Unschön war es, wie die «Fans» am Sonntagabend von den Rängen herab den Daumen über Haris Seferovic senkten und seinen vorzeitigen Abschied vom Spielfeld mit einem lauten Pfeifkonzert quittierten. Es sind nicht die einzigen Pfiffe, die hierzulande für Empörung sorgen. Erst vor ein paar Wochen geriet das despektierliche Gepfeife geifernder Machos im Rahmen der #MeToo-Debatte in den Fokus der Diskussion. Beide Pfeif-Debatten zeigen: Der Pfiff als Ausdrucksform hat derzeit einen schweren Stand. Als schriller Begleitklang weht er durch gesellschaftliche Abgründe und scheint dabei nur Negatives auszulösen.

Seferovic und die von pfeifenden Herrschaften begehrten Damen sind aber bei weitem nicht die Ersten, die mit der akustischen Erniedrigung umgehen müssen. Schon der römische Rhetoriker Cicero fürchtete sich vor den Pfiffen seines Publikums und war jeweils tief erleichtert, wenn die Aufführungen seiner Theaterstücke ohne Pfeifkonzert über die Bühne gingen. Seinem Freund Atticus schrieb Cicero einst voller Stolz, sein jüngstes Werk sei vom Publikum «sine ulla pastoricia fistula», also ohne einen einzigen Pfiff, aufgenommen worden.

Pfeifen war aber nie nur Kritik, sondern immer auch Ausdruck von Macht. Das wissen nicht nur amerikanische Soldaten, die von ihren Vorgesetzten bis heute mit Pfiffen zu bedingungslosem Einsatz ermahnt werden. Das wussten die Menschen schon zu biblischen Zeiten. Bei Jesaia: 5, 26 ist nachzulesen, Gott werde sein Volk «herbeipfeifen vom Ende der Erde». Selbst der Allmächtige verzichtete offenbar nicht auf die gebieterische Signalwirkung des Pfiffs.

Anleitung: So pfeift man die Schweizer Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel:

Entsprechend lange dauerte es, bis der Pfiff sich seiner beleidigend-herrischen Obertöne entledigen und seine Qualitäten als künstlerischer Laut entfalten konnte. Erst in der Renaissance wurde er von findigen Komponisten neu entdeckt und in den Rang einer Kunstform gehoben. Musikinstrumente waren weniger verbreitet als heute, das Pfeifen als Alternative zum Gesang äusserst willkommen.

Gepfiffene Bestseller

Lange dauerte die Phase allerdings nicht. Der italienische Komponist Arrigo Boito beendete den künstlerischen Höhenflug und verbannte das Pfeifen 1868 wieder in die Ecke der Schande. In seiner Oper «Mefistofele» liess er den Teufel pfeifen statt singen. Die Message war klar: Was da dem höllischen Schlund entweicht, das sind schaurige Schallwellen, die in den Künsten nichts verloren haben.

Ähnlich sah das der amerikanische Künstler Charles Shaw. 1931 befand er, das Pfeifen sei «ein Erkennungszeichen des Debilen» und als solches nicht nur aus der Kunst, sondern aus dem Repertoire der menschlichen Ausdrucksformen generell zu streichen. Dessen ungeachtet lieferte Shaws Landsmann Fred Lowery mit seiner Platte «Indian Love Call» 1941 den Beweis dafür, dass man mit Pfeifen durchaus künstlerische Erfolge feiern kann. Seine gepfiffenen Melodien verkauften sich in den USA über eine Million Mal.

Mit seinem Erfolg war Lowery ein Vorbote des musikalischen Revivals, das das Pfeifen in der Moderne erfahren würde. Ennio Morricone liess gewisse Melodien seines Soundtracks zum Filmklassiker «Spiel mir das Lied vom Tod» pfeifen, die Scorpions lieferten der Nachwelt mit «Wind of Change» die wohl berühmteste aller Pfeif-Melodien und der Hip-Hop-Künstler Flo Rida stellte jüngst unter Beweis, dass Pfeifklänge gar im Zusammenspiel mit harten Rap-Beats funktionieren.

Die Pfiffe gegen Seferovic hatten mit musikalischem Pfeif-Genuss allerdings wenig zu tun. Als Kunstform haben Pfiffe einen festen Platz in unserer Gesellschaft. In Fussballstadien aber sind sie deplatziert und falsch: sowohl auf den Zuschauerrängen als manchmal auch auf dem Rasen selbst. Beides hat die Barrage gegen Nordirland gezeigt.