Fussball

Absprung oder Absturz: Die Schwierigkeiten des Frauenfussballs in der Schweiz

Bei den Männern war YB Meister, bei den Frauen dominiert seit Jahren der FCZ. Was tun die Klubs für ihre Frauen?

Dank der Grossklubs hat sich der Frauenfussball rasant entwickelt. Die WM in Frankreich bricht aktuell einen Zuschauerrekord nach dem anderen und in manchen Ländern können die Spielerinnen davon Leben. Was aber tun die Klubs in der Schweiz für den Frauenfussball?

Der Traum von der WM platzte für die Schweizerinnen jäh. 0:3 und 1:1 spielten sie im November 2018 gegen Holland, das Aus gegen den Europameister. Während die Gegnerinnen von damals am Sonntag im WM-Final stehen, sind die Frauen um Ramona Bachmann zum Zuschauen verdammt. Auch sie werden Zeuginnen, wie rasant sich ihr Sport entwickelt hat. Vor allem in Europa. Insbesondere dank der Grossklubs.

Von Barcelona über Juventus Turin, Paris St-Germain oder Bayern München bis hin zu Manchester City oder Chelsea – kaum ein Grossklub verzichtet mehr auf eine schlagkräftige Frauentruppe. Selbst Real Madrid kauft sich gerade ein Team. Obschon Florentino Perez nicht gerade ein Fan des Frauenfussballs ist. Aber er ist eben auch Geschäftsmann und hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Und in der Schweiz, was machen Klubs und Verband hier? Seit Jahren dominierend ist der FC Zürich. Von den letzten elf Meistertiteln gingen neun nach Zürich. In der Champions League verzeichneten sie auch schon 7500 Zuschauerinnen und Zuschauer im Letzigrund. Normalerweise. Der Alltag aber, das sind durchschnittlich 200 Zuschauer auf der Sportanlage Heerenschürli. Mit einem Gesamt-Budget bis zu 650  000 Franken für die Mädchen und Frauen sind sie auch vergangene Saison souverän Meister geworden.

Halb-Profitum als Ziel

Das Frauen-Geschäft ist grösstenteils selbsttragend. Aber Geld zu finden ist kein Leichtes. Es geht also vor allem darum, die Effizienz zu steigern. Marion Daube, Geschäftsführerin der FCZ-Frauen, sagt: «Wenn alles nach Plan läuft, dann wird die Frauenabteilung nächste Saison komplett in die AG des Männerklubs integriert.

Die Zusammenarbeit soll noch weiter intensiviert und vor allem nachhaltig festgehalten werden.» Um Synergien zu nutzen. Daube sieht aber auch Grenzen für die Klubs, solange nicht deutlich mehr Geld über das Sponsoring oder den Verband (zum Beispiel Liga-Sponsoring) reinkommt, ist der Schritt Richtung Halb-Profitum nicht zu schaffen. «Wir waren eben nach Paris eingeladen und haben gesehen, wie sie das in Frankreich machen.» Wie in England und den USA leistet auch dort der Verband einen grossen Beitrag. Vor allem auch finanziell.

Andres Meier, Geschäftsführer der YB-Frauen, ist seit Anfang Jahr im Amt. Seither werden die Frauen zwar unter dem Dach des Männerklubs gehalten, aber auch spezifischer gefördert. So haben die Berner eben angefangen, ihr Team separat zu vermarkten, und innert Kürze drei neue Trikotsponsoren gefunden. Die Möglichkeiten sind aber begrenzt. «Es bringt nichts, gross zu träumen, wenn man es nicht zahlen kann. Ein Halbprofitum wäre ein erstrebenswertes Ziel», sagt Meier.

Damit könnten Karrieren verlängert werden. Heute treten viele routinierte Spielerinnen vorzeitig zurück, weil die Belastung von Vollzeitjob und fünf bis sieben Trainings irgendwann zu gross wird. Da mit jeder gestandenen Spielerin Qualität verloren geht, trüge das auch zur Erhaltung des Niveaus im Inland bei. Die Besten zieht es ins Ausland. Dort kann man Geld verdienen, vom Fussball leben. Meist bescheiden.

Gala-Spiel gegen Lyon

Bescheidener wurde man auch in Basel. Man hat das Budget letzten Sommer um rund einen Drittel reduziert (von ungefähr 1,2 Millionen auf 800 000 Franken), aber zugleich nutzt man Synergien schon sehr stark. «Junge Spielerinnen profitieren von den gleichen Voraussetzungen wie die Nachwuchsabteilung, wenn es um die Kombination von Leistungssport und Ausbildung geht», sagt Simon Lombris, Technischer Leiter Frauenfussball beim FCB.

Von einem Campus wie in Basel träumt man bei Servette-Chênois, dem derzeit wohl dynamischsten Verein im Schweizer Frauenfussball. Trainer Eric Severac sagt: «Die Stiftung, die den Klub trägt, möchte sowohl die Frauen- als auch die Männerabteilung weiterentwickeln.» Längst hat man eigene Sponsoren. Man wird viermal im Stade de Genève spielen. Ausserdem ist man bestrebt, ein Gala-Spiel gegen Champions-League-Sieger Lyon zu organisieren. Zudem will man 2020 einen Campus für die Mädchen eröffnen. «Das ist eine nachhaltige Entwicklung, die nicht einfach in zwei, drei Jahren wieder rückgängig gemacht wird», sagt Severac.

Genf profitiert mit Sicherheit von der Sogwirkung der WM in Frankreich. Erstmals werden in der Stadt Spiele der Frauen-WM in Public Viewings gezeigt. Die Politik ist sensibilisiert, die Wirtschaft genauso. Und trotzdem ist Severac davon überzeugt, dass auch der Verband seine Bestrebungen intensivieren muss.

Vorbilder aus dem Ausland

«Wir haben ein Ausbildungszentrum für Mädchen in Biel. Da werden 20 bis 25 Mädchen ausgebildet. Es muss Ziel des Verbandes sein, dass jeder grössere Klub, YB, FCZ, Basel, aber auch Servette, ein solches Zentrum hat. Damit könnten wir die Zahl der top ausgebildeten Spielerinnen auf einen Schlag vervielfachen. Es ist Zeit, zu investieren.» Dessen ist man sich auch beim SFV bewusst. Wer jetzt nicht reagiert, droht den Anschluss zu verpassen. Können wir von den Holländerinnen abschauen? «Wir müssen auf jeden Fall genau analysieren, was sie gemacht haben und wie sie dorthin gekommen sind», sagt Tatjana Haenni, Frauenfussballverantwortliche beim Verband.

Sie sieht Ansätze. Zum Beispiel liesse man Mädchen und Jungs in Holland möglichst lange zusammen spielen. Man habe die Liga professionalisiert. Derweil hat die EM im eigenen Land die Begeisterung entfacht. Deshalb sagt Haenni: «Wir müssen uns unbedingt für die EM 2021 qualifizieren.» Das würde Mädchen für Fussball begeistern, Sponsoren anlocken, Fans und Gönner. Dann könnte man wieder träumen.

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