Fifa
Am Anfang stand ein Rauswurf: Wie Sepp Blatter an die Macht kam

Blatter blendet aus, dass er auf dem Weg zur Macht mit Weggefährten oft unzimperlich umging. Selbst die Familie war ihm nicht heilig. In einem Machtspiel und mit der Unterstützung des damaligen Präsidenten wurde der Walliser 1981 zum Generalsekretär.

Daniel Weissenbrunner
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Sepp Blatter und João Havelange wurden in der Fifa durch Machtspiele immer mächtiger.

Sepp Blatter und João Havelange wurden in der Fifa durch Machtspiele immer mächtiger.

© STR New / Reuters

Am Anfang stand ein Rauswurf. Es war im Juni 1981: Helmut Käser hatte vom Zürcher Hauptsitz 20 Jahre als Generalsekretär die Geschäfte des Weltfussballverbandes Fifa geleitet. Der Jurist war ein penibler Administrator, legte Wert auf die Einhaltung von Regeln, Statuten und Vertragsklauseln.

Der Berner galt als ausgleichende Person, die Kompetenz und Integrität in sich vereinigte. Mit diesen altertümlichen Eigenheiten, zu denen ebenso eine fantasielose Buchführung gehörte wie eine spröde Erscheinung, stand er jener Männerallianz im Wege, die damals, Ende der 1970er-Jahre, sich anschickte, ihre uneingeschränkte Macht in der Fifa zu installieren: Präsident João Havelange aus Brasilien, dessen Vermarktungspartner Horst Dassler, Boss des Sportartikelkonzerns Adidas, und Joseph S. Blatter, gelernter Betriebsökonom und damals Technischer Direktor der Fifa.

Der umtriebige, weltoffene und joviale Blatter gewann schnell das Vertrauen Käsers – und das seiner Tochter Barbara. Er bandelte bei ihr an. Käser selbst behandelte Blatter in seiner Gutgläubigkeit wie den eigenen Sohn. Er ahnte nichts von dessen Doppelspiel an der Seite von Havelange. Erst viel später, erschöpft von den anhaltenden Intrigen, hielt Käser in einem Papier schockiert das Ziel des unwürdigen Machtspiels fest: «Käser muss weg. Blatter muss her.»

Da war es bereits zu spät. In jenem Juni wurde Käser unter fadenscheinigen Vorwänden entlassen. Im Dezember desselben Jahres wurde Blatter Fifa-Generalsekretär und als Gipfel der Demütigung heiratete der «Verräter» Blatter Barbara Käser. Der tief verbitterte Helmut Käser blieb nicht nur der Trauung, sondern zeit seines Lebens dem ungeliebten Schwiegersohn fern.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der sich Blatter die Stufen zur Macht hinaufgearbeitet hat und dabei sogar seinen Schwiegervater ausmanövrierte, passt nicht in jenes Bild, das die Fifa-Propaganda vom Präsidenten zeichnet, hält die «Badische Zeitung» in einem Porträt über Blatter fest. «Er wird als Retter der Menschheit verkauft. Er spricht über Freiheit, Frieden, Fifa – das ist die Botschaft.» Käser starb 1994. Barbara, mit der er zehn Jahre verheiratet war, 1999 an den Folgen einer Operation.

Da wurde sie ein Grossbetrieb

Die Zeitenwende war eingeleitet: Havelange und Blatter begannen den Verein Fifa, der klamm war und kaum Kapital besass, zu einem Grossbetrieb umzubauen. Der für seinen autokratischen Stil berüchtigte Havelange sagte einst: «Als ich im Fifa-Hauptquartier in Zürich ankam, da fand ich ein altes Haus vor und ein bisschen Geld in einer Schublade. Als ich 24 Jahre später meinen Posten räumte, besass die Fifa Verträge und Besitztümer im Wert von über vier Milliarden USDollar.»

Havelange und Blatter bildeten über viele Jahre ein perfektes Gespann. «Das jedoch oft für Kritik sorgte», schreibt Autor Rainer Schlösser in seinem Buch «Die Entwicklung der Fifa unter Präsident Havelange». Havelange und Blatter hätten Entscheidungen getroffen, ohne die zuständigen Kommissionen zu kontaktieren. Der wirtschaftliche Erfolg bestärkte sie in ihrem Tun.

Auch Guido Tognoni, ehemaliger Wegbegleiter von Blatter und heute einer seiner schärfsten Kritiker, bekam die Wucht zu spüren. Der ehemalige Mediendirektor des Weltfussballverbandes wurde von Blatter zweimal entlassen. «Ihm ist nur wichtig, dass er unbeschadet bleibt. Um das Schicksal seiner Funktionäre kümmert er sich nicht», sagt er.

Als nicht gewinnorientierter Verein war die Geldanhäufung pikant. Die Führung begründete sie mit der «Sicherung der finanziellen Unabhängigkeit». Schwer vorstellbar, dass Helmut Käser dies auch so gesehen hätte. 1991 belief sich der Umsatz auf einige wenige Millionen Franken, annähernd der Wert des Kronleuchters, der im Konferenzzimmer am heutigen Fifa-Hauptsitz thront.

Inzwischen hat die Fifa längst die finanzielle Potenz eines Weltkonzerns und ist milliardenschwer. Erwähnenswerte Randnotiz: Im Gebäude an der Zürcher Bahnhofstrasse, wo der Verband 1932 sein Zweimann-Büro bezog, macht heute ein anderes Schwergewicht seine Geschäfte: Apple.

Dass Havelanges wundersame Geldvermehrung nicht nur auf legalem Weg möglich war, überraschte niemanden und bestätigte sich 2011. Der heute 99-Jährige hatte während seiner Amtszeit als Fifa-Präsident Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe entgegengenommen.

«In dieser Spezialdemokratie ist fast jeder mit jedem verbandelt. Das sind Bruderschaften», beschreibt der Philosoph Gunter Gebauer die Fifa: Entstanden ist eine Parallelwelt. «Komplizierte Netzwerke bleiben über Jahrzehnte in der Hand von wenigen Leuten.»

In der Tat: Seit der Gründung 1904 standen erst acht Männer an der Spitze des Verbandes, der mehr Mitgliederländer zählt als die Vereinten Nationen. Daran wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern.

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