Ein Inder würde nie sagen, dass er etwas nicht weiss oder nicht kann. Er wird um den heissen Brei reden und Dinge versprechen, die er gar nicht einhalten kann. Der Europäer dagegen ist es gewohnt, direkt zu kommunizieren. Er wundert sich dann nach ein paar Wochen, warum nichts passiert ist. Dieses Problem hat Sindu Sivasuntharam immer wieder angetroffen. Jetzt hat es ihm ein neues Berufsfeld eröffnet.

Der 29-Jährige hat südindische Wurzeln, ist aber in Ettlingen bei Karlsruhe geboren und aufgewachsen. Er spricht Tamil, Englisch und Deutsch und versteht die indische und die europäische Kultur. Als er während des Jurastudiums seine Berufskarriere in der Unternehmensberatung begann, machte sich Sivasuntharam seine Herkunft zunutze. Wann immer es um Geschäfte in Indien ging, leitete er die Projekte vor Ort.

«Mein Job ist es, dass die Hochzeit stattfindet»

Seit zwei Jahren hat er sich mit Pandit Sports Consulting ein eigenes Business aufgebaut und seine grosse Leidenschaft Fussball mit dem Berufsalltag vereint. Der Fan des Karlsruher SC betreibt eine Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Internationalisierung für Fussballklubs: «Mein Job ist es, dass die Hochzeit stattfindet. Die Ehe müssen die Vereine führen. Da stehe ich nur noch als Eheberater zur Verfügung», sagt er und lacht.

Beim Aufbau eines Netzwerkes stösst er sowohl in Indien als auch in Europa meist auf offene Ohren. Sivasuntharam merkt, dass Leute wie er gebraucht werden und sein Businessmodell Erfolg haben könnte. Dies erzählt er, ohne arrogant zu wirken. Direkt wie ein Deutscher, gepaart mit indischer Bescheidenheit.

Eher Fussball statt Cricket

Sivasuntharam ist nach eigener Aussage ein Musterbeispiel für seine doch eher unsportliche Generation. «Indische Eltern erwarten, dass du Anwalt, Arzt oder Ingenieur wirst. Gute Noten in der Schule. Gute Noten in der Uni. Sport war in Indien lange nicht auf dem Schirm der Gesellschaft», sagt er. Doch Sivasuntharam erklärt auch, warum sich das gerade ändert: «In Indien wächst eine Mittelschicht heran, die einen anderen Lebensstil führt.» Frauen arbeiten, Familien haben weniger Kinder und die neue Mittelschicht hat ein Konsumbewusstsein entwickelt. «Diese Generation zieht es eher zum Fussball als zum Cricket.»

Rohit Ramesh und Krishna Raghavan, die beiden Inhaber des neuen FCB-Partnervereins Chennai City, lernt Sivasuntharam an einem Fussballkongress in Indien im Frühjahr 2017 kennen. Die drei verstehen sich gut, was nicht nur daran liegt, dass auch Sivasuntharam aus Südindien kommt und Familie in Coimbatore hat. Dort, wo Chennai City seit zwei Jahren seine Heimspiele austrägt.

Krishna Raghavan, Sindu Sivasuntharam und Rohit Ramesh posieren in Neu-Delhi bei der Bekanntgabe des Deals

    

Vor allem das Konzept der beiden überzeugt ihn. «Rohit und Krishna geht es nicht nur ums Geschäft. Sie wollen den Fussball entwickeln und die Region nachhaltig stärken. Sie werden definitiv nicht – wie das in China teilweise der Fall ist – Geld verbrennen», sagt Sivasuntharam.

Burgener bekommt ein Date

Als Bernhard Burgener im Juni 2017 FCB-Präsident wird, findet er wenig später eine Mail von Sivasuntharam in seinem Postfach. Der Berater ist überrascht, wie schnell und wie positiv Burgener auf die Kontaktaufnahme reagiert. In einem Telefongespräch lädt ihn der FCB-Präsident nach Basel ein. Dort tauschen sich die beiden intensiver aus und Sivasuntharam teilt Burgener mit, dass er mit Chennai City einen Klub kennt, der «sehr, sehr gut» passen würde.

Die beiden Dating-Profile ergeben ein Match. «Die handelnden Personen gehen mit einer ähnlichen Einstellung an die Sache ran. Beide Inhaber denken langfristig und nachhaltig und haben es sich auf die Fahne geschrieben, die Region zu stärken. Das passt», findet Sivasuntharam. Er macht die Eigentümer miteinander bekannt, und es kommt zum ersten Date.

Gesucht und gefunden

Natürlich ist die Ehe zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Der FCB hat Nebenbuhler aus Deutschland und vor allem aus der Premier League. Doch Sivasuntharam muss gar nicht gross kämpfen, damit sich seine beiden Vereine am Ende finden: «Chennai City hat selber gemerkt, dass der FC Basel das nachhaltigste Konzept hat.»

Das Vorgehen der Premier-League-Vereine verurteilt Sivasuntharam. «Sie hegen einen kolonialistischen Ansatz. Ihnen geht es meist nur um die Marke und nicht um den Fussball.» Doch Sivasuntharam ist sich sicher, dass dieser Ansatz in Indien nicht funktioniert. «Viele denken, dass es einfach ist, ein Prozent aller Inder für sich zu gewinnen. Doch auch um dieses eine Prozent musst du kämpfen. Als Fussballverein hast du in Indien nur Erfolg, wenn du die Gesellschaft irgendwie begeistern kannst und so hinter dich bekommst.»

Genau das ist Chennai City in Coimbatore gelungen. Der FC Basel demonstriert, anders als die meisten Vereine, nicht nur als Teil-Eigentümer seine langfristigen Pläne, er schickt mit Massimo Ceccaroni auch «unbezahlbares» Personal nach Indien.

Indien braucht europäische Hilfe

«Der Fussball entwickelt sich so schnell. Ohne europäische Unterstützung hat Indien keine Chance», sagt Sivasuntharam. Als Fussballfan kann er die Skepsis der Fans absolut nachvollziehen. Dennoch ist er der Meinung: Der FCB könne stolz sein, dass wegen dieses Deals auch am anderen Ende der Welt über ihn geredet wird. «Für schnelles Geld hätte es andere Optionen gegeben, doch Bernhard Burgener geht es um den Fussball. Der FCB hat grossartige 125 Jahre hinter sich. Doch was erwartet ihn in den nächsten 125 Jahren? Gerade im Erfolg ist es wichtig, dass man die Zukunft plant.»

Natürlich hofft Sivasuntharam, dass diese Fussballklub-Hochzeit erst der Anfang war und er weitere europäische Vereine mit Partnerklubs in Indien vermählen kann. Damit die Startschwierigkeiten überbrückt werden, erklärt er auch gerne jedem Europäer, wie die
indischen Kollegen ticken.