FC Basel
Aufblühen in der kalten Schweiz: Der Linksverteidiger Jorge will beim FCB wieder zu alter Stärke finden

Der neue FCB-Linksverteidiger Jorge lernte das Kicken beim Futsal statt am Strand der Copacabana, verteilte aus Dankbarkeit Fruchtkörbe und hat es schon geschafft, dass ihn seine Mitspieler als Granate bezeichnen. Ein Portrait.

Céline Feller
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Sprachen lernt Jorge mit Hilfe von Netflix. «Ich schaue beispielsweise auf Deutsch mit portugiesischen Untertiteln.»

Sprachen lernt Jorge mit Hilfe von Netflix. «Ich schaue beispielsweise auf Deutsch mit portugiesischen Untertiteln.»

freshfocus.ch

Jorge macht es immer wieder. Die Schultern etwas nach oben ziehen, etwas zittern, lächeln und sagen: «Es ist kalt hier!» Er habe es zwar gewusst, aber zu schaffen macht es ihm trotzdem. «Es ist schwierig, so zu spielen. In Zürich beispielsweise, phu, da war es sehr kalt.»

Jorge, oder mit vollem Namen Jorge Marco de Oliveira Moraes, ist kein überempfindlicher Wetterfühliger. Aber er ist sich ein bisschen anderes Wetter gewohnt. Santos, Monaco und Porto waren seine letzten Heimaten. Geboren ist der 24-Jährige in Rio de Janeiro. Seit zwei Monaten aber wohnt er wenige Minuten vom Joggeli entfernt, «in der Wohnung von Omar Alderete», wie er anfügt.

Ob sich die beiden noch gross kennen gelernt haben, ist nicht überliefert. Denn drei Tage, nachdem Jorge am 2. Oktober beim FC Basel einen Vertrag für eine Leihe bis im nächsten Sommer unterschrieben hatte, machte Alderete bereits den Schritt in eine grosse Liga: Nach Deutschland. Es ist der Traum eines jeden Südamerikaners, in einer der fünf besten europäischen Ligen zu spielen. So auch bei Jorge. Immer noch. Obwohl sein erstes Abenteuer in eben einer solchen Liga scheiterte. Jenes bei der AS Monaco.

«Ich habe meinem Berater gesagt: Hier kann ich nicht bleiben. Ich möchte weg, ich muss spielen. Nur um zu trainieren kann ich nicht bleiben, das bringt mich nicht weiter», erzählt Jorge. Der Brasilianer spricht fliessend Französisch, mit einem guten Vokabular, drückt sich gekonnt aus. Er hat es in seiner Zeit in Monaco gelernt. Eine Zeit, die eben alles andere als einfach war. Nicht nur, weil er zum Zeitpunkt seines Wechsels lediglich Portugiesisch sprechen und sich so kaum ausdrücken konnte.

Die Blüte seines Aufstiegs verwelkte langsam

Mit der Intention, den ganz grossen Durchbruch zu schaffen, wechselte Jorge 2017 zur AS Monaco. «Ich wollte gar nicht weg von Flamengo damals. Ich konnte mir nicht vorstellen, meinen Klub, mein Land, meine Familie und meine Freunde zu verlassen. Ich wollte für immer da spielen.» Zwölf Jahre schon gehörte er dem Verein an, lebte im Wohnheim des Klubs, fühlte sich wohl. «In Europa würde ich allein sein. Ich fragte mich: Wie soll ich das machen? Aber mein Vater sagte mir, dass ich den Schritt wagen solle. Ich sei gut und werde Erfolg haben.» Also ging er. Nur einen Tag nach seinem ersten und bislang einzigen A-Länderspiel unterzeichnete er bei Monaco.

Bei seiner damaligen Präsentation erzählte er, er und sein Vater seien sich sicher, dass er aufblühen würde. Und es schien zu funktionieren: Er spielte in der Champions League gegen Besiktas, Porto und Leipzig, in der Liga gegen die grossen Gegner aus Paris und Marseilles, wurde französischer Meister.

Aber nach einer guten Saison begann die Blüte seines Aufstiegs zu verwelken. Trainerwechsel, keine Einsatzzeiten mehr. Jorge flüchtete leihweise nach Porto. Es sollte ein Neuanfang werden. Ein neuerliches Aufblühen. Die Realität aber hiess: zweite Mannschaft, keine Einsatzzeiten. Der Spieler, der an der U20 WM 2015 zum besten Linksverteidiger des Turniers gewählt wurde, der einst im Fokus von Manchester City stand, er schien zu stagnieren, gar zu scheitern.

«Ich sagte meinem Agenten, er solle irgendetwas suchen. Ganz egal wo. In Europa oder auch nicht. Hauptsache, ich spiele.» So landete er zurück in der Heimat. Das zweite Leihgeschäft, dieses Mal bei Santos. Dort also, wo er sich schliesslich für den dritten Anlauf in Europa empfehlen konnte: Jenem beim FCB. «Ich wusste, dass das ein grosser Name ist in Europa», erzählt er. «Und der Trainer hat mir am Telefon gesagt, dass ich hier viele Matches machen würde.»

Futsal in der Halle statt Fussball am Strand

Eine Aussicht, die ihn sein drittes Leihgeschäft in drei Jahren unterschreiben liess. Die Worte des Trainers waren kein leeres Versprechen. In allen drei Spielen seit seinem Wechsel nach Basel kam der Linksfuss bislang zum Einsatz. Seine Qualitäten hat er bereits angedeutet. So sehr, dass Fabian Frei ihn als «Granate und genialen Spieler» bezeichnet. Jorge lacht, als er das Lob seines Teamkollegen hört. «Ich weiss nicht wie er darauf kommt. Aber ich hoffe, dass die Fans bald ähnliches sagen werden.» Vielleicht hat er seine nicht übersehbare, feine Technik in seinen frühen Jahren gelernt. Jorge kickte lange nicht an der Copacabana oder auf dem Rasen, sondern in der Halle. Futsal war sein erster Sport, erst später wechselte er zum «normalen Fussball», wie er ihn nennt. «Das ist aber üblich in Brasilien. Viele gehen diesen Weg und warten, bis sie beim Futsal entdeckt werden.»

So lief es auch bei ihm, als er mit zwölf Jahren in die Akademie Flamengos geholt wurde. Beim Klub aus der brasilianischen Metropole reift er zu einem Spieler, der zunehmend an seine Qualitäten glaubt. Der merkt, dass er seiner Familie helfen könnte, wenn er den Durchbruch schaffen würde. «Wir waren sehr arm. Ich habe gemerkt, dass ich das ändern, meiner Familie helfen könnte.» Also eifert der Sohn eines Händlers und einer Bronzing-Studio-Besitzerin seinen Vorbildern nach. Zum einen Roberto Carlos – dem Ronaldinho der Linksverteidiger, wie er ihn nennt – und Ronaldinho selbst. «Keiner wird mehr so gut werden wie er. Er war schlicht genial. Ronaldo und Messi sind auch sehr gut, aber an sein Niveau kommt keiner ran. Das ist incroyable.»

Mit dem ersten Lohn gibts Fruchtkörbe

Mit dem ersten als Fussballer erspieltem Lohn beschenkte er dann aber nicht nur seine Familie, sondern alle, die ihn in der Flamengo-Akademie unterstützt haben. Jorge kaufte Fruchtkörbe und verteilte sie jenen Leuten, denen er danken wollte. «Das ist typisch Brasilianisch. Das hilft Familien am meisten, die nicht viel haben.» Es ist eine schöne Anekdote, eine aber auch, die man aus ihm heraus kitzeln muss. Er will sich nicht brüsten mit seinen Taten. Ohnehin wirkt der 24-Jährige sehr zurückhaltend. Er sei «ganz ein ruhiger Typ. Wer mich kennt, weiss das. Ich bin sogar eher schüchtern», sagt er und lächelt. Man glaubt es ihm und seiner im Gespräch unaufgeregten Art. Es sei ihm einfach wichtig, dass er auf dem Platz in jedem Training und jedem Spiel immer besser werde.

Das Umfeld dafür, so sagt er, stimmt. Er fühle sich wohl in der Schweiz. Die Teamkollegen schätzt er, insbesondere Arthur Cabral, der ihm eine grosse Hilfe sei. Zwar hätten sie in Brasilien schon gegeneinander gespielt, wirklich gekannt hätten sie sich aber nicht. Jetzt ist er eine seiner engsten Bezugspersonen. Zumindest, bis seine Familie nachkommt. Seine Frau und sein knapp drei Monate altes «Bébé» sind noch in Monaco. Es sei etwas kompliziert, mit dem Kleinen hier her zu kommen. Und schliesslich habe er in Monaco noch Vertrag, noch bis 2022.

Für die Monegassen wieder einmal aufzulaufen, davon träumt er weiterhin. Trotz schwierigen ersten Jahren. Er könne sich aber auch vorstellen, in Basel zu bleiben über seine Leihe hinaus. Von hier aus könne er den Sprung in die Premier League, die Primera Division oder die Bundesliga schaffen. Letzteres würde er bevorzugen, der deutsche Fussball beeindruckt ihn. Wohl auch deshalb büffelt er schon fleissig Deutsch. «Ich werde es lernen, aber nicht in einem dreimonatigen Kurs wie Französisch. Deutsch ist viel schwieriger.» Dass es aber nicht immer einfach ist, hat er in seiner noch jungen Karriere schon gelernt. Nicht erst seit dem kalten Abend in Zürich.