalten, bis der Kollege schiesst.

Es ist dies nur eine von vielen Kuriositäten, die aus dem nächsten Gegner der Schweiz in der WM-Qualifikation mehr machen als nur einen blassen Fussballzwerg. Die Färöer-Inseln sind Europameister-Besieger, das Nationalteam mit dem ältesten Goalieduo aller Zeiten, der berühmtesten Pudelmütze der Fussballgeschichte und dem makabersten Hobbys für Berufsfussballer.

Auch wenn es hier nicht so aussieht, aber auf den Färöer-Inseln wird es nur selten unter null Grad kalt – dem Golfstrom sei Dank.

Auch wenn es hier nicht so aussieht, aber auf den Färöer-Inseln wird es nur selten unter null Grad kalt – dem Golfstrom sei Dank.

Vincent van Zeijst

Der Reihe nach. Die 18 Inseln zwischen Island und Grossbritannien wurden im Mittelalter entdeckt, die ersten Bewohner waren irische Mönche. Die Färöer-Inseln sind autonom, gehören aber wie Grönland zum Königreich Dänemark, offizielle Währung ist die dänische Krone. Bis ins 19. Jahrhundert lebten die Menschen von der Schafszucht und von Wollprodukten, seither sind die Fischerei und der Tourismus die zentralen Einnahmequellen – der Grund für die Verzehnfachung der Einwohnerzahl innerhalb der vergangenen 200 Jahre, heute leben knapp 50 000 Menschen auf einer der 18 Inseln (17 davon besiedelt). Im Schnitt wird es
6,5 Grad «warm», Sonnenstunden gibt es maximal vier pro Tag. Trotzdem sind Temperaturen unter dem Gefrierpunkt eine absolute Rarität – der Golfstrom sorgt für ein in diesen Gefilden speziell mildes Klima.

Traumstart gegen Österreich

Zum Fussball: Dieser geniesst auf den «Schafsinseln» (deutsch für Färöer) eine überraschend lange Tradition, ist von jeher die Sportart Nummer 1, jeder zehnte (!) Färinger spielt aktiv Fussball: 1892 wird mit dem TB Tvoroyiri der erste Verein gegründet, die erste Meisterschaft findet 1942 statt. Ein Jahr später ist die Liga mit zwölf Teams so gross wie nie mehr seither. Aktuell kämpfen zehn Mannschaften von März bis Oktober an 27 Spieltagen um den Titel, Rekordmeister ist mit 22 Titeln der HB Thorshavn aus der gleichnamigen Hauptstadt. Anders als hierzulande herrscht Abwechslung an der Tabellenspitze: In den letzten zehn Jahren gewannen fünf verschiedene Vereine den Meistertitel, zuletzt Vikingur Gota. Vollprofis gibt es keine, mindestens 50 Prozent arbeitet jeder Spieler der höchsten Liga neben dem Fussball. Entsprechend klein die Erfolge im Europacup: Die Qualifikation von Vikingur Gota für die dritte Runde der Europa-League-Qualifikation 2014 war bislang das höchste der Gefühle.

Für die Ausrufezeichen ist die Nationalmannschaft besorgt. Seit 1988 sind die Färöer Fifa-Mitglied, das erste Länderspiel fand gegen Island statt (0:1). Nach der Aufnahme in die Uefa das erste Pflichtspiel – und dann das: Am 12. September 1990 gewinnt eine Gruppe von Fischern, Holzarbeitern und Erdölbohrern 1:0 gegen Österreich. Eine Sensation. Ein Wunder. Der Partie ist sogar ein eigener Wikipedia-Eintrag gewidmet. Bis heute ist der 12. September auf den Färöern ein besonderer Tag, in unserem Nachbarland hingegen spricht man besser niemanden darauf an. Das Spiel wurde übrigens in Schweden ausgetragen, weil damals Länderspiele auf Kunstrasen noch nicht erlaubt waren: Brauchbare Naturrasen-Plätze sind aus klimatischen Gründen Mangelware und Glückssache.

Siegtorschütze bei der Geburtsstunde des Färinger Fussballmärchens war Torkil Nielsen, heutzutage ein begnadeter Schachspieler. Im Tor stand ein gewisser Jens Martin Knudsen, dessen weisse Pudelmütze jedem österreichischen Kind ein Begriff ist. Knudsen hütete während 18 Jahren das Tor der Inselkicker, 2006 trat er mit 39 Jahren ab. Er teilte sich den Job mit Jakup Mikkelsen, der sogar bis 2012 im Nationalteam spielte und später als 43-Jähriger mit seinem Sohn Poul in der ersten Mannschaft des IF Fuglafjorour auf dem Platz stand. Das wohl älteste Goalieduo der Welt war auch bei den vier bisherigen Duellen zwischen den Färöer-Inseln und der Schweiz dabei: Die Schweiz gewann jedes Mal, der höchste Sieg war das 6:0 im September 2004 in Basel.

Multitalent Pall Klettskaro

Die Schweizer sind somit bisher um eine Blamage herumgekommen. Ganz anders wie bereits erwähnt die Österreicher. Unter den 24 Siegen in den bislang 174 Färinger Länderspielern finden sich weitere Perlen. Etwa die zwei Siege (1:0; 2:1) gegen Griechenland in der Qualifikation für die EM 2016: Für den einst stolzen Europameister von 2004 der Tiefpunkt des steten Niedergangs, für die Färöer die Metamorphose vom belächelten Fussballzwerg zum respektierten Aussenseiter. Bis heute ist nur die Hälfte des Nationalmannschafts-Kaders Profis, der Aufschwung resultiert aus anderen Gründen: Eine Mannschaft, deren Gerüst seit Jahren das gleiche ist. Und Trainer Lars Olsen, der 1992 mit Dänemark aus dem Nichts Europameister geworden ist und so geeignet ist wie kein Zweiter, um einer auf dem Papier unterlegenen Mannschaft das Erfolgs-Gen einzuimpfen. Der ehemalige Verbandspräsident Oli Holm sagt: «Die Erfolge sind schwer zu erklären, sie sind eine Folge der Mentalität und unseres Stolzes. Als kleine Fussballnation müssen wir in jedem Spiel mit Herz und Kopf bei der Sache sein.»

Und wo tanken die Spieler Energie? Einige davon bei einer blutigen Tradition auf den Färöer-Inseln – beim Grindadrap: Wird vor der Küste eine Gruppe Grindwale gesichtet, treiben Boote diese in eine Bucht, wo Männer mit Beilen warten und die Tiere töten. Die Bilder mit dem blutrot-gefärbten Meer gehen jedes Jahr um die Welt. Tierschützer kritisieren das Gemetzel heftig, für die Einheimischen ist es selbstverständlicher Nahrungserwerb: Auch für die Fussballer, von denen öfter welche beim Grindadrap gesichtet werden. Über Nationalstürmer Pall Klettskaro heisst es: «Er ist der Beste auf dem Platz und der beste Walfänger.»

Man mag vom aussergewöhnlichen Hobby halten, was man will: Zumindest schaden tut es den Inselkickern nicht. Die Färöer-Inseln überraschen auch in der aktuellen WM-Qualifikation: Zum Auftakt gab es ein 0:0 gegen Ungarn, gefolgt vom 2:0 in Lettland. Zuletzt verloren sie zwar 0:6 in Portugal – doch der dritte Tabellenplatz punktgleich mit den Ungarn sollte Warnung genug sein für die Schweizer Nationalspieler.