WM-Qualifikation

Die drei Akte eines kleinen Dramas der Schweizer Nati

Aus Xherdan Shaqiri ist ein sehr guter Fussballer geworden. Aber nicht mehr. Die Hoffnungen, dass er Weltklasse wird, haben sich nicht bestätigt.

Aus Xherdan Shaqiri ist ein sehr guter Fussballer geworden. Aber nicht mehr. Die Hoffnungen, dass er Weltklasse wird, haben sich nicht bestätigt.

Das Schweizer Nationalteam muss den ersten Rückschlag seit langem verkraften – Ausblick auf die Barrage.

Die Sonne über Lissabon lacht auch am Tag danach. Aber nicht für die Schweizer. Nicht nach dieser Reise in die Ernüchterung. Eine Annäherung an die Wahrheit sollte es werden. Und genau das ist es geworden. Nur eben mit der ernüchternden Erkenntnis: Noch ist die Schweiz weit von der Elite Europas entfernt. Die Zweifel rund um dieses Team sind plötzlich wieder da.

Die vielleicht entscheidende Frage nach dem 0:2 in Portugal und der verpassten direkten WM-Qualifikation ist: War es einfach ein «nicht so guter Abend», den die Schweizer Fussballer eingezogen haben? Oder reicht ihre Qualität tatsächlich nur bis an eine gewisse Schwelle – und nicht darüber hinaus? Antworten darauf in drei Akten.

1. Akt: Vladimir Petkovic und die Kraft der Erinnerungen

Man darf den Schweizern zugutehalten, dass sie zumindest neben dem Platz überzeugten. Mit einem schonungslosen Eingeständnis, einen schwachen Auftritt hingelegt zu haben. Selbstkritik statt Schönfärberei, das war auch schon anders.

Der Chef ging dabei voran. Nicht, ohne eine gewisses Mass an Nüchternheit und Unaufgeregtheit zu wahren. «Es war ein Schritt zurück. Aber wir bleiben deswegen trotzdem Menschen – und positiv eingestellt», sagte Vladimir Petkovic. Er hat in den vergangenen Monaten oft über die Entwicklung des Teams gesprochen. Sie hat ihm viel Freude bereitet.

Nati-Trainer: Vladimir Petkovic.

    

Und vielleicht ahnt er ja nun, dass es durchaus von Vorteil sein kann, auch einmal auf Widerstände zu treffen. Lange musste sich das Schweizer Lager nicht mehr mit Niederlagen auseinandersetzen. Nun ist es gezwungen dazu.

Es ist eine Gelegenheit, zu wachsen und zu reifen. Im Hinblick auf die (allfällige) WM kann das nur guttun. Grosse Teams zeichnen sich auch dadurch aus, während einer Endrunde mit Widrigkeiten umgehen zu können. Das kann die Schweiz nun proben.

Als Beispiel dafür darf die Generation von 2005 dienen. Auch damals musste die Schweiz in die Barrage. Wobei dieser ein veritables Drama voranging. In letzter Sekunde lief Alex Frei gegen Irland allein auf das Tor zu und vergab, wobei er Sturmpartner Marco Streller übersah, der das sichere Tor hätte schiessen können. Es hätte die direkte WM-Qualifikation bedeutet. Das 0:0 in Irland genügte indes nicht, um Frankreich noch zu überholen.

Wenn die Erlebnisse in der erfolgreichen, aber skandalösen Barrage gegen die Türkei etwas Gutes hatten, dann dass sie diese Equipe noch einmal hat weiter zusammenschweissen lassen. Es ist durchaus möglich, dass auch jetzt ein ähnlicher Prozess zu beobachten sein wird.

2. Akt: Valon Behrami und die fehlende Leadership

Valon Behrami ist der einzige Spieler des aktuellen Teams, der schon 2005 dabei war. In Portugal fehlte er bekanntlich wegen einer Adduktoren-Verletzung. Und die Nacht von Lissabon bestätigte alle schlimmen Vorahnungen. Ohne Behrami fehlt dieser Mannschaft viel. Seine Aura, seine Leadership lassen die Teamkollegen automatisch wachsen.

Es war schon kurz vor Mitternacht, die Fragerunde mit Petkovic neigte sich dem Ende zu, als ein Tessiner Journalist das Wort ergriff. Er fragte, ob denn auch der Nationaltrainer gesehen habe, dass Valon Behrami in dieser Equipe unverzichtbar sei. Wobei sein Votum eher eine Feststellung als eine Frage war.

Valon Behrami: Fehlte in Portugal wegen einer Adduktoren-Verletzung.

Valon Behrami: Fehlte in Portugal wegen einer Adduktoren-Verletzung.

Petkovic lächelte still vor sich hin. Und das war bereits mehr als eine eindeutige Antwort. Verbal umdribbelte er den Steilpass gekonnt, sprach irgendetwas à la «wir gewinnen zusammen – wir verlieren zusammen». Aber derart floskelesk, dass jedem im Raum klar war, dass selbstverständlich auch der Nationaltrainer dieser Behrami-ist-unverzichtbar-Feststellung zustimmte.

«Das wird ein langer Tag», twitterte Valon Behrami Anfang Nachmittag des Spieltags. Wahrscheinlich noch voller Hoffnung. Vielleicht aber auch mit einer klitzekleinen Ahnung, wie sehr seine Teamkollegen ohne ihn werden leiden müssen. Nun ist der lange Tag vorbei. Und es beginnt das lange Hoffen und Bangen. Sagen wir es so: Es wäre eher von Vorteil für die Schweiz, wenn Behrami bis zu den Barrage-Spielen wieder fit würde.

3. Akt: Xherdan Shaqiri und die Normalität

Ein Xherdan Shaqiri in Bestform, auch dies stünde der Schweiz in der Barrage im November sehr gut an. Vorerst aber gilt: In Portugal war wieder einmal einer jener Abende, an denen man sich fragt, welche Wendungen seine Karriere noch nimmt. Schafft es Shaqiri noch einmal zurück auf die ganz grosse Bühne?

Die «NZZ» beschrieb vor dem Showdown in Portugal treffend, wie Shaqiri zum ersten Schweizer Weltstar des Fussballs hätte werden sollen. Aber aus dem Versprechen eben «nur» ein sehr guter Fussballer wurde.

Xherdan Shaqiri: Schafft er es noch einmal zurück auf die ganz grosse Bühne?

Das Spiel gegen Portugal bestätigte diesen Eindruck. Mag sein, dass Shaqiri immer wieder der Mann für aussergewöhnliche Momente ist. Aber vermutlich würde es dieser Schweizer Mannschaft mehr helfen, wenn er in grossen Spielen für viele gute kleine Dinge besorgt wäre.

Eines ist jedenfalls klar: Solange sich die Diskussionen darum drehen müssen, wie normal, gut, sehr gut oder eben aussergewöhnlich Shaqiri spielt, hat das Schweizer Kollektiv noch einigen Raum nach oben.

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