WM 2018
Die Kurve gekriegt? Die Deutsche Nationalmannschaft und der schwierige Umgang mit den Erdogan-Huldigern Özil und Gündogan

Als sich DFB-Präsident Reinhard Grindel und Bundestrainer Jogi Löw am Mittwoch zum ersten Mal in ihrer WM-Unterkunft in Watutinki der Presse stellten, wurde endlich mal Klartext geredet. Und zwar betreffend des Themas, welches die deutsche Volksseele während Wochen zum Kochen gebracht hatte.

Marcel Kuchta
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Im Kreuzfeuer der Kritik: An Mesut Özil (l.) und Ilkay Gündogan scheiden sich die Geister der deutschen Fussballnation.

Im Kreuzfeuer der Kritik: An Mesut Özil (l.) und Ilkay Gündogan scheiden sich die Geister der deutschen Fussballnation.

Keystone

Und welches die ganze WM-Mission des Titelverteidigers zu überschatten drohte: die Affäre um das Treffen der deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem höchst umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Erdogan.

Was im Nachgang dieser (immer noch total unbegreiflichen) PR-Aktion der beiden Fussballer mit türkischen Wurzeln ablief, war aus der Sicht aller Beteiligten kläglich. Die Spieler selber probierten es wahlweise mit halbherzigen Entschuldigungsversuchen (Gündogan) oder mit der Variante Kopf in den Sand (Özil). Es wurde eiligst ein Treffen mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier anberaumt, was alles andere als authentisch und ehrlich gemeint rüberkam, sondern eher peinlich.

Ein verbaler Eiertanz

Der DFB – allen voran Teammanager Oliver Bierhoff – suchte erst händeringend nach Erklärungen und vermied es dann mit einem verbalen Eiertanz sondergleichen, für Klarheit zu sorgen. Jogi Löw zeigte sich gänzlich unbeeindruckt von der Affäre und der öffentlichen Empörung, die auf die beiden Fussballer einprasselte. Er bot die beiden «Übeltäter», ohne mit der Wimper zu zucken, für die Weltmeisterschaft auf. Kein Wort der Kritik. Kein Wort des Bedenkens.

Diese Unfähigkeit, sich vertieft mit einem Thema auseinanderzusetzen, welches die Anhänger der deutschen Nationalmannschaft offensichtlich so extrem beschäftigt, sorgte dafür, dass die Situation sogar zu eskalieren drohte. Die Pfiffe gegen Ilkay Gündogan beim letzten WM-Testspiel gegen Saudi-Arabien taten weh. Aber sie waren letztlich die logische Quittung für eine völlig missglückte Kommunikationspolitik des DFB. Man wurde den Eindruck nicht los, dass die Direktbeteiligten hofften, das Problem liesse sich einfach mit blossem Aussitzen und Ignorieren aus der Welt schaffen.

Dabei hätte – abgesehen von den unzähligen Zeitungskommentaren, welche sich unablässig mit diesem Thema beschäftigten – nur schon ein Blick in die sozialen Medien genügt. Wenn sich bei einem simplen Eintrag auf der offiziellen DFB-Facebook-Seite, welcher nur davon handelt, dass die Nationalmannschaft das Flugzeug Richtung Russland bestiegen hat, drei Viertel der Kommentare um das Thema Gündogan/Özil drehen, dann muss einem doch zwingend ein Licht aufgehen, dass hier massiver Erklärungsbedarf herrscht. Und man fragte sich als neutraler Beobachter sofort: Wie kann ein grosser und mächtiger Sportverband wie der DFB punkto Kommunikation nur so schlecht beraten sein?

Kommunikative Flucht nach vorne

Deshalb durfte man gespannt sein, wie sich also die Herren Grindel und Löw in Watutinki mit den zu erwartenden Fragen der Journalisten auseinandersetzen würden. Lösung eins wäre pure Ignoranz gewesen. Nach dem Motto: «Zu dem Thema wurde schon alles gesagt. Wir beantworten keine Fragen mehr dazu.» Hätten die DFB-Vertreter diesen Weg betreten, dann wäre die Lage eskaliert und die deutsche WM-Mission auch in sportlicher Hinsicht in Gefahr gewesen.

Man wählte klugerweise Lösung zwei, die offensive Kommunikation. Und tat dies auf überzeugende Art und Weise. Reinhard Grindel fand in einer ziemlich ungemütlichen Lage zu einem heiklen Zeitpunkt genau die richtigen Worte. Die Situation nicht verharmlosend, Verständnis zeigend für den Unmut vieler Fans, aber auch mit der Bitte nach Versöhnung: «Die Ursachen gehen wesentlich tiefer, über die beiden Spieler hinaus. Seit der Flüchtlingskrise 2015 ist das Thema Integration nicht mehr nur positiv besetzt. Die Menschen sehen Probleme und erwarten deshalb Klarheit, insbesondere im Bekenntnis zu Werten und unserem Land. Wir haben es mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun, das uns als DFB trifft, weil wir Spiegel der Gesellschaft sind.»

«Beide Spieler haben gelitten.» Joachim Löw, Nationaltrainer Deutschland

«Beide Spieler haben gelitten.» Joachim Löw, Nationaltrainer Deutschland

Keystone

Und Jogi Löw fand sie auch noch, die Kurve Richtung Notausgang. Indem er beschrieb, dass sich sowohl er und sein Trainerstab als auch die Mannschaft sehr wohl intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Dass man mit den Spielern über die entstandenen Probleme geredet habe. Dass man schlicht und einfach zur Kenntnis genommen habe, dass es in dieser Causa auch gegen aussen Erklärungsbedarf gibt. «Beide Spieler waren sicher von der Situation beeindruckt und haben gelitten», gab der Bundestrainer sogar einen Einblick in die Gefühlslage der Betroffenen.

Die Hoffnung auf «Erlözil»

Die Titelverteidigung ist für Deutschland schon unter normalen Voraussetzungen eine schwierige Mission. Immerhin scheint man nun bereit, dieser unbegreiflichen Aktion der Herren Gündogan und Özil zum Trotz, mit einer einigermassen positiven Grundstimmung ins WM-Turnier zu starten. Und es gibt ja keine idealere Plattform, um sich besser mit seinen verärgerten Anhängern zu versöhnen, als eine WM. Dann wird aus dem schweigenden Mesut Özil schnell wieder der «Erlözil», der 2010 Deutschland mit seinem Tor gegen Ghana in den Achtelfinal schoss. Vielleicht schon am Sonntag gegen Mexiko?