Fifa-Skandal

«Das System Fifa ist todkrank – und wird es mit Blatter bleiben»

«Blatter ist ein moralisch korrupter, charakterloser Gesell» – deutliche Worte von Jens Weinreich.

«Blatter ist ein moralisch korrupter, charakterloser Gesell» – deutliche Worte von Jens Weinreich.

Der Autor Jens Weinreich gilt als einer der profundesten Kenner der internationalen Sportpolitik – und als einer der prononciertesten Fifa-Kritiker. Die gestrigen Vorgänge haben ihn trotzdem überrascht.

Jens Weinreich, die Fussballwelt wurde heute Morgen in ihren Grundfesten erschüttert. Wie überrascht waren Sie?

Jens Weinrich: Wer behauptet, er sei nicht überrascht worden, sagt nicht die Wahrheit. Ich bin heute oft gefragt worden, ob ich von einem solchen Tag geträumt habe. Ehrlich gesagt: Ich hatte die Hoffnung bereits aufgegeben. Und ich hätte nie damit gerechnet, ausgerechnet in Zürich Zeuge solcher Vorgänge zu werden. Denn die Schweizer Justizbehörden sind ja nicht gerade dafür bekannt, im Sinne der Aufklärung zu arbeiten.

Nun aber ist ausgerechnet die Schweiz aktiv geworden.

Internationale Sportverbände haben sich in der Schweiz immer pudelwohl gefühlt. Gegen die Fifa gerichtete parlamentarische Vorstösse wurden stets hochkant abgelehnt, der Bundesrat hofiert die Verbände seit Jahrzehnten. Der heutige Tag aber verändert vieles. Er hat bei der Fifa, aber auch beim Olympischen Komitee und vielen anderen hier ansässigen internationalen Sportverbänden Schockwellen und Angst ausgelöst.

Was bedeutet dieser Skandal für Fifa-Präsident Sepp Blatter?

Das ist momentan noch schwer abzuschätzen. Die Fifa hat bei ihrer Pressekonferenz den Eindruck zu erwecken versucht, sie sei ganz entspannt. Dies ist ihr jedoch nicht gelungen. Es war offensichtlich: Der Schock sitzt tief. Die Fifa versucht nun, um jeden Preis den Kongress zu retten und damit die Wiederwahl Blatters. Wer diese verhindern will, der muss jetzt aufbegehren. Aber nicht so zurückhaltend wie der deutsche Ligaboss Reinhard Rauball, der bloss den Rücktritt Blatters forderte. Ein grosser Verband müsste nun den Rückzug aus der Fifa erklären.

Auf Twitter haben Sie geschrieben: «Fakt des Tages: eine Hundertschaft korrupter Fifa-Fussballfunktionäre noch auf freiem Fuss. Nur 14 verhaftet.» Wie krank ist das System Fifa?

Es ist todkrank. Und es wird so lange krank bleiben, wie Sepp Blatter, der dieses System entscheidend mit aufgebaut hat, an seiner Spitze bleibt. Blatter ist ein moralisch korrupter, charakterloser Gesell, man kann das nicht anders ausdrücken. Und er ist der grösste Nutzniesser dieses Systems: Seine Leute in der Karibik und in Südamerika haben ihm jahrzehntelang die für seine Wiederwahl notwendigen Stimmen garantiert, im Gegenzug hat er sie gewähren lassen. Es gibt allerdings nicht nur Blatter, es gibt auch seinen Generalsekretär Jérôme Valcke – nachgewiesenermassen ein Serienlügner.

Weshalb konnte Blatternie irgendetwas Handfestes nachgewiesen werden, obwohl Heerscharen von Journalisten dies seit Jahrzehnten versuchen?

Das stimmt doch gar nicht. Blatter ist beispielsweise die Mitwisserschaft im Bestechungssystem der 2001 in Konkurs gegangenen Sportmarketingfirma ISL nachgewiesen worden. Zudem schaut er bei anrüchigen Vorgängen in seinem nächsten Umfeld weg. Einzig Schweizer Journalisten pflegen die Mär, Blatter selbst habe nichts nachgewiesen werden können. Sie fallen auf Fifa-Propaganda rein.

«Sepp Blatter tanzt jetzt nicht gerade im Büro»

«Sepp Blatter tanzt jetzt nicht gerade im Büro»

An der Medienkonferenz am Hauptsitz der Fifa äussert sich Medienchef Walter De Gregorio zur Gefühlslage von Fifa-Präsident Sepp Blatter anlässlich der Verhaftung von Fifa-Exekutivmitgliedern am 27. Mai 2015 in Zürich.

Fifa-Mediendirektor Walter de Gregorio stellt sich auf den Standpunkt, die Fifa sei Geschädigte und habe die Ermittlungen mit ihrer Strafanzeige gegen unbekannt selbst ins Rollen gebracht. Was ist davon zu halten?

Streng juristisch ist dies richtig. Und doch ist es Propaganda. Und die typische Verteidigungsstrategie der Fifa: Sie hat sich schon im ISL-Bestechungsskandal als Geschädigte herauszureden versucht. Doch lassen Sie mich noch ein Wort zum Fifa-Medienchef sagen. Als de Gregorio noch beim «Blick» als Sportchef arbeitete, liess er mich im März 2008 einen Artikel über die Fifa schreiben. de Gregorio wählte die Überschrift: «Das perfekte Verbrechen». Daran musste ich heute denken.

Die Fifa hat schon 2006 eine Ethik-Kommission gebildet und Korruption seither durch verdiente Experten wie Michael Garcia und Mark Pieth untersuchen lassen. Wie glaubwürdig sind diese Versuche, Aufklärung zu betreiben?

Absolut unglaubwürdig, was hinreichend bewiesen ist.

Also ging und geht es darum, sich ein Feigenblatt umzulegen?

Um nichts anderes. Die Ethikkommission hat Aktionen von Blatter, mit denen sich zwingend die Staatsanwaltschaft hätte beschäftigen müssen, als «ungeschicktes Verhalten» taxiert.

Heute ist die US-amerikanische und die Schweizer Justiz eingeschritten. Vermögen sie dem Treiben internationaler Sportorganisationen Einhalt gebieten?

Dies werden einzig Justizbehörden schaffen, die knallhart vorgehen. Den US-Amerikanern ist dies zuzutrauen. Schliesslich haben sie es in den 1920er-Jahren auch geschafft, Mafiaboss Al Capone zur Strecke zu bringen. Bezeichnenderweise nicht für seine zahlreichen Morde, sondern wegen Steuerhinterziehung. So funktioniert das in Fällen von Grosskriminalität nun mal.

Wie wird sich der heutige Tag auf die Fifa und internationale Sportverbände im Allgemeinen auswirken?

Das ist noch schwer zu sagen. Bei der Präsidentenwahl am Freitag wird man sehen, ob einzelne Funktionäre die Schweiz aus Angst hals über kopf verlassen haben. Und mittelfristig wird man erkennen, ob die Sportverbände trotz der heutigen Ereignisse in der Schweiz bleiben werden. So oder so: Sie alle werden nun vorsichtiger zu Werke gehen.

Unter den heute Verhafteten sind keine Europäer. Gibt es innerhalb des europäischen Kontinentalverbandes Uefa keine Korruption?

Aber selbstverständlich. Die Uefa ist genauso korruptionsverseucht wie die Fifa, deren Mitglied sie ist. Deshalb ist es auch nichts als logisch, dass die Uefa-Vertreter heute handzahm blieben und auf lautstarke Forderungen verzichteten. Sie werden nach den heutigen Ereignissen denken: «Oh, Gott, erwischt es mich als Nächsten?»

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